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„Wir warten auf den nächsten Urknall“ – Kalle Lasn über die Occupy-Wall-Street-Bewegung

Capitalism CC by nc 2.0 Adbusters Culturejammers HQKalle Lasn; Foto: (c) Jim Labounty

Mit der Besetzung des Zuccotti Parks in New York begann im September 2011 der Protest gegen das Finanzsystem. Einer der Begründer der Bewegung erzählte Goethe.de, wie man sich seitdem in physischen und virtuellen Räumen organisiert und wie es weitergehen soll.

Herr Lasn, Sie sind einer der intellektuellen Köpfe, die Occupy Wall Street in Gang setzten. Wie ist der Stand der Bewegung heute?

Im September 2008, als Lehman pleite ging, realisierten hunderte Millionen junger Leute, dass ihre Zukunft womöglich aus einer Folge von finanziellen, politischen und ökologischen Krisen besteht. Dass sie keine Zukunft haben werden, wenn sie nicht aufstehen und zu kämpfen beginnen! Diese Stimmung ist nach wie vor vorhanden, obwohl New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg Zuccotti Park ausgelöscht hat und die fast tausend Besetzungen in aller Welt irgendwie verschwunden sind. Die Bewegung wird sich weiter entfalten, und wir haben aufregende Zeiten vor uns.

OWS verlor offensichtlich an Stoßkraft, als Zuccotti Park als Zentrum nicht mehr existierte. Warum spielte der physische Raum so eine große Rolle?

Raum ist ein sehr abstraktes Konzept. Ich halte es für irreführend, sich auf den physischen Raum zu konzentrieren. Es gibt auch einen emotionalen Raum, der mindestens genauso wichtig ist. Er hat Occupy Wall Street wirklich zum Durchbruch verholfen.

Occupy Wall Street, September 30, 2011.  Foto: CC by 2.0 David Shankbone.

Das heißt, der physische Ort war für die Bewegung gar nicht so wichtig?

Nein, so meine ich das nicht. Einer der Gründe dafür, dass die Bewegung so groß wurde, war die Kühnheit und Unverfrorenheit, mit der wir mitten in das Zentrum des globalen Kapitalismus gingen und Wall Street besetzten. Als wir nicht mehr den wahren Kultraum um den Bullen herum besetzen konnten, wurde Zuccotti Park das Surrogat. Und es spielte eine sehr wichtige Rolle! Die ganze Welt konnte auf diesen Ort schauen, ihn besuchen, und junge Leute gingen dorthin, um Kontakte zu knüpfen und sich inspirieren zu lassen. Ohne den physischen Raum wäre die Bewegung in Einzelaktionen zerfallen und hätte wenig Durchschlagskraft entwickelt.

Ironischerweise ist Zuccotti Park Privatgelände, und das schützte die Besetzer lange vor der Räumung. Üblicherweise geht man davon aus, dass eine öffentliche Bewegung öffentlichen Raum braucht.

Ja – so was passiert schon mal bei einem Urknall wie diesem. Wenn die Leute richtig aufgedreht sind, ergreifen sie spontan die Chancen, die sich ihnen bieten. Zuccotti Park war nebenan, war verfügbar, und es war rechtlich in Ordnung für uns dorthin zu gehen. Wir haben uns geschickt der Lage angepasst.

Wie wichtig war andererseits der digitale Raum? Lassen sich physischer Raum und Cyberspace überhaupt noch klar voneinander trennen?

Es hängt alles miteinander zusammen. Natürlich war das Internet sehr wichtig. Die Leute schwammen auf einer Sympathiewelle im Cyberspace, sie konnten global und lokal miteinander kommunizieren. Es hätte OWS nie gegeben, wenn wir nicht das fantastische Hashtag OccupyWallStreet eingeführt hätten, und wenn wir nicht die Website Occupywallstreet.org gehabt hätten.

So hieß die erste Website, die Sie im Juni 2011 gegründet haben. Heute ist die Internetpräsenz von OWS bemerkenswert vielfältig, mit Livestreams, Chats, einem virtuellen Infozelt ...

Es gibt alle möglichen Websites, sie sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die digitale Kommunikation war ganz wichtig für das Wachsen der Bewegung. Wir haben zwei oder drei Dutzend taktische Briefings über unsere Website verbreitet. Tatsächlich wirkte unser allererstes Briefing wie ein Katalysator für die Bewegung, ein paar Wochen vor der ersten Versammlung am 17. September 2011.

Occupy Wall Street, September 17, 2011. Foto: CC by 2.0 David Shankbone.

Im vergangenen Sommer haben Sie eine neue Ära der Bewegung angekündigt, mit dezentralen Kampagnen in Einkaufszentren und vor Bankfilialen. Funktioniert dieser fragmentierte Ansatz?

Zurzeit ist es taktisch und strategisch sinnvoll, die noch vorhandene Energie in kleinere Aktionen vor Ort zu kanalisieren. Unsere größte Idee ist gegenwärtig das Hashtag Goldman, eine Kampagne, die sich auf die weltweit 73 Niederlassungen von Goldman Sachs bezieht. Und wir warten auf den nächsten Urknall.

Aber wie sollte ein solcher Urknall entstehen? Die OWS-Bewegung hat sich abgeschwächt, und die gegenwärtigen regionalen Unruhen haben sehr unterschiedliche Ursachen.

Ich finde es absolut sinnvoll, dass sich die Mexikaner mit ihren Drogenproblemen auseinandersetzen und die Russen mit ihrem autokratischen Putin. Ich sehe das als Teile einer breiten Bewegung von jungen Leuten, die über das Internet und Social Media verbunden sind. Von Leuten, die mit dem Gefühl im Bauch umzugehen versuchen, dass sich ihre Hoffnungen auf die Zukunft nicht erfüllen.

Trotzdem bleibt die Frage: Braucht die Bewegung nicht einen physischen Raum, wie sie ihn mit dem Zuccotti Park besaß?

Es ist ein Fehler anzunehmen, dass Occupy in der ursprünglichen Form überleben müsste. Ich sehe das jedenfalls überhaupt nicht so. OWS im Zuccotti Park gibt es nicht mehr! Aber die große Bewegung, die ist nach wie vor lebendig. Wir müssen jetzt das neoklassische ökonomische Paradigma neu denken und ein ganz anderes Modell einfallen lassen, wie eine nachhaltige Weltwirtschaft funktionieren kann.


Um im Bild des Raums zu bleiben: den intellektuellen Raum besetzen?

Der ist in der Tat der wichtigste Raum überhaupt. Der emotionale Raum motiviert dich zum Übernachten im Park, aber im intellektuellen Raum entstehen die großen Ideen, die die Zukunft verändern. Deutschland war darin traditionell sehr gut, und heute ist es eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften weltweit. Deshalb müsst gerade ihr einige der notwendigen radikalen Veränderungen einleiten, so lange ihr noch das Geld und die Zeit dazu habt.

Kalle Lasn, 71, geboren in Tallinn (Estland), ist Dokumentarfilmer und Autor. Seine Kapitalismuskritik trug zur Entstehung der Occupy-Bewegung bei. Er gehört zu den Gründern des Anti-Konsum-Magazins Adbusters, das im Sommer 2011 zur Besetzung der Wall Street aufrief und die Proteste logistisch steuerte. Seit 1970 lebt Lasn in Vancouver (Kanada). Sein Buch Meme Wars ist in Deutschland 2012 unter dem Titel No More Bullshit: Die Zukunftswerkstatt für die 99 Prozent erschienen.

Christine Mattauch
führte und übersetzte das Interview. Sie lebt und arbeitet als freiberufliche Wirtschaftskorrespondentin in New York City, USA, und schreibt unter anderem für das „Handelsblatt“, „Cicero“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Frau Mattauch ist Mitglied des Korrespondentennetzwerks Weltreporter.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

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