Perspektiven

Herfried Münkler: DER UNTERGANG DES OSMANISCHEN REICHS. MESOPOTAMIEN, PALÄSTINA UND DIE ARABISCHE HALBINSEL IM ERSTEN WELTKRIEG

Der zu Unrecht vergessene Krieg

In Deutschland konzentriert sich die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg auf die Front in Belgien und Nordfrankreich, wo über vier Jahre ein erbitterter Stellungs- und Materialkrieg geführt wurde. Dagegen ist die Erinnerung an den Krieg auf dem Balkan und gegen Russland verblasst, und so gut wie keine Rolle spielen die Kriegsschauplätze im Nahen Osten und in Kleinasien, wiewohl auch dort deutsche Soldaten gekämpft haben und gefallen sind. Bei Australiern und Neuseeländern, die damals fest zum britischen Empire gehörten, ist das anders: Ihre Erinnerung an den großen Krieg in Europa bezieht sich überwiegend auf die Halbinsel Gallipoli am Eingang der Dardanellen, wo Europa und Asien durch eine schmale Wasserstraße voneinander getrennt sind und wo die Briten im Frühjahr 1915 versuchten, einen vernichtenden Schlag gegen das Osmanische Reich zu landen, den Verbündeten Deutschlands und Österreich-Ungarns. Aber das Landungsunternehmen auf Gallipoli ist ebenso misslungen wie der Durchbruch der Kriegsschiffe durch die Dardanellen und den Bosporus ins Schwarze Meer. Australier und Neuseeländer erlitten dabei schwere Verluste, und diese Erfahrung hat in Verbindung mit der sorgfältig gepflegten Erinnerung daran bei ihnen zur Entstehung nationalen Selbstbewusstseins geführt: Aus englischen Siedlern wurden Australier und Neuseeländer.

Ein wenig anders war dies bei den Soldaten der indischen Armee des britischen Empire, die am Schatt el-Arab angelandet worden waren, um angelehnt an Euphrat und Tigris über Basra nach Bagdad vorzustoßen und so den Türken und ihren Verbündeten den Zugriff auf das dort geförderte Erdöl zu nehmen. In Mesopotamien zumindest war der Erste Weltkrieg auch ein Krieg ums Öl. Die im heutigen Pakistan und in Indien rekrutierten Soldaten der britischen Truppen machten die Erfahrung, im Interesse einer ihnen zunehmend fremder werdenden Macht eingesetzt zu werden, und dieses Bewusstsein wurde zu einer der Quellen antiimperialen Bewusstseins. Wo die Erinnerung an den Krieg für die hier eingesetzten Soldaten politisch relevant wurde, wurde sie zur Grundlage eines nationalen Selbstbewusstseins, das aus dem Empire der Briten herausdrängte.

Allein diese Auswirkungen des Kriegs auf die im Nahen und Mittleren Osten eingesetzten Soldaten des britischen Weltreichs sind Grund genug, diese Kriegsschauplätze nicht so nebenbei zu behandeln, wie dies in vielen europäischen Darstellungen des Großen Krieges der Fall ist. Noch wichtiger jedoch sind die Folgen, die der Krieg in dem Raum selbst hinterlassen hat und die dessen politische Ordnung bis heute prägen. Briten und Franzosen, die sich 1916 im Sykes-Picot-Abkommen über die Abgrenzung ihrer Einflusszonen in der Region verständigten, ist es nach Kriegsende nicht gelungen, hier eine stabile und entwicklungsfähige Ordnung zu schaffen: Das multinationale und multireligiöse Großreich der Osmanen war zerfallen; was an seine Stelle trat, waren Dynastien, die nur selten die Loyalität der Bevölkerung auf sich vereinen konnten und durch Militärputsche gestürzt oder in Parteidiktaturen überführt wurden. Auch das europäische Modell des Nationalstaats hat, wie der Zerfall des Iraks und Syriens zeigt, sich nicht durchsetzen können. Die politische Instabilität und wirtschaftliche Stagnation des Nahen und Mittleren Ostens sind eine Hinterlassenschaft des Ersten Weltkriegs, die bis ins 21. Jahrhundert überdauert hat.

Die türkische Entscheidung für Deutschland

Sicherlich stellte die osmanische Ordnung des Raumes ein weder stabiles noch sonderlich entwicklungsfähiges Modell dar. Seit dem 18. Jahrhundert galt das Osmanische Reich, das im 16. und 17. Jahrhundert bis an die Tore Wiens vorgestoßen war, in Europa als „der kranke Mann am Bosporus“, und mit der industriellen Revolution hat sich auch der Abstand der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu den Europäern vergrößert. Aber es hat im Zentrum der Macht immer wieder politische, soziale und wirtschaftliche Modernisierungsanstrengungen gegeben, in deren Folge das Osmanische Reich zu einem geostrategisch attraktiven Partner der europäischen Großmächte avancierte. Konkurrenziell bis feindlich war dagegen das Verhältnis zum zarischen Russland, das seit Jahrhunderten gegen die türkische Machtstellung im Schwarzmeerraum angekämpft hatte.

Da Briten und Franzosen im Raum des Osmanischen Reichs starke eigene Interessen hatten, näherte sich die politische Führung in Istanbul zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend dem Deutschen Reich an. Und in Deutschland war man an einer wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit überaus interessiert: Man entsandte Militärberater, die sich um die Reform der türkischen Armee kümmern sollten, und entwarf Pläne für eine stärkere infrastrukturelle und damit wirtschaftliche Integration der riesigen Gebiete des Reichs durch den Bau von Eisenbahnlinien. Eisenbahnverbindungen waren Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts das bevorzugte Mittel zur wirtschaftlichen Erschließung von Räumen, und die wirtschaftliche Belebung der Räume sollte zu deren herrschaftstechnischer Konsolidierung führen. Eisenbahnlinien waren die Blutbahnen, die dem erstarrten Leib des Osmanischen Reichs neues Leben verleihen sollten. Zu-gleich waren sie die logistische Voraussetzung für die Verteidigbarkeit dieses Reiches gegen seine Konkurrenten. Es kann darum nicht überraschen, dass der Erste Weltkrieg in diesem Raum wesentlich in der Nähe und um die Kontrolle (bzw. Zerstörung) dieser Eisenbahnlinien geführt wurde. Wer in seinen Rückraum über eine leistungsfähige Eisenbahnverbindung verfügte, war im Vorteil, und wer eine der gegnerischen Logistik dienende Eisenbahnlinie an deren verwundbarsten Stellen (Brücken und Tunneln) zerstörte, fügte dem Gegner einen schweren Schlag zu. Der durch Lawrence von Arabien legendär gewordene Aufstand einiger Stämme gegen die osmanische Herrschaft war militärisch darum effektiv, weil er als Kleinkrieg gegen die Hedschasbahn geführt wurde und damit die zentrale Versorgungslinie der Türken in diesem Raum traf.

Die türkische Entscheidung für die Deutschen als Hauptakteur beim Bau der Eisenbahnen wurde nicht zuletzt dadurch begünstigt, dass die Deutschen in der Region nicht als Kolonialmacht auftraten und bislang dort auch keine starken geostrategischen Interessen gezeigt hatten. Dass sich die Deutsche Bank als einer der großen Finanziers des Projekts in einem breiten Streifen entlang der Bagdadbahn die Rechte zur Erdölförderung ausbedungen hatte, war eher Bestandteil der Finanzierung als politische Einflussnahme. Konflikte mit den Briten wegen des möglichen Weiterbaus der Bahn von Bagdad nach Basra konnten ausgeräumt werden. Dennoch wollte sich das Osmanische Reich nicht völlig an die Deutschen binden und hatte zwecks maritimer Aufrüstung in England zwei Schlachtschiffe bestellt (und bezahlt), mit denen es die Machtverhältnisse in der Ägäis und im Schwarzen Meer verändern wollte. Aber die Briten lieferten die beiden Großkampfschiffe im Sommer 1914 unter Verweis auf die Beistandsverpflichtungen, die Istanbul gegenüber den Mittelmächten eingegangen war, nicht aus, sondern gliederten sie in die eigene Flotte ein. Als daraufhin das aus den Panzerkreuzern Goeben und Breslau bestehende deutsche Mittelmeergeschwader in die Meerengen einlief, die osmanische Flagge setzte und damit an die Stelle der ausgebliebenen Schlachtschiffe aus England trat, festigte das die Bindungen der Türken ans Deutsche Reich, und am 29. Oktober 1914 erklärte Sultan Mohammed V. Russland und Frankreich den Krieg. Damit wurde der Krieg auf das Gebiet zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, Suezkanal und Mesopotamien ausgeweitet. Sieht man von den begrenzten Kampfhandlungen in den deutschen Kolonien und dem nur zeitweilig erfolgreichen Kaperkrieg der Deutschen ab, so wurde der europäische Krieg erst dadurch zum Weltkrieg.

Die osmanische Kriegsführung

Das Osmanische Reich führte an drei Fronten Krieg: Im Kaukasus gegen die Russen, im östlichen Mittelmeer zwischen dem Suezkanal und den Dardanellen gegen die Briten und Franzosen sowie in Mesopotamien ebenfalls gegen die Briten, die hier die indische Armee des Empires einsetzten. Die diffuse Front auf der arabischen Halbinsel kam mit dem Aufstand einiger Stämme erst später hinzu, und ihre strategische Bedeutung für den Kriegsverlauf wird infolge der romantischen Stilisierung der Kämpfe durch Thomas E. Lawrence zumeist überschätzt. Kriegsentscheidend waren dagegen die Kämpfe in Palästina, vor allem die Schlachten von Gaza, die dem Stellungskrieg und den Material-schlachten an der deutschen Westfront vergleichbar sind. Hier nämlich waren die bei Gaza schließlich durchgebrochenen Briten in der Lage, größere Truppenverbände über Eisenbahnverbindungen und auf dem Seeweg zu versorgen und mit diesen Truppen über Jerusalem bis nach Damaskus, also ins Herzland des Osmanischen Reiches, vorzustoßen. Etwas Vergleichbares war in Mesopotamien wegen der fehlenden logistischen Voraussetzungen zur Versorgung großer Truppenverbände nicht möglich. Insgesamt haben die Truppen des Osmanischen Reiches sehr viel effektiver gekämpft, als man dies nach dem Libyenkrieg von 1911 und dem Ersten Balkankrieg von 1912 hatte erwarten dürfen. Welche Rolle dabei die strategische Führung und die taktischen Instruktionen durch deutsche Offiziere gespielt haben, ist in der einschlägigen Literatur umstritten. Zweifellos haben die Generäle Otto Liman von Sanders und Colmar von der Goltz eine wichtige Rolle gespielt; sie förderten das Vertrauen der türkischen Soldaten und Offiziere, ihren europäischen Gegnern ebenbürtig zu sein. Dass sie das tatsächlich waren, zeigte sich in Gallipoli und bei Kut al-Amara, wo die osmanischen Truppen Siege errangen, die ihnen zuvor kaum einer zugetraut hatte.

Dennoch verlief der Krieg für das Osmanische Reich zunächst keineswegs nach Plan: Der im Spätherbst unternommene Vorstoß in den Kaukasus wurde bei einbrechendem Winter zum militärischen Desaster, und die hier eingesetzte türkische 3. Armee verlor binnen weniger Wochen nahezu 100.000 Mann. Auch der Vorstoß zum Suezkanal scheiterte, mit dem die Schlagader des britischen Empires unterbrochen werden und, nach dem Überschreiten des Kanals, die ehemaligen osmanischen Reichsprovinzen Ägypten und Libyen zurückerobert werden sollten. Dieser wegen der schwierigen Nachschublage mit relativ schwachen Kräften unternommene Vorstoß hätte wohl nur dann eine Chance gehabt, wenn er die Briten überrascht und unvorbereitet getroffen hätte. Ein französisches Aufklärungsflugzeug hatte jedoch die durch den Sinai anrückenden Marschkolonnen entdeckt, und so waren die Briten auf den Angriff vorbereitet. Ein zweiter, mit stärkeren Kräften unternommener Vorstoß unterblieb, weil die Türkei 1915 ihre Kräfte bei der Verteidigung der Halbinsel Gallipoli brauchte und man zum Vorschieben der Front an den Suezkanal auf leistungsfähige Eisenbahnlinien angewie-sen war, die es jedoch im Sinai nicht gab. Also erstarrte die Front für lange Zeit auf der Höhe von Gaza.

Die erstarrte Front in Palästina

Palästina wurde damit zum Rückraum der im Süden verlaufenden Front; hier wurden Nachschub- und Reserveeinheiten stationiert, Flugplätze für Luftaufklärer und Kampfflugzeuge eingerichtet, Munitionsdepots angelegt und Auffangstellungen für den Fall eines britischen Durchbruchs vorbereitet. Neben der Halbinsel Gallipoli und dem südlichen Kaukasus wurde die Front in Palästina zum wichtigsten Kriegsschauplatz des Os-manischen Reichs. Zehntausende von Soldaten sind hier gefallen. Auch der Große Generalstab der Deutschen, der die Kriegführung des Vierbundes, bestehend aus Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich, koordinierte, war sich über die Bedeutung der Palästina-Front im Klaren und setzte darum eigene Einheiten in Richtung Naher Osten in Marsch, die als „Korsettstangen“ der türkischen Front bei Gaza dienen sollten. Es handelte sich dabei um ein kurhessisches und ein ostpreußisches Infanterieregiment sowie zwei österreichische Gebirgsartilleriebatterien. Sie bildeten das deutsche Levantekorps, das aus etwa 5000 Soldaten bestand.

Die erfolgreiche Verteidigung der Dardanellen und Gallipolis

Das Hauptkampfgeschehen des Krieges im Nahen Osten spielte sich zunächst jedoch nicht in Palästina ab, sondern an den Meerengen zwischen Europa und Kleinasien, namentlich bei den Dardanellen und auf der Halbinsel Gallipoli, sowie in Mesopotamien am Unterlauf von Euphrat und Tigris. Der Kampf um die Meerengen hatte in den strategischen Plänen der Entente eine herausgehobene Bedeutung, während deren Vorstoß von Schatt el-Arab in Richtung Bagdad eher die Aufgabe zukam, türkische Truppen zu binden und sie vom Einsatz auf anderen Kriegsschauplätzen abzuhalten. Vor allem der britische Marineminister Winston Churchill hatte seit Ende 1914 nach der Stelle am, wie er meinte, „weichen Unterleib der Mittelmächte“ gesucht, wo er diesen einen Schlag versetzen wollte, der geeignet war, den Krieg schnell zu beenden. Für Churchill war das nicht nur eine Alternative zu weiteren verlustreichen Großoffensiven in Nordfrankreich und Belgien, sondern sollte auch eine leistungsfähige Seeverbindung zum russischen Verbündeten herstellen und zur Eröffnung einer weiteren Front gegen die Mittelmächte führen. Es war (und ist) typisch für die Strategie einer Seemacht, dass sie die Entscheidung des Krieges nicht am stärksten, sondern am schwächsten Punkt des Gegners sucht, und das kann sie infolge ihrer weithin uneingeschränkten Seeherrschaft und ihrer Fähigkeit zu amphibischen Landeunternehmen an den vermeintlichen Schwachpunkten der Gegenseite.

Churchill hatte diesen Schwachpunkt bei den Meerengen ausgemacht, und der britisch-französische Plan sah vor, dass ein starker Verband von Kriegsschiffen in die Dardanellen einlaufen und bis zum Schwarzen Meer vorstoßen sollte. Die türkischen schweren Küstenbatterien sollten durch die Schiffsartillerie ausgeschaltet werden, und zur Unterstützung dessen wollte man Heereseinheiten auf der Halbinsel Gallipoli anlanden. Aber die in die Dardanellen eingelaufenen Kriegsschiffe wurden schon bald durch Minen-sperren aufgehalten, und die zur Räumung der Seeminen vorgeschickten leichten Schiffseinheiten wurden von den türkischen Küstenbatterien zusammengeschossen. Auch den angelandeten Infanterieeinheiten war nicht der erwartete Erfolg beschieden: Ihr Angriff blieb küstennah im türkischen Abwehrfeuer stecken, und trotz wiederholter Versuche gelang kein Durchbruch durch die türkische Verteidigung. Zwischenzeitlich waren deutsche U-Boote herangeführt worden, für welche die am Eingang der Dardanellen liegenden Kriegsschiffe der Entente „weiche Ziele“ waren. Nach der Versenkung einiger großer Schiffe wurden diese abgezogen, und auch das Landeunternehmen der Briten, Australier und Neuseeländer wurde im Herbst 1915 abgebrochen. Die von dem deutschen General Liman von Sanders geleitete Verteidigung der Dardanellen und der Halbinsel Gallipoli wurde zum größten militärischen Erfolg des Osmanischen Reichs im Weltkrieg.

Die britische Niederlage am Tigris

Ein strategisch sicherlich nicht gleichwertiger, symbolisch aber ebenso bedeutsamer Erfolg gelang der osmanischen 6. Armee in Mesopotamien, die ein entlang dem Tigris vorgestoßenes britisches Armeekorps im November 1915 südlich Bagdad zurückschlug und die Einheiten des Generals Clark Townshend bei Kut al-Amara einschloss. Dieser vertraute auf die Versorgung seiner Positionen über den Tigris und hoffte auf Entsatz von außen. Aber die Briten erlitten bei dem Versuch, die eingeschlossenen Soldaten zu entsetzen, hohe Verluste, und am 29. April 1916 mussten Townshend und seine Männer kapitulieren. Die Niederlage von Kut al-Amara zeigte die Verwundbarkeit des britischen Weltreichs, und auf diese Verwundbarkeit hatte General von der Goltz, der Planer dieses Sieges, gesetzt. Wenige Tage vor der britischen Kapitulation war er an einer Flecktyphusepidemie gestorben.

Deutsche Hoffnungen auf einen islamischen Antiimperialismus

Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz war eine für das deutsche Militär eher untypische Erscheinung. In mancher Hinsicht glich er eher einem Intellektuellen als einem preußischen Offizier. Er war ein guter Kenner des Balkan und des Osmanischen Reichs, wo er sich früher bereits als Militärberater für einen längeren Zeitraum aufgehalten hatte. Im Unterschied zum Gros der deutschen Generalstabsoffiziere, die Offensivvorstellungen anhingen, präferierte er für Deutschland die militärische Offensive, die er jedoch mit politischen Defensiven verknüpfen wollte. Er war nämlich davon überzeugt, dass die Epoche der Weltherrschaft des „weißen Mannes“, also der Europäer, zu Ende gehe und das 20. Jahrhundert eines des „farbigen Mannes“ sein werde. Von der Goltz wollte das bevorstehende Ende des britischen und des französischen Kolonialimperiums beschleunigen und dies für die Selbstbehauptung der Deutschen im Krieg nutzen. Dabei setzte er auf einen diffusen Antiimperialismus, den er durch die Ausrufung des Heiligen Krieges der Muslime befördern wollte.

Von der Goltz war nicht der Einzige, der sich viel von einer Koalition des Deutschen Reichs mit dem Islam versprach, wobei er nicht weiter zwischen Türken und Arabern differenzierte. Auch der Orientalist, Archäologe und Diplomat Max von Oppenheim und der Politikwissenschaftler und Publizist Ernst Jäckh hingen solchen Vorstellungen an und suchten die Deutschen als Schutzmacht des Islam zu profilieren und die Muslime weltweit gegen Briten und Franzosen zu mobilisieren. In der Retrospektive kann man sagen, dass dies ein modernes Revolutionskonzept war, bei dem jedoch zu wenig berücksichtigt war, dass es sich in nationalistischer Ausrichtung auch gegen das Osmanische Reich richten ließ. Hier setzten die Briten an, als sie einige Stämme der arabischen Halbinsel zum Aufstand gegen die osmanische Herrschaft veranlassten und einen Partisanenkrieg entfesselten, der die türkische Herrschaft im Küstenstreifen am Roten Meer erheblich traf. Der islamische Antiimperialismus, auf den von der Goltz und die anderen gesetzt hatten, zeitigte dagegen nur marginale Wirkung. Rückblickend ist fest-zuhalten, dass von der Goltz der Zeit um einige Jahrzehnte vorausgewesen ist.

Der Nahe und Mittlere Osten als vermeintlicher Nebenkriegsschauplatz

Zum Fehlschlag der islamisch grundierten Diversionsstrategie der Deutschen dürfte freilich auch beigetragen haben, dass der Große Generalstab nicht wirklich an sie glaub-te und nur bescheidene Ressourcen und Kräfte für sie bereitstellte – beginnend bei der Expedition des bayrischen Leutnants Oskar Niedermayer, die von Bagdad nach Kabul führte, um die afghanischen Stämme zum Angriff auf Britisch-Indien anzustacheln, und endend bei der fehlenden Unterstützung der Agenten, die im islamischen Afrika antibritische Aufstände anzuzetteln versuchten. Im deutschen Generalstab konzentrierte man sich auf die West- und die Ostfront und betrachtete den Nahen und Mittleren Osten als einen Nebenkriegsschauplatz.

Einer ganz anderen Auffassung war der dezidiert deutschenfreundliche schwedische Staatsrechtler Rudolf Kjellén, demzufolge das geopolitische Zentrum des Krieges im Nahen und Mittleren Osten lag, wo die drei nach seiner Auffassung kriegsentscheidenden Akteure aufeinandertrafen und um ihre Positionen in der zukünftigen Weltherrschaft kämpften: Russland, das durch die Kontrolle dieses Raumes zum Sieger im Great Game um die Herrschaft über Asien geworden wäre; Großbritannien, das geostrategisch auf den Nahen und Mittleren Osten angewiesen war, um das Nadelöhr seines Weltreichs, den Suezkanal, und dessen Kronjuwel, die Herrschaft über Indien, zu sichern; und schließlich Deutschland, das hier die Chance hatte, von einer europäischen Groß-macht zur Weltmacht zu werden, ohne dass es den Briten zuvor die Seeherrschaft entrissen haben musste. Das waren jedoch Spekulationen eines Intellektuellen, die mit der Realität des Kriegsverlaufs wenig zu tun hatten.

Die Entscheidung des Krieges in Palästina

Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten wurde in Palästina entschieden, nachdem es den Briten gelungen war, die Front bei Gaza zu durchbrechen. Zwar gelang es den os-manischen Truppen mit deutsch-österreichischer Hilfe immer wieder, neue Frontlinien aufzubauen und diese eine Zeitlang zu halten, aber das waren nur noch hinhaltende Etappen eines Rückzugs, der nicht mehr zu stoppen war. Mitte September 1918 brach die türkische Front in Palästina unter einer neuen britischen Offensive zusammen; am 30. Oktober unterschrieb die osmanische Führung einen Waffenstillstandsvertrag, mit dem der Krieg im Nahen und Mittleren Osten endete. Er war gleichbedeutend mit dem Ende des Osmanischen Reichs.

Herfried Münkler promovierte über die Geschichtsphilosophie und das politische Handeln Niccolò Machiavellis und lehrt heute Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Seine Bücher „Die neuen Kriege“ (2002) und „Die Deutschen und ihre Mythen“ (2008) gelten als Standardwerke und wurden mehrfach ausgezeichnet. Sein neues, mehr als 900 Seiten starkes Buch „Der große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“, erschienen bei Rowohlt, ist seit Jahren die erste Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs eines deutschen Wissenschaftlers. Darin bestreitet Münkler wie sein australischer Kollege Christopher Clark in „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ die alleinige Kriegsschuld des deutschen Kaiserreichs und behauptet, dass die deutschen Historiker den Ersten Weltkrieg zu lange lediglich als Prolog des Zweiten gesehen hätten. Sowohl Clarks Buch über den Kriegsbeginn wie auch Herfried Münklers Gesamtdarstellung wurden in diesem Jahr zu Bestsellern

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