Perspektiven

Stimmen zu 1914/18

© Gabriella LörinczStimmen von Experten und Publikum zu 1914/18 hat die Münchner Studentin Vivien Ahrens am Rande der Auftakt-Veranstaltung zur Reihe "Erinnerung an Europa" in der Zentrale des Goethe-Instituts eingefangen.


© Gabriella Lörincz Prof. Dr. Martin Sabrow
Direktor, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Transkription
Es gibt eine ganze Gedächtnistheorie, die als allererstes lehrt, dass man sich nicht des Geschehens erinnert, sondern man erinnert sich des letzten Mals, dass man davon geredet hat. Erinnern ist wie Stille Post. Sie verändert sich mit jedem Aufruf neu. Das macht ihre Suggestivkraft so groß und gleichzeitig ihre Aussagekraft so schwach. Ob es sich dem damaligen Erleben besonders annähert oder sich von ihm besonders abwendet, ist eine Frage, die wir untersuchen, und dazu gebrauchen wir den Begriff der Erzählung, des Narrativs, des historischen Rahmens, des Wertehimmels, in die die Erzählung eingespeist wird... Und das sind Fragen, oder damit verbinden sich historische Phänomene, die für uns als Zeithistoriker zu analysieren interessant sind, weil sie uns zeigen, wie unsere Gesellschaft tickt in der Vergangenheit – oder wir lesen die Vergangenheit als Spiegel der Gegenwart unserer Gesellschaft. Und damit sagen wir dann viel über uns selbst aus, wenn wir die Vergangenheit in ihrer Betrachtungsweise analysieren.

Dr. Julien Thorel Dr. Julien Thorel
Leiter, Institut Français, München Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Transkription
Sie wissen wahrscheinlich von diesen unterschiedlichen Erinnerungskulturen in Frankreich und Deutschland. Ich greife dafür nur zwei Grundbegriffe heraus – in Deutschland bedeutet der Erste Weltkrieg die 'Urkatastrophe' Europas, und in Frankreich ist es die 'grand guerre', also der 'große Krieg' gewesen – und welche Klischees oder welche Gedanken man damit verbindet. Es fallen mir sofort Begriffe wie die 'gueules cassées', diese 'zerbeulten Gesichter', ein. Oder 'Stellungskrieg' gehört auch zu den Leitbegriffen, wenn man sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Ich glaube, wir haben in Frankreich und Deutschland eine ganz andere Wahrnehmung dieses Krieges aus unterschiedlichen historischen Gründen. Und es ist auch unsere Aufgabe als Institut Français in Deutschland und insbesondere im Rahmen dieses Projektes hier in München, sich eben mit solchen Begriffen auseinanderzusetzen, um dann besser einschätzen zu können, wie unterschiedlich wir diesen Krieg wahrgenommen haben, und wie wir diesen Krieg in unserer eigenen nationalen Geschichte verarbeitet haben

© Gabriella Lörincz Dr. Gudrun Harrer
Leitende Redakteurin, Der Standard, Wien Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Transkription
Da wohnen natürlich zwei völlig verschiedene Seelen in meiner Brust. Erstens die österreichische: als Österreicherin denkt man natürlich an den Zerfall des Habsburger Reichs. Was mich etwas überrascht in der österreichischen Debatte momentan ist auch die Präsens der Habsburger Stimmen. Ich möchte da niemandem was unterstellen, aber... Nostalgie wäre nicht das richtige Wort, wie die Österreicher damit umgehen, aber ich glaube, es ist noch immer eine Portion Kitsch dabei, und das überrascht mich heuer, sagen wir mal so.

Und dann gibt's natürlich meine zweite Identität als Orientspezialistin. Und da ist für mich natürlich die derzeitige Situation in Syrien und der derzeitige Diskurs, der im Nahen Osten geführt wird über den Zerfall dieser Ordnung, die genau vor hundert Jahren begonnen hat. Wo viele Dinge angelegt wurden, mit denen wir einfach heute noch zu kämpfen haben. Daran denke ich natürlich sehr, sehr viel und habe viel damit zu tun.


Tina Janker
Festivalkoordination, Abteilung IV
Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik,
Hochschule für Fernsehen und Film München Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Transkription
Es ist wichtig, sich an jeden Krieg zu erinnern. Und ich denke, die direkten Gründe für jeden Krieg sind vielleicht andere, aber sie sind zumindest ähnlich verlaufen, mit ähnlich schrecklichen Konsequenzen und furchtbar vielen Toten. Und ich denke, dass es deswegen wichtig ist, sich auch an jeden Krieg zu erinnern. Also nicht nur den Zweiten Weltkrieg als den wirklich letzten zu sehen, sondern auch in jedem Konflikt einen möglichen nächsten Krieg zu wittern.
Wenn man diese vielen Kriege sieht, denkt man ja auch, Geschichte wiederholt sich irgendwann immer. Irgendwo geht's ja auch darum, dass es sich endlich mal nicht mehr wiederholt!

Carl Wilhelm Macke
Journalist Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Transkription
Was ich dann noch weiß von meinem Großvater – der war ein sehr stiller Mensch, Postbote –, und von dem weiß ich wiederum, dass er 1914 in den Krieg gezogen ist. Und in dieser kleinen norddeutschen Stadt, in der er gelebt hat, da kann ich mich ganz, ganz schwach erinnern, dass er darüber erzählt hat, wie feierlich das war. Oder wie 'hallo' sie in diesen Krieg gezogen sind.
Das andere hab ich mir dann so ein bisschen angelesen. Dass das ja kein Einzelfall war, sondern dass es überall scheinbar in Deutschland so war, dass Menschen, vor allem die Männer, am Anfang eben mit sehr viel 'Hurra' in den Krieg gezogen sind und nachher ganz anders zurück gekommen sind. Aber sonst weiß ich nicht sehr viel von ihm. Außer dass er ein sehr lieber Mensch war.

© Gabriella Lörincz Hans Rehm
Theologe Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Transkription
Ich glaube, dass der Erste Weltkrieg, wenn wir uns daran erinnern, hauptsächlich auf Europa bezogen erinnert wird. Ich hab aber eben, wie gesagt, die Perspektive aus der Region [Naher Osten], dass die heutigen Konflikte dort sehr eng mit den Geschehnissen des Ersten Weltkrieges zusammenhängen.
Ich würde nicht von Parallelen sprechen, sondern ich würde sagen, es ist eine Fortsetzung der Konflikte – oder der Konfliktlinien – die wir heute im Nahen Osten sehen, wie damals die europäischen Großmächte – England, Frankreich zum Beispiel – versucht haben, sich die Einflusssphären dort aufzuteilen. Und Grenzen gezogen haben ohne Rücksicht auf Ethnien. Und dass wir deswegen heute noch an diesen Konflikten knabbern, die dadurch entstanden sind.

© Gabriella Lörincz Sarah Schaar
Praktikantin, Kulturreferat, Stadt München Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Transkription
Ich finde es sehr sinnvoll, an den Ersten Weltkrieg zu erinnern. Ich studiere gerade, bin also noch relativ schulnahe, und kann sagen, ich habe ab der 8. Klasse, immer mehrere Wochen im Jahr, im Geschichtsunterricht den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, die Weimarer Republik und so weiter durchgekaut. Der Erste Weltkrieg wurde in keiner Weise thematisiert. Und genau aus diesem Grund finde ich es einfach unglaublich wichtig, an diesen Ersten Weltkrieg zu erinnern.
Geschichte ist sozusagen ja immer ... ist ja einfach ein Fluss, der immer und immer und immer weiter geht. Und immer mehr dann zur Geschichte dazu gehört. Und wenn man beurteilen möchte, ob wir aus Geschichte lernen können, müsste man ja sozusagen einen Endpunkt setzen, um das von diesem Punkt aus rückwirkend beurteilen zu können. Da das aber nicht geht und da wir immer weiter rücken, glaube ich gar nicht, dass man diese Frage beantworten kann.

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