Wilfred Owen

Hymne für die verdammte Jugend

Welch Grabgeläute denen, die wie Schlachtvieh sterben?
– Die ungeheure Wut nur der Kanonen.
Das schnelle Schnacken nur von stotternden Gewehren
Kann ihre Stoßgebete übertönen.
Jetzt weder Glocken noch Gebete, die sie verhöhnen;
Noch Stimmen sonst der Klage ihnen; nur Gesänge, –
Die schrillen Wahngesänge der Granaten, ihr Stöhnen,
Und fern aus trauervollen Gauen rufend, Hörnerklänge.

Wird Beistand ihnen und von welcher Kerzen Schein?
Nicht in den Händen von Knaben, in ihren Augen immer
Soll glänzen allen Abschieds heiliger Schimmer;
Blässe von Mädchenstirnen soll ihr Bahrtuch sein;
Die Zärtlichkeit geduldiger Seelen ihr Blumenflor.
Und jede müde Dämmerung zieht abends die Läden vor.
(Übersetzung: Joachim Utz)

In: „Englische und amerikanische Dichtung, Bd. 3: Von R. Browning bis Heaney“ Hg. Horst Meller und Klaus Reichert (München: C. H. Beck Verlag, 2000), 124-125.

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Wilfred Owen


Wilfred Owen (* 18. März 1893 bei Oswestry, Shropshire † 4. November 1918 bei Ors, Frankreich) gilt als der herausragendste Kriegsdichter englischer Sprache. Nach sechsmonatigem Kriegsdienst an der Westfront wurde er zur Behandlung eines Kriegstraumas ins Craiglockhart Hospital nach Edinburgh geschickt, wo die Gedichte Dulce et decorum est und Hymne für die verdammte Jugend entstanden. Er kehrte im September 1918 an die Front zurückund starb bei einem Angriff eine Woche vor Kriegsende.