Paradoxien

Erster Weltkrieg und Propaganda – der geheuchelte Krieg

Postkarte aus der Serie „Ich hatt‘ einen Kameraden“ von 1915; CC BY-NC-SA 3.0
Postkarte aus der Serie „Ich hatt‘ einen Kameraden“ von 1915; CC BY-NC-SA 3.0

Der Erste Weltkrieg war ein großes Abschlachten. Presse und Propaganda hingegen zeichneten ein ritterliches und heroisches Bild – und verlängerten damit die Bereitschaft, Not und Elend zu ertragen.

„Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche“, schrieb Ernst Jünger in seinem autobiografischen Roman In Stahlgewittern. Als der Krieg im August 1914 ausbrach, war das Kaiserreich im Freudentaumel, zumindest in den Städten. Die Münchner Neuesten Nachrichten schrieben am 3. August: „In allen Bevölkerungsschichten herrscht große Begeisterung. Ungeheure Menschenmassen wälzten sich unter Hochrufen auf den Kaiser und Absingung der Nationalhymne und patriotischer Lieder durch die Straßen.“ Auch die anderen kriegsführenden Länder erlebten Begeisterungsstürme.

Die vielen Kriegsfreiwilligen – mehr als eine Million in den ersten Mobilmachungswochen – konnten es gar nicht erwarten, an die Front zu kommen und in einem edlen und ritterlichen Kampf dem Feind einen heroischen Sieg abzuringen. Vorbild dafür war immer noch der schnelle Sieg über Frankreich 1870/71.

Zeitschriften wie die Berliner Illustrierte Zeitung erinnerten während des Weltkriegs an die Schlachten gegen Frankreich: In einer Zeichnung beispielsweise stürmen deutsche Soldaten mit gezücktem Säbel einen Hügel bei Wörth – keine Toten, keine Verwundeten, nicht einmal der Feind ist sichtbar, nur preußische Heroen.

Nur wenige hatten vor Kriegsausbruch eine Vorstellung davon, wie ein Krieg mit Massenvernichtungswaffen wie Maschinengewehren, Granaten und schwerer Artillerie aussehen würde. Die Träume der Soldaten vom heroischen Krieg platzten spätestens an der Front, als die Heere sich im November 1914 eingruben und im Stellungskrieg verharrten.

Ein deutscher Infanterist in Verdun schrieb in einem Brief:

„In der Stellung angekommen legten wir uns todmüde in Granatlöcher – von Schützengräben oder gar Unterständen keine Rede; das Gebiet war ja erst vor zwei Tagen erstürmt, dort lagen wir vier Tage lang zuerst ganz naß und 1/2 Meter tief im Dreck - ein Trommelfeuer ging auf uns los, dass es einem von einem Loch ins andere riß; die Schmer¬zensrufe und das Gestöhne der Verwundeten die elend zu Grunde gehen müssen; Tag und Nacht Granatfeuer – oft daß es in der Sekunde 10 bis 20 Geschosse heranhagelte, uns verschüttete und wieder auf¬grub. Unser Leutnant hat geweint wie ein Kind; ja wie sie da lagen, ein Fuß weg - Arme weg, ganz zerfetzt. Gott, das war furchtbar.“

In der Presse tobte der Kampf um die Herzen und Gedanken der Bevölkerung. Überstürzt richteten die kriegführenden Länder Propaganda- und Zensurstellen ein, in Frankreich das zentrale Maison de la Presse. In England das Ministry of Information, in Deutschland war zu Beginn die Nachrichten- und Spionageabteilung des Generalstabs in Berlin für Pressepolitik zuständig. „Auf zum Endkampf“ oder „Was der Feind will“. Der erste totale Krieg war gleichzeitig der erste Krieg, der auch mit den Mitteln der modernen Massenmedien ausgefochten wurde.

Der „Burgfrieden“ im Reich mahnte zu Einigkeit und Geschlossenheit. Willfährige Soldaten, die sich von der Heeresleitung einspannen ließen, um zu Hause den Frontalltag zu verklären, bekamen dafür als Belohnung mehr Heimaturlaub. Erich Ludendorff, ab August 1916 Erster Generalquartiermeister und der eigentliche Kopf der dritten Obersten Heeresleitung, schrieb später in seinen Memoiren: „Seelische Geschlossenheit des Volkes ist die Grundlage des totalen Krieges.“

Was die Kriegspropaganda anging, war Deutschland in der Defensive: Britische und französische Karikaturen stellten ihre Hauptgegner als Barbaren dar, die Tod und Verwüstung bringen – ein berechtigter Vorwurf in Anbetracht der Greueltaten der deutschen Armee im neutralen Belgien. Beispielsweise brannten deutsche Soldaten die Stadt Löwen nieder, inklusive Bibliothek, das „Oxford Belgiens“, wie es in der englischen Presse hieß.

Ein Schweizer Karikaturist zeichnete Kaiser Wilhelm II. als Schlächter, mit blutiger Schürze und großem Hackebeil. So war die deutsche Propaganda stets bemüht, die Vorwürfe der Alliierten zu entkräften – mit mäßigem Erfolg. Die beiden Blöcke kämpften auch mit verschiedenen Waffen: Französische und vor allem englische Propaganda hatten demokratische Streitkultur im Hintergrund, Hass- und Greuelpropaganda und die Dämonisierung des Feindes dominierten. Die Deutschen waren, zumindest bis ins Jahr 1917, da zurückhaltender.

Nach dem alten preußischen Motto „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ argumentierte man bieder und oberlehrerhaft. Frankreich galt als ritterlicher Gegner. Nur der Hauptfeind England wurde verunglimpft als feister „John Bull“, als machtgieriger Plutokrat, der für Geld alles zu opfern bereit ist.

Die Nazis zogen Lehren aus der Propaganda-Niederlage

Die oberste deutsche Zensurstelle orientierte sich an Artikel 22 der Haager Landkriegsordnung von 1907 und stellte klar: „Die Sprache gegenüber den uns feindlichen Staaten kann hart sein. Eine beschimpfende, den Gegner unterschätzende Tonart aber ist kein Zeichen von Kraft. Die Reinheit und Größe der Bewegung, die unser Volk erfaßt hat, erfordert eine würdige Sprache.“

Die Karikaturisten waren vom nationalistischen Taumel erfasst und erledigten bereitwillig das Geschäft der Propaganda, den „Gedankendienst mit der Waffe“, wie Thomas Mann es bezeichnete. In den Kriegsjahren 1914 bis 1918 erschien kaum eine kritische Karikatur in Deutschland. Wenn der Krieg kritisiert wurde, dann war es immer der Krieg der anderen. Die eigene Sache erschien edel und gerecht. Ein Beispiel ist die Satirezeitschrift Simplicissimus. Auch vermeintlich authentische Fotos von der Front zeigen Kampfhandlungen, die von den Propagandaabteilungen nachgestellt wurden, weitab von den eigentlichen Schlachten, mit blitzender Uniform, ohne Deckung und mit intakter Natur als Umgebung.

Ein besonders eklatantes Beispiel: Der Film Unsere Helden an der Somme vom Januar 1917, einer der ersten deutschen Kriegsfilme überhaupt, vom Bild- und Filmamt (Bufa) veröffentlicht, einem Vorgänger der Ufa, wurde komplett hinter der Front, auf Manöverplätzen und in Ateliers gestellt. Trotz des staatlichen Güteprädikats „militärisch-amtlich“ wirkte der Film lächerlich linkisch auf das deutsche Publikum. Der Konkurrenzfilm der Briten The battle of the Somme hingegen zeigte Originalaufnahmen von der Front.

Ludendorff sprach später davon, dass die britische Propaganda einen großen Anteil am Sieg der Alliierten gehabt habe. Die deutsche Propaganda hingegen verfing nicht. Sie hatte keine Botschaft außer Tapferkeit, thematisierte Grausamkeit und Leiden nicht und schob sie auch nicht dem Gegner zu. Es wäre ein leichtes gewesen, das Hungerleiden der Bevölkerung während des Steckrübenwinters 1916/17 der englischen Seeblockade zuzuschreiben, aber die Propagandaleitung wollte den Alliierten nicht beweisen, dass ihre Taktik aufgeht.

Nicht nur geografisch, sondern auch geistig blieben Front und Heimatfront in Deutschland weiter voneinander entfernt als in Frankreich oder England. Die Vorstellung vom ritterlichen Soldatentum und individueller Tapferkeit verblasste, je länger der Krieg andauerte, und machte stattdessen Tugenden wie Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen Platz – und trug damit dazu bei, den Krieg zu verlängern. Ihren Zweck, Front und Heimatfront zu einen, konnte die deutsche Propaganda nicht erreichen.

Die Nazis zogen ihre Lehren aus der Propaganda-Niederlage. Es war die Schützengrabengeneration des Ersten Weltkriegs, die Deutschlands Eroberungskrieg – und auch seine Propaganda – organisierte.

In Haft schrieb Hitler 1924, dass die deutsche Propaganda versagt habe. In seinem Pamphlet Mein Kampf stellte er Regeln auf, wie sie dann im Dritten Reich zum Einsatz kamen. Propaganda müsse „die gefühlsmäßige Vorstellungswelt der großen Masse begreifend, in psychologisch richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum Herzen der breiten Masse“ finden. Die alten Feindbilder überlebten die Zeit zwischen den Kriegen in allen Ländern. Der erneut geschürte Hass fiel also auf fruchtbaren Boden.

Philipp Obergaßner
Copyright: Süddeutsche Zeitung

Dezember 2014

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