Kultur und Entwicklung: Positionen und Perspektiven

Kultur, Kulturpolitik und Entwicklungszusammenarbeit

Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen werden weltweit immer komplexer. Auswärtige Kulturpolitik und Entwicklungszusammenarbeit müssen nun neue Wege der Kooperation erproben und die kulturelle Vielfalt fördern, auch um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Von Dr. Michael Schönhuth.

Im Verlauf von vier Entwicklungsdekaden wurde den entwicklungspolitischen Institutionen immer wieder vorgehalten, dass ihre Konzepte und Maßnahmen an den Bedürfnissen der Zielgruppen vorbeiliefen und nur mangelhaft an die lokalen soziokulturellen Kontexte angepasst seien. Heute ist es breiter Konsens, dass Kultur im Entwicklungsprozess eine Rolle spielt. Auch hat sich inzwischen die Überzeugung durchgesetzt, dass entwicklungspolitische Maßnahmen dann am besten funktionieren, wenn sie auf der Basis des Alltagswissens, also so genannten lokalen Wissens, von Zielgruppen aufbauen.

Die von Samuel Huntington und anderen vertretene These, bestimmte vormodern geprägte Kulturen hemmten die menschliche Entwicklung, wogegen andere sie förderten, ist dabei wenig hilfreich. Ebenso abzulehnen ist aber die poststrukturalistische Position, die Kultur als ein System ideologischer Kontrolle versteht. Kultur ist in diesem Verständnis ein Instrument mit dessen Hilfe die seit der Kolonialzeit bestehenden Ungleichheiten zwischen reichen und armen Ländern aufrecht erhalten und zementiert werden.

Besser gehen wir von aktiv und strategisch handelnden Akteuren im Entwicklungsprozess aus, deren Partizipations- und Handlungschancen durch politische, sozioökonomische und soziokulturelle Rahmenbedingungen zwar beschränkt, aber nicht vorgeformt sind. Diese Perspektive rechnet mit Kultur, aber sie liefert die Akteure ihren „kulturellen Prägungen“ nicht aus. Es geht deshalb letztlich darum, die notwendigen politischen Mechanismen für eine faire und freie öffentliche Debatte unterschiedlicher Kulturentwürfe im öffentlichen Raum zu schaffen.

Nachfrage orientierte Kulturpolitik

Dieser Ansatz eignet sich besonders für eine Entwicklungspolitik, die die Artikulations- und Partizipationschancen von benachteiligten Gruppen erhöhen will. Dabei kann auch eine Auswärtige Kulturpolitik helfen, die sich nicht mehr nur angebotsorientiert, sondern zunehmend dialog- und nachfrageorientiert im Sinne einer umfassenden Kulturkooperation versteht. Diesen Schritt vollzieht das Goethe-Institut derzeit. Auf diesem Weg kommt der „Zivilgesellschaft über ein weltweites Netzwerk von Lernorten der Weltkultur, Dialogräumen der Interkultur und Kunst- und Kulturwerkstätten eine tragende Rolle“ zu. So hat es Raymond Weber, der Chef der Luxemburger Entwicklungsagentur schon 2002 betont.

Wie schwierig diese Forderung im Geflecht internationaler Interessenpolitik umzusetzen ist, zeigt nicht zuletzt der erst nach politischen Entgleisungen auf beiden Seiten abflauende Streit um die Mohammed-Karikaturen im März dieses Jahres.
Kulturelle Differenz wahrzunehmen, d.h. eine bessere Kenntnis der jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen, ist die Voraussetzung einer „kultursensiblen“ Entwicklungszusammenarbeit. Kultur als Ausdruck von zivilgesellschaftlichen Machtverhältnissen zu begreifen, gehört zu einem notwendigen Verständnis von Kultur im entwicklungspolitischen Aushandlungsraum.

Kulturelle Vielfalt als Chance

Kulturelle Vielfalt als Entwicklungschance zu begreifen („our creative diversity“) ist die Kunst einer kultursensiblen Entwicklungspolitik. Bestehende Gemeinsamkeiten zu nutzen und nach neuen Gemeinsamkeiten zu suchen, ist eine mögliche Strategie, um globalen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Anerkennung der Verschiedenheit, Nutzung der Vielfalt, Erweiterung der Partizipationschancen und Bauen auf Gemeinsamkeiten: diese Eckpunkte stecken das Feld für einen zeitgemäßen, kontextsensitiven und prozess-orientierten Umgang mit Kultur in der armutsorientierten Entwicklungszusammenarbeit ab.

Dr. Michael Schönhuth
ist Privatdozent für Ethnologie an der Universität Trier und berät staatliche und nicht-staatliche Träger in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ).

Copyright: Goethe-Institut e. V.
Mai 2006