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Demokratischer dank Internet? – Einschätzungen von Thorsten Quandt

Prof. Thorsten Quandt; © HangstProf. Thorsten Quandt; © HangstYouTube, Wikipedia, Blogs: Dank des Internets kann jeder seine Meinung sagen, sein Wissen teilen und über Nacht zum Star werden. Was dies für Demokratie und Gesellschaft bedeutet, erläutert Onlinekommunikations-Experte Thorsten Quandt von der Universität Hohenheim.

Professor Quandt, die Gegner von „Stuttgart 21“, dem Neubau des Stuttgarter Bahnhofs, nutzen für ihren Protest auch Facebook und Twitter. Welchen Einfluss haben die neuen Medien auf die Politik?

Bei „Stuttgart 21“ nutzen die Protestierenden Facebook und Twitter, um sich abzusprechen und der Polizei einen Schritt voraus zu sein. Insofern haben die neuen Medien einen ganz praktischen Einfluss. Ob allerdings politische Diskussionen im Netz auch Einfluss haben auf die politische Sphäre, wo Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden, ist eine andere Frage. Man sollte diesen Einfluss nicht überschätzen.

Protestseite von „Stuttgart 21“ im Internet; © Stuttgart 21Ebenfalls muss bei Debatten im Netz auch immer nach der Glaubwürdigkeit und der Umsetzung der teilweise anonym ausgetauschten Informationen gefragt werden. Manches ist nur verbales Geplänkel, was aber nicht umgesetzt wird. Das Web 2.0 wird in dieser Hinsicht oft überhöht. In den USA wurde ja schon ein Umbruch der Demokratie prognostiziert. Den sehe ich allerdings noch nicht.

Austausch nur in Gruppen

Ist denn durch die größere individuelle Teilhabe an der Medienlandschaft das gesellschaftliche Leben insgesamt demokratischer geworden?

Twitter; © ColourboxDie Frage ist, ob es sich dabei wirklich um Teilhabe handelt. Teilhabe bedeutet ja nicht nur, dass man über Dinge redet, sondern auch, dass man Dinge umsetzt und an Entscheidungen partizipiert. Das ist aber nicht immer der Fall. Es gibt sogar die Gegenthese, die besagt, dass durch Diskussionen im Internet die Teilhabe und Mitbestimmung sinkt. Das Netz ist demnach lediglich ein Spielplatz, wo man sich ausdiskutieren kann – und der verhindert, dass sich reales Engagement entwickelt.

Ein Beispiel dafür ist die letzte Bundespräsidentenwahl. Es gab bei Facebook und Twitter eine Bewegung, die den Kandidaten Joachim Gauck mit öffentlichen Auftritten unterstützen wollte – in der Realität jedoch mit sehr bescheidenem Ergebnis. Das Netz führt also nicht immer zu mehr Demokratie und echter Beteiligung über das Diskutieren hinaus. Es kann auch nur eine Art Resonanzraum sein, wo man sich innerhalb einer bestimmten Gruppe mit der eigenen politischen Meinung wohlfühlt. Wenn Konservative nur mit Konservativen und Linke nur mit Linken sprechen, führt das nicht zu mehr demokratischem Austausch.

Was wissen wir wirklich?

Stichwort Wikipedia: Früher war die Wissensproduktion professionellen Kräften vorbehalten, heute kann jeder mit Hilfe digitaler Medien Content produzieren. Wie wirkt sich das auf die Qualität des Wissens aus?

Logo von Wikipedia; © WikipediaIn der Breite der Gesellschaft hat die Menge an Wissen zugenommen, weil es viel einfacher geworden ist, auf Wissensbestände zurückzugreifen. Vor Wikipedia waren Informationen sehr viel schwieriger zu bekommen. Die verbesserte Zugänglichkeit birgt aber auch Gefahren für die Qualität des Wissens.

Gerade an den Universitäten merken wir, dass der vereinfachte Zugang zu vermeintlichem Expertenwissen dazu verleitet, die eigene Recherche sehr viel schneller abzubrechen. Man verlässt sich auf Wikipedia, sagt sich, dass die Information schon okay sein wird und überprüft sie nicht anhand weiterer Quellen. Das ist gerade im Bereich der Wissenschaft nicht unproblematisch, wo es auf das genaue Durchdenken von Sachverhalten ankommt.

Der Kommunikationsbegriff wird sich wandeln

In sozialen Netzwerken wie Facebook kann man viele Freunde finden. Verbessert sich dadurch tatsächlich die zwischenmenschliche Kommunikation?

Facebook; © ColourboxEs gibt auch da zwei Positionen: Die einen sagen, man kann über soziale Netzwerke Menschen kennenlernen. Man kann darüber Beziehungen pflegen und eigene Freundschaftsnetzwerke aufbauen. Die anderen sagen, dass einem dadurch, dass man sehr viel Zeit im Internet mit der Pflege von Kontakten verbringt, die real vielleicht gar keine Entsprechung haben, im Alltag die Zeit für echte Freundschaften fehlt.

Das sind zwei letztlich widersprüchliche Sichtweisen. Es klingt paradox, aber ich glaube, beide sind richtig. Es ist nur eine Frage der Perspektive. Zurzeit wird unter zwischenmenschlicher Kommunikation vorwiegend die Face-to-Face-Kommunikation verstanden. Das ist aber ein Verständnis, das aus einer früheren Zeit stammt und sich verändern wird.

Inwiefern?

Der Begriff „virtuelle Welt“ wird zunehmend sinnfreier werden. Ich gehe davon aus, dass das Web 2.0 und alle neuen Technologien, die noch dazu kommen, irgendwann ein natürlicher Teil unseres Alltags sein werden. Dann wird man sich gar nicht mehr die Frage stellen: Bewege ich mich jetzt in einer virtuellen oder in einer realen Wirklichkeit? Dann ist das Internet einfach ein Kommunikationsmittel wie etwa auch das Telefonieren. De facto ist ja auch dabei die Kontaktperson nicht im Raum, sondern nur virtuell präsent.

Es ist bereits heute ein extremer Generationenunterschied feststellbar. Für „Digital Natives“, die mit der digitalen Technologie aufgewachsen sind, gibt es nicht mehr die virtuelle und die echte Realität, die sich gegenüber stehen. Für sie sind die neuen Medien Teil ihres realen Lebens, mit dem sie einen natürlichen Umgang haben. Die ältere Generation fühlt sich hingegen noch vorwiegend bedroht.

„Nur sozial Sinnvolles setzt sich durch“

Das mobile Internet erlaubt es, mit „Augmented Reality“ die eigene Wahrnehmung zu erweitern: etwa, wenn die Handy-Kamera auf ein Bauwerk gerichtet wird und dazu erklärende Informationen aus dem Web auf dem Display erscheinen. Wird dadurch nicht das eigene Bewusstsein manipulierbar?

Augmented Reality; © ColourboxBereits die ersten Vordenker von Hypertext und Computernetzwerken wollten Wissensbestände verbinden und so den menschlichen Geist erweitern. Sie dachten, der Mensch werde dadurch eine weitere Evolutionsstufe erreichen. Wir sehen das heutzutage viel skeptischer. Aber auch das ist eine Frage der Perspektive. Manche Anwendungen von „Augmented Reality“ sind nützlich. Diese werden wir in unseren Alltag integrieren. Andere sind unsinnig und werden uns auch nicht bedrohen, weil wir sie einfach nicht nutzen werden.

Es wird sich auf dem Markt nur das durchsetzen, was langfristig auch einen sozialen Sinn hat. Das heißt nicht, dass Firmen nicht weiterhin versuchen werden, im Markt etwas durchzudrücken, und es manchmal unsinnige Fehlentwicklungen gibt. Aber auf Dauer gesehen können Medien, die für die Nutzer keinen sozialen Sinn machen, nicht existieren. Insofern sehe ich das zunächst nicht als Bedrohung.

Es kann aber zu Problemen kommen, wenn Datensicherheit und Privatsphäre nicht gewährleistet sind. Oder wenn Firmen versuchen, Einfluss zu nehmen auf unsere Alltagswelt. „Augmented Reality“ ist momentan noch weitgehend Science Fiction, aber diese Fragen werden uns irgendwann beschäftigen müssen.

Dominik Reinle
ist Diplom-Soziologe und arbeitet als freier Journalist in Köln, unter anderem für die Internetredaktion des Westdeutschen Rundfunks.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

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