Perspektiven

Europäischer Krieg und Nationale Spaltung

Der Erste Weltkrieg ist für Griechenland nicht in dem Maße einschneidend wie für andere europäische Länder, wo in manchen Fällen der 11. November (1918) gar als nationaler Feiertag eingeführt wurde. Vielmehr ist der „Große Krieg“ Teil einer ganzen Dekade bewaffneter Konflikte in der neueren griechischen Geschichte. Sie beginnt mit dem Ersten Balkankrieg (1912) und endet mit der Kleinasiatischen Katastrophe (1922). In deren Zusammenhang muss die griechische Armee in Kleinasien eine fürchterliche Niederlage hinnehmen; die gewaltsame Vertreibung der dort ansässigen Griechen endet in einem griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch (1922/23). Christina Koulouri skizziert die Schnittstellen zwischen den Entwicklungen in Griechenland, auf dem Balkan und in Westeuropa.



Durch die militärische und humane Katastrophe in Kleinasien wurde in den Hintergrund gedrängt, dass Griechenland zu den Siegernationen des Ersten Weltkriegs gehört. Sicher hat dazu auch die Nationale Spaltung beigetragen. Dass Griechenland überhaupt auf der Seite der Entente Kriegsteilnehmer wurde, war das Resultat eines innenpolitischen Konflikts zwischen dem Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos und dem Monarchen Konstantin, der die zeitweise Teilung des Landes in zwei Staaten zur Folge hatte.

Auf der Folie der Nationalen Spaltung prallen die beiden Weltkriegsgegner aufeinander, und die ideologische, politische und militärische Auseinandersetzung innerhalb Europas wurde in die griechische Innenpolitik verlagert: Während Venizelos auf der Seite der Triple Entente stand, hielt sich Konstantin an die Mittelmächte. Zwei verschiedene Konzeptionen, wie das Land gestaltet und entwickelt werden sollte, stießen da aufeinander. Aus griechischer Sicht handelte es sich um einen Krieg im Balkan-Kontext und hing mit der „Großen Idee“ der Nation zusammen, einer irredentistischen Vision des 19. Jahrhunderts, die auf die Erweiterung der Landesgrenzen zu Lasten des Osmanischen Reichs absah.

Pulverfass Europa und Zündschnur Balkan

Erneut schien das „Pulverfass Balkan“ zu zünden, so dass viele Griechen den Ersten Weltkrieg denn auch für den Dritten Balkankrieg hielten. In Wirklichkeit war Europa das Pulverfass; der Balkan diente lediglich als Zündschnur. Faktisch begann der Krieg auf dem Balkan, nämlich mit der Ermordung des Habsburger Thronfolgers in Sarajevo.

Dem Erzherzog Franz Ferdinand, einer tragischen Gestalt der Geschichte, wird ein schroffer Charakter, Sicherheit in Geschmacksfragen und eine Vorliebe für Kunst nachgesagt. Er galt als slawophil und war den Ungarn feindlich gesonnen, plante gar zugunsten der Slawen eine Strukturreform der Doppelmonarchie, wie sie seit 1867 bestand. Merkwürdig und schicksalhaft genug, dass er zusammen mit seiner Ehefrau ausgerechnet von den Leuten ermordet wurde, die er unterstützte: den Südslawen. Vermutlich verfolgte die nationalistische Terrororganisation „Schwarze Hand“, der der Mörder angehörte, die Vision eines Großjugoslawiens; der stand die Vereinigung der Slawen innerhalb Österreich-Ungarns, eine vom Thronfolger als „Trialismus“ favorisierte Option, entgegen.

Die Kontrahenten der Balkankriege von 1912-13 fügen sich den Bündnisfronten ein und erneuern so ihre bereits bestehenden Feindschaften: Serbien, Rumänien und Griechenland auf Seiten der Entente, Bulgarien und das Osmanische Reich bei den Mittelmächten. Das durch die Kriege erreichte, doch fragile Gleichgewicht der Kräfte auf dem Balkan war gleichwohl strittig, zumindest auf Seiten der Besiegten. Griechenland jedenfalls trat aus beiden Kriegen als Sieger hervor und verdoppelte Staatsgebiet und Bevölkerung. Nichts desto trotz galt die „Große Idee“ nach wie vor als nicht verwirklicht. Im Gegenteil stärkten die Balkansiege das Selbstbewusstsein, sich erneut irredentistischen Zielen zu widmen.

Gespaltene Nation im Ersten Weltkrieg

Als sich Europas Krieg auszubreiten begann, stand Griechenland vor der Wahl, neutral zu bleiben – was der König unterstützte -, oder in den Krieg auf Seiten derjenigen Partei einzutreten, die den griechischen Interessen am meisten nützte. Für Venizelos bestand kein Zweifel daran, dass die Interessen Griechenlands und die der Mittelmächte korrespondierten, allen voran die Großbritanniens. Unabhängig vom Kriegsausgang bliebe, so das Kalkül des griechischen Ministerpräsidenten, die britische Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer wohl erhalten. Ein Bündnis mit Deutschland lehnte er ab, weil, so seine Einschätzung, deutsche Interessen eine Unterstützung Bulgariens und des Osmanischen Reichs nach sich ziehe, also der beiden Hauptgegner Griechenlands. Wie auch immer: Wirtschaftliche und geopolitische Gründe sprachen aus Venizelos´ Sicht für ein Bündnis mit England und Frankreich.

Konstantin dagegen war ein Bewunderer des deutschen politischen Modells und fest davon überzeugt, dass die deutsche Armee unbesiegbar wäre. Dabei beeinflusste ihn auch seine Gattin Sophia, Schwester des deutschen Kaisers, und sein Außenminister Giorgos Streit, Professor für Internationales und Verfassungsrecht der Athener Universität. Die politischen Ansichten Streits gründeten auf den Fakten des traditionellen europäischen Kräfteausgleichs, bei dem es um die Erhaltung der Habsburg-Monarchie und des Osmanischen Reichs ging. Ein wichtiges Kriterium dafür, auf wessen Seite man sich stellte, war die Bedrohung durch den Panslawismus. Den hielt Konstantin für die Gefahr schlechthin, so dass es ihm darum ging, griechische Interessen mit denen der Mittelmächte in Einklang bringen. Dem von Wilhelm II. ausgeübten massiven Druck, Griechenland solle sich zu einem Bündnis mit Deutschland entschließen, setzte Konstantin eine neutrale Haltung entgegen, da nur die Neutralität Griechenland vor den Folgekosten eines riskanten und letztlich aussichtslosen Krieges schützen könne.

Anfangs hielt sich Griechenland tatsächlich neutral, was Venizelos für ein „Provisorium“ hielt, Konstantin dagegen für einen „Dauerzustand“. Als das Osmanische Reich auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg eintrat, sah Venizelos die Chance gekommen, seine Pläne zur Expansion Griechenlands umzusetzen, vorausgesetzt, die Neutralität würde aufgegeben. Anfang 1915 begann die Dardanellen-Operation der Entente gegen das Osmanische Reich. Venizelos schlug vor, ein griechisches Armeekorps dorthin zu senden. Konstantin lehnte ab, worauf Venizelos seinen Rücktritt erklärte.

Im Strudel der schweren politischen Krise, die sich zur Nationalen Spaltung ausweitete, war der Boykott der Dezemberwahlen 1915 seitens der Liberalen von Venizelos nur der Auslöser weitaus radikalerer Aktionen. Die Bewegung der Nationalen Verteidigung, zu der Venizelos-Anhänger wie Alexandros Zannas, Periklis Argyropoulos, Generalmajor Leonidas Paraskevopoulos und Oberst Emmanouil Zymvrakakis gehörten, trat am 30. August 1916 in Erscheinung. Inzwischen hatte sich - nach dem Kriegseintritt Rumäniens und dem deutschbulgarischen Angriff auf Mazedonien - die Situation auf dem Balkan verändert. Was dann den Ausschlag gab, war die tiefe Erschütterung der griechischen Bevölkerung nach der Kapitulation des 4. Armeekorps und der bulgarischen Besetzung Kavalas. Die Tatsache, dass Konstantin ablehnte, darauf zu reagieren, hatte Folgen für Venizelos´ weiteres Vorgehen: Am 9. Oktober bildete er in Thessaloniki eine republikanische Gegenregierung, bestehend aus dem „Triumvirat“, dem er selbst, P. Dagklis und P. Kountouriotis angehörten. Mit diesem revolutionären Akt erhielt die Nationale Spaltung eine konkrete, räumliche Dimension: Griechenland bestand nun aus zwei Staaten.

Die „Schlacht von Athen“

Die Entente landeten in einem letzten Versuch, Konstantin von der Neutralität abzubringen, Ende November 1916 im Piräus und in Faliron. Als Ergebnis der „Schlacht von Athen“ gab Konstantin der anfänglichen Forderung nach, einen Teil des griechischen Kriegsmaterials zu übergeben. Kaum waren die Streitkräfte der Entente im Rückzug begriffen, kam es zu den „November-Vorfällen“, einer Terrorwelle gegen Venizelos und seine Anhänger, mit Morden, Verhaftungen, Plünderungen und Einschüchterungen bis hin zur Exkommunikation von Venizelos selbst durch den Athener Erzbischof, dem berüchtigten Bannfluch „Anathema“.

Der Zusammenstoß mit den Alliierten in der „Schlacht von Athen“ und der Entschluss von Konstantin, in Epirus und Thessalien mit deutscher Hilfe Partisanengruppen einzusetzen, legten die Abdankung des Königs als einzige Lösung nahe. Im Mai 1917 besetzen alliierte Truppen Thessalien, die italienische Armee stieß in Epirus vor und nahm Jannina ein, während die Flotte unter dem Hochkommissar Charles Jonnart den korinthischen Isthmos okkupierte. Konstantin dankte ab und ernannte seinen Sohn Alexander zum Nachfolger. Dann verließ er mit seiner Familie das Land. Griechenland, wieder ein einheitlicher Staat, erklärt den Mittelmächten am 15. Juni 1917 den Krieg. Doch ein griechisches Heer aufzustellen, das mit den Bündnispartnern der Entente einsatzfähig würde, erwies sich keinesfalls als leichte Aufgabe. Das „Alte Griechenland“ (der Süden) war mehrheitlich monarchistisch, und die Interventionen der Alliierten wurden als nationale Demütigung erfahren. Im großen Ganzen lehnte die griechische Gesellschaft eine Beteiligung an diesem Krieg ab, da er für ein kleines Land zu schrecklich und zu „groß“ erschien. Venizelos leitete bis März 1918 schrittweise die Allgemeine Mobilmachung ein. Dabei kam es zu Aufruhr und Fahnenflucht, ja es gab sogar Überläufer. Schließlich nahmen die griechischen Streitkräfte im Verbund mit den Alliierten an den letzten Auseinandersetzungen teil, die an der mazedonischen Front bis zur Kapitulation Bulgariens stattfanden.

Der Erste Weltkrieg endete am 11. November 1918 mit dem Waffenstillstand. Doch in den fünf darauffolgenden Jahren kommt es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen bis hin zu konventionellen Kriegshandlungen, etwa beim kleinasiatischen Feldzug. Eine Reihe von Verträgen, darunter als bedeutendster der Friedensvertrag von Versailles, gestalten ein Jahrhundert nach dem Wiener Kongress die Karte Europas neu. Die großen Reiche gab es nicht mehr; behauptet hatte sich der ethnisch homogene Nationalstaat. Als unvermeidliche Konsequenz ergab sich daraus das Problem der von neuen Grenzen umgebenen Minoritäten. Durch den Vertrag von Sèvres (1920) sah Griechenland die Chance gekommen, seine „Große Idee“ zu verwirklichen, bis auch es im Vertrag von Lausannes (1923) auf tragische Weise das Ende des Ersten Weltkriegs erlebt.

Christina Koulouri, Copyright: privat Christina Koulouri lehrt Neue Geschichte an der Panteion-Universität Athen.




Übersetzung: Andrea Schellinger

Gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung in der Zeitung TO VIMA, 12. Januar 2014

Copyright: Christina Koulouri und Goethe-Institut Griechenland/Internetredaktion
März 2014

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