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„Wer Teil der Welt ist, wird Teil des Internets sein“ – Michael Seemann im Interview

Der Kulturwissenschaftler Michael Seemann  Foto: André KrügerDer Kulturwissenschaftler Michael Seemann  Foto: André KrügerKontrollverlust nennt der Kulturwissenschaftler Michael Seemann die Unbeherrschbarkeit der Datenberge im Netz. Doch er setzt auf „Filtersouveränität“ – die hilft, alles individuell einzuordnen.

Das Internet enthält Lawinen von Informationen, die auf den Nutzer niedergehen, wohin er auch klickt. Wir erleben gerade Beispiele für gigantische Enthüllungen – wikileaks –, für spontane Verabredungen zum Sturz von Diktatoren – Nordafrika – oder auch nur für aus Versehen für alle offene Einladungen zu privaten Partys. Wie finden Sie das?

Vielen macht das Angst, aber es birgt auch eine Menge Chancen. Es entstehen unvorhergesehene Effekte, es gehen Gewissheiten und Erwartungshaltungen zu Bruch, es verändert die Weise, wie wir miteinander interagieren, wirtschaften, lieben und kommunizieren – als Individuen und als Gesellschaft als Ganzes. Wir sehen selbstbewusstere Bürger, die ein Mehr an Mitsprache einfordern. Wir sehen ein Mehr an Kommunikation und Vernetzung aller Bevölkerungsschichten. Wir sehen neue Wege sich zu informieren, schneller, tiefer und breiter, als es je möglich war. Wir sehen neue Lebensmodelle und -einstellungen. Die Möglichkeiten zu leben, zu lieben, Geschäfte zu machen und Politik zu gestalten wachsen in einem ungeheuren Tempo. Das ist eine gute Entwicklung.

Sie bringen diese unterschiedlichen Phänomene unter einen Hut und nennen ihn „Kontrollverlust“. Was meinen Sie damit?

Das Internet enthält Lawinen von Informationen.  Foto: Günay Mutlu © iStockphotoNiklas Luhmann sagte einmal: „Wer schweigt, kann immer noch reden. Wer dagegen geredet hat, kann darüber nicht mehr schweigen.“ Die Unbeherrschbarkeit von Information ist also keine exklusive Eigenschaft der digitalen Welt. Es gibt aber einige Voraussetzungen im Digitalen, die diese Prozesse auf eine neue Stufe gehoben haben: die Allgegenwart von Kameras, Sensoren, Messgeräten. Von Handykameras, GPS-Sensoren und Kreditkarten über intelligente Stromzähler bis hin zu Verkehrsleitsystemen – die analoge Welt wird immer stärker mit der digitalen vernetzt. Dazu kommen immer größere Speicher- und Leitungskapazitäten. Und ganz entscheidend: Aus bereits bestehenden Daten lassen sich immer neue Erkenntnisse gewinnen. Bestes Beispiel ist die Gesichtserkennung. Daten, die schon vorhanden sind, können neu interpretiert werden. Wir wissen heute nicht, was wir gesagt haben, wenn wir Daten produzieren. Es ist schwierig, am globalen Netz nicht teilzunehmen. Grundsätzlich gilt: Wer Teil der Welt ist, wird Teil des Internets sein. Man kann versuchen, sich auf verschiedenen Ebenen auszuklinken, bei bestimmten Diensten nicht mitzumachen. Aber schon heute ist es schwierig, auf Partys zu gehen, ohne fotografiert zu werden.

Soll ich denn kein Foto mehr von mir ins Netz stellen?

Ich persönlich fände ein Internet sehr trist, in dem sich keiner mehr traut, seine Fotos online zu stellen. Gesichtserkennung wird zweifellos das Netz und seine Identitäten einen erneuten Transparenzschub verleihen. Das wird sich hier und da vermutlich „creepy“ (gruselig) anfühlen, aber insgesamt wird es das Netz sehr viel benutzbarer machen. Auf Dauer wird der Nutzen, erkannt und gefunden zu werden, siegen. Das war schon bei der Evolution vom Nickname zum Realnamen durch Facebook so.

Angeblich werden heute in 48 Stunden so viele Daten produziert wie in der Zeit vom Beginn der Menschheit bis 2003. Wo soll das hinführen, wenn man bedenkt, dass die steigende Verknüpfbarkeit der Daten zu den absonderlichsten Einblicken führen kann?

Die Wege sich zu informieren sind schneller, tiefer und breiter, als es je möglich war. Foto: nullplus © iStockphotoEs führt uns zwangsläufig in eine Situation, die Jorge Luis Borges in seiner Bibliothek von Babel fiktiv beschrieben hat. Ein Volk lebt in einer Bibliothek, in der es jeden denkbaren geschriebenen Text gibt, alle denkbaren Zeichenkombinationen und mehr Bücher als es Atome im Weltall gibt. Google hat damit jetzt schon zu kämpfen. Sogenannte „Contentfarmen“ produzieren kaum von menschlichen Erzeugnissen zu unterscheidende Texte – sie ergeben nur keinen echten Sinn. Damit sollen Suchmaschinenrankings manipuliert werden. Wir Menschen werden in dieser Welt vor der Herausforderung stehen, uns einen Weg durch diesen riesigen aber auch reichhaltigen Datendschungel zu schlagen. Und dieser Weg wird immer ein individueller sein, weil wir alle unterschiedliche Interessen und soziale und kulturelle Bindungen haben.

Sie prägen dazu den Begriff der „Filtersouveränität“, was ist das?

Die Filtersouveränität ist ein quasi neues Verständnis der „informationellen Selbstbestimmung“. Nicht mehr die Selbstbestimmung des Senders, sondern die des mündigen Empfängers. Das Recht, seine Weltsicht selbstbestimmt zu konfigurieren. Das ist vor allem ein Abwehrrecht gegen Zensur. Zensur ist die fremdbestimmte Filterung. Das Vernichten von Daten geht auch schon in diese Richtung. Außerdem beinhaltet sie einen Appell an uns alle, möglichst viele Daten von uns öffentlich zugänglich zu machen, weil dies der Filtersouveränität des anderen zugutekommt.

Welchen goldenen Weg gehen Sie durch den Datendschungel?

Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass alles, was er tut, öffentlich werden kann.  Foto: ARENA Creative © iStockphotoIch habe keine konkrete Policy. Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass alles, was er tut, öffentlich werden kann. Wer in ständiger Angst lebt, irgendwas über sein Leben könnte bekannt werden, wird kein angenehmes Dasein führen. Man muss jetzt nicht alles sofort hinausblasen und an die große Glocke hängen. Man sollte sich aber mental darauf vorbereiten, dass es passieren könnte. Ich glaube, wir müssen alle eine gelassenere, distanziertere Haltung zu uns selbst einnehmen. Menschen, die sich zu ernst nehmen, werden es mit dem Kontrollverlust schwer haben.

Michael Seemann, geboren 1977, studierte Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Seitdem arbeitet er an seiner Doktorarbeit über philosophische Theorien des Archivs und ist seit 2005 mit verschiedenen Projekten im Internet aktiv. Er gründete twitkrit.de und die Twitterlesung, organisierte verschiedene Veranstaltungen und betreibt den Podcast wir.muessenreden.de. 2010 begann er das Blog CTRL+Verlust zuerst bei der FAZ, seit September auf eigene Faust, in dem er über den Verlust der Kontrolle über die Daten im Internet schreibt. Er bloggt unter mspr0.de.

Knut Diers
hat in Gießen Geographie und Volkswirtschaft studiert, war 20 Jahre Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist jetzt mit dem Redaktionsbüro Buenos Diers Media selbstständig. Ihm liegen Themen von Umwelt, Energie und Reisen am Herzen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2011

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