Retrospektiven

KAMERADSCHAFT



Ein deutsch-französischer Versöhnungsfilm, der nicht direkt vom Krieg handelt, sondern von einem Grubenunglück an der Grenze, bei dem deutsche Arbeiter verunglückte französische Kumpels retten und sich damit über alle politischen Feindschaften hinwegsetzen. Pabsts Film kann man als direkte Fortsetzung von Westfront 1918 ansehen. Basierend auf einem Vorfall von 1906 hat er das Geschehen in die Nachkriegszeit verlegt und die Zweisprachigkeit nicht durch eine Synchronisation aufgehoben. So sprechen am Ende nacheinander ein Franzose und ein Deutscher zu den von beiden Seiten der Grenze versammelten Grubenarbeitern: „Il n’y a que deux ennemis: le gaz – et la guerre. Je vous le dit: il faut jamais oblier ça. On est tous mineurs ensemble! Merci, comrades.“ „Kameraden! Was der französische Kamerad gesagt hat, hab ich nicht verstehen können. Aber was er gemeint hat, haben wir alle verstanden. Weil es egal ist, ob Deutscher oder Franzose. Arbeiter sind wir alle. Und Kumpel is Kumpel. Aber warum halten wir nur zusammen, wenn’s uns dreckig geht? Oder soll’n wir ruhig zuseh’n, bis man uns wieder soweit verhetzt hat, dass wir uns im Krieg gegenseitig totschießen?“

Kameradschaft tritt für die internationale Solidarität der Arbeiter ein, indem er sie als Pioniere einer Gesellschaft charakterisiert, in der nationaler Egoismus, der immer wieder Grund zum Krieg gibt, abgeschafft wird. Die deutschen Bergleute, nicht deren Vorgesetzte, haben die Idee zur Rettungsaktion. Die Szene, in der sie den Direktor zum Einverständnis drängen, ist um so aufschlussreicher, als sie die Allmacht autoritärer Herrschaft in der deutschen Zeche veranschaulicht. Während der ganzen Unterhandlung, die im Treppenhaus des dekorativen Verwaltungsgebäudes stattfindet, bleiben die Bergleute im Parterre stehen, während der Direktor zu ihnen von der Höhe eines Treppenabsatzes spricht. Er steht wie auf einem Balkon, während die Kamerapositionen außerdem so gewählt sind, dass sie seine Position herausheben. Pabst gibt sich nicht damit zufrieden, den Nationalismus anzuprangern, er interpretiert ihn im sozialistischen Sinne.“
(Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1979)

Autor: Stefan Drößler
Direktor des Filmmuseums München
www.muenchner-stadtmuseum.de

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Filmdaten

Erstaufführung:
17. November 1931

Regie: Georg Wilhelm Pabst
Drehbuch: Peter Martin Lampel, Karl Otten, Gerbert Rappaport, Ladislaus Vajda
Kamera: Robert Baberske, Fritz Arno Wagner
Musik: G. von Rigelius

Darsteller:
Alexander Granach (Kasper), Fritz Kampers (Wilderer), Ernst Busch (Wittkopp), Elisabeth Wendt (Anna Wittkopp), Daniel Mandaille (Jean Leclerc), Georges Charlia (Emile), Andrée Ducret (Françoise)

Produktion: Nero-Film AG, Gaumont-Franco Film-Aubert (G.F.F.A.)
Format: 35mm, Normalformat 1:1,19, Schwarzweiß
Länge: 93 Minuten

DVD: Universum (ohne Untertitel), Goethe-Institut (Untertitel englisch, französisch, spanisch, portugiesisch, russisch, chinesisch, arabisch, türkisch)

Blu-ray: Goethe-Institut (Untertitel englisch, französisch, spanisch, portugiesisch, russisch, chinesisch, arabisch, türkisch)

35mm: Deutsche Kinemathek (ohne Untertitel)