Soziales in Deutschland

Behinderte in Deutschland - "Wir sind auch toll!" …

Copyright: Colourbox.comCopyright: Colourbox.com… weiß Manfred Beslé, aus einer Wohngemeinschaft für Menschen mit geistiger Behinderung. Er wirbt für die Akzeptanz behinderter Menschen in einer Gesellschaft, die Vitalität verehrt und alles fürchtet, was das Zerbrechliche und Unvollkommene offenbart. Wie kommen Menschen mit Behinderungen damit zurecht? Und wer behindert hier wen?

Statistiken und Schicksale

In Deutschland leben "8,6 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Im Durchschnitt war somit jeder zehnte Einwohner behindert", meldet das Statistische Bundesamt. Hinter diesen Zahlen stecken Schicksale. Bewegende wie die von Manfred Beslé: "Ich war oft im Krankenhaus und konnte erst mit sieben laufen. Das haben mir meine Geschwister beigebracht." In Deutschland gibt es immer mehr Menschen wie Manfred. In den letzten fünf Jahren stieg ihr Anteil um mehr als eine halbe Million.

In der Statistik heißt es, dass drei Prozent aller Kinder behindert zur Welt kommen. Zwei vom Hundert werden während der Schwangerschaft oder der Geburt geschädigt. Die meisten Behinderungen entstehen aber erst im Verlauf des Lebens durch Krankheiten oder Unfälle. Und so sind 74 Prozent der Menschen mit Behinderungen über 55 Jahre alt. Die meisten, rund 6,7 Millionen, sind schwerbehindert, 1,9 Millionen gelten als leichtbehindert. Aber was genau bedeutet behindert? Das Neunte Sozialgesetzbuch definiert Behinderung als "Körperliche, geistige oder seelische Veränderungen, die nicht nur vorübergehend zu Einschränkungen und durch sie zu Beeinträchtigungen der Teilhabe führen". Die so per Definition Ausgeschlossenen wehren sich und sehen Behinderung als "Jede Maßnahme, Struktur oder Verhaltensweise, die Menschen mit Beeinträchtigungen Lebensmöglichkeiten nimmt, beschränkt oder erschwert", schreibt das Forum behinderter Juristinnen und Juristen.

Das Leben außerhalb der Norm

Copyright: Colourbox.comZurück zu Manfred Beslé: Er besuchte bis zu seinem 20. Lebensjahr die Sonderschule und bekam danach in einer Werkstatt für Behinderte Arbeit. Er lebt in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe, einer von vier großen Organisationen, die Behinderten helfen, ihr Leben so weit wie möglich selbständig zu gestalten. Sein und das Leben anderer Behinderter unterscheidet sich deutlich von dem Gleichaltriger ohne Handicap. So gehen die meisten Behinderten auf eine Sonderschule und 15 Prozent verlassen diese ohne Abschluss. Bei den Nichtbehinderten trifft das nur auf drei Prozent zu. Die Hochschulreife schaffen elf Prozent der Schüler mit Beeinträchtigungen – 15 Prozent weniger als der ohne. Erwerbstätig sind 70 Prozent aller behinderten Menschen bis 44 Jahre, ohne Arbeit sind nur 15 Prozent. Rund 27 Prozent, arbeiten im Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialwesen, elf Prozent in der öffentlichen Verwaltung. Die meisten finden in den betreuten Werkstätten Arbeit, denn "auf dem freien Arbeitsmarkt erhalten nur wenige eine Beschäftigung", weiß die Lebenshilfe.

Und privat? Die Hälfte aller behinderten Menschen zwischen 25 und 44 ist ledig und lebt bei der Familie. Andere wohnen in Einrichtungen der Behindertenhilfen und nur sehr wenige leben allein. Dabei brauchen fast alle Hilfe - von ihren Angehörigen aber auch vom Staat. Dieser gab 2006 10,5 Milliarden Euro für die Eingliederung behinderter Menschen aus, 64 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Mit einem Anteil von 58 Prozent an den gesamten Nettoaufwendungen der Sozialhilfe ist diese Eingliederungshilfe die mit Abstand bedeutendste Hilfeart im Rahmen der Sozialhilfe.

Barrieren abbauen

Copyright: Colourbox.com Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" – dieser Satz ergänzt seit 1994 den Artikel 3 des Grundgesetzes. "Ein Meilenstein für Menschen mit Behinderung ", schreibt die Lebenshilfe, denn er macht bewusst, dass behinderte Menschen, unabhängig von der Art und Schwere ihrer Behinderung, gleiche Rechte haben. Das neue Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006 unterstreicht dies, ebenso wie die Gleichstellungsgesetze für Behinderte der Bundesländer. Sie verpflichten Behörden und öffentliche Institutionen, Barrieren abzubauen, sodass Menschen überall hinkommen – in alle Gebäude, Büros aber auch an Arbeitsstellen, ob mit Rollstuhl, Blindenstock, Hörgerät oder ohne.

Am 30. März 2007 unterzeichnete Deutschland die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung und verpflichtete sich, das Ratifizierungsverfahren einzuleiten, das heißt die Zustimmung des Bundestages und des Bundesrates einzuholen. Ein Jahr später kämpfen Interessenvertretungen immer noch darum, denn "Ziel des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses muss es sein, Teilhabe umfassend zu ermöglichen und zu unterstützen, denn dies ist der Schlüssel zur Inklusion – dem selbstverständlichen Zusammenleben aller Menschen in unserer Gesellschaft.", erklärt Michael Conty vom Bundesverband evangelische Behindertenhilfe. Einen großen Schritt in diese Selbstverständlichkeit gewährleistet der neue, uneingeschränkte Rechtsanspruch auf das Persönliche Budget. Seit Januar 2008 können Menschen mit Behinderungen anstatt der üblichen Sachleistungen Geld oder Gutscheine zur Finanzierung der erforderlichen Hilfen beziehen und sich nach eigenen Vorstellungen das notwendige Leistungspaket zusammenstellen. Jeder hat dieses Recht – und viele verbinden damit die Hoffnung, dass sich daraus auch der Anspruch auf Gleichbehandlung in der Gesellschaft etablieren wird.

Offener und respektvoller Umgang

Copyright: Colourbox.com""Andere wissen leider meistens besser, was gut für uns ist", beklagte sich eine Gruppe geistig behinderter Menschen beim Besuch des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Und: "Das Wort Behinderte kränkt mich innerlich doch sehr." Aber wie sollen Menschen ohne Handicap mit denen, die eins haben, umgehen? Offen und mit Respekt, lautet die Antwort der Aktion Mensch, die auch den Slogan populär machte "Behindert ist man nicht, behindert wird man". Er verdeutlicht, dass nicht die Behinderung das Dasein erschwert, sondern die Art und Weise, wie andere damit umgehen. Und so wünschen sich die meisten Behinderten Selbstbestimmung, Respekt und Offenheit. Denn wie Manfred Beslé anfangs schon sagte "Wir sind auch toll!"
Christine Sommer-Guist
Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Umwelt und Soziales,

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Mai 2008

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