Klima und Kultur – Künste

Klima? Kunst? Forschung? – „Klimakunstforschung“!

Nackter Mensch mit Bananenfalter in der „Yellow Cell” von Jan-Peter E.R. Sonntag; © Jan-Peter E.R. SonntagNackter Mensch mit Bananenfalter in der „Yellow Cell” von Jan-Peter E.R. Sonntag; © Jan-Peter E.R. Sonntag Wird die Gegenwartskunst wissenschaftlich, die aktuelle Wissenschaft gar künstlerisch? Wie – und inwieweit – können beide Systeme voneinander profitieren, gerade im Hinblick auf ein noch kaum verstandenes Phänomen wie den Klimawandel? Anhand von Kunstprojekten und Experteninterviews wirft ein neues Buch diese Fragen auf – und findet überraschende Antworten.

Cover von „Klimakunstforschung”; © Merve VerlagDass die Wissenschaft gerade beim Klimawandel von Künstlern lernen kann, steht für Victor Smetacek außer Frage. 2009 hat der Professor für biologische Ozeanografie am Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven ein Forschungsprojekt namens LOHAFEX ins Leben gerufen, das nicht nur seiner Meinung nach künstlerisch-konzeptionelle Qualitäten besitzt.

Bei LOHAFEX wurde eine Fläche von 300 Quadratkilometern im südlichen Polarmeer mit 20 Tonnen gelöstem Eisensulfat gedüngt, um die Veränderung der CO2-Aufnahmekapazität der Meeresflora zu beobachten: ein Geo-Engeneering-Experiment, das laut Smetacek nicht zuletzt auch ein „Gefühl für Wasser“ und seine Bewohner erzeugen soll.

Gefühl für Wasser, Gespür für Klima

Ruderfußkrebse mit roten Antennen aus den Gewässern nördlich von Süd-Georgien. Foto: G. Mazzochi, SZN / Alfred-Wegener-Institut; © AWIFür Smetacek reicht die reine Analyse von Datenmaterial zum Verständnis des komplexen Wechselspiels zwischen Ozean und Klima nicht aus: Es bedarf neuer, ästhetischer und intuitiver Konzepte – etwa, um sich die grundsätzlich andere Wahrnehmung der durch LOHAFEX angelockten Ruderfußkrebse vorzustellen: „Man müsste mit langen sensorischen Borsten bedeckt sein und in ein Schwimmbad voll Honig eingetaucht werden, das dann jemand umrührt.“ Um dem Einfühlungsvermögen der Forschung auf die Sprünge zu helfen, bräuchte es also eine Art wissenschaftsorientierter Performance.

Bananenfalter in der ”Yellow Cell” von Jan-Peter E.R. Sonntag; © Jan-Peter E.R. SonntagWie eine solche Erweiterung der Forscherperspektive durch künstlerische Intuition aussehen kann, illustriert die Installation The Yellow Cell von Jan-Peter E.R. Sonntag. In einem künstlich geschaffenen Raumklima von 40 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent wird der Besucher dort zusammen mit schweißsaugenden Bananenfaltern einem endlosen Lichtgelb ausgesetzt, das seine Serotoninwerte in die Höhe treibt.

So kann jeder die Folgen veränderter Umweltparameter in einer Versuchsanordnung mit klar fixierten Konstanten am eigenen Leib erfahren.

Schnittstelle: Experiment

„Line of Beauty – das 5. Klärwerk” von Susanne Lorenz; © Sven Kalden



Smetaceks Ausführungen und Sonntags gelbe Hitzezelle finden sich im reich bebilderten Band Klimakunstforschung, der Mitte 2011 im Berliner Merve Verlag erschienen ist. Auf rund 220 Textseiten zeigt er anhand von 16 Arbeiten exemplarisch auf, wie stark Künstlerinnen und Künstler auf aller Welt selbst Klimaforschung betreiben, wissenschaftliche Methoden nutzen oder das Phänomen des Klimawandels auf ökologischer, ästhetischer oder gesellschaftlicher Ebene mit den ihnen eigenen Mitteln reflektieren – zumeist über die Schnittstelle des ergebnisoffenen, kreativ komponierten Experiments.

Den Projekten sind Interviews namhafter Wissenschaftshistoriker, Forscher und Kunstwissenschaftler zur Seite gestellt, die die Frage nach einer möglichen „Wissenschaftlichkeit” von Kunstwerken theoretisch unterfüttern. Dabei kommen die Künstlerinnen und Künstler teils selbst aus der Wissenschaft. Immer aber werden wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt, um sie im künstlerischen Prozess zu transformieren.

„Line of Beauty – das 5. Klärwerk” von Susanne Lorenz; © Helge Jahn



Vom Nutzen der Schönheit

So ist es bei Susanne Lorenz aus Berlin, die Forschungen zur reinigenden Kraft von Wasserpflanzen in das Land-Art-Projekt Line of Beauty – das 5. Klärwerk integriert: In ihrem s-förmig geschwungenen Kanal inmitten einer Flusslandschaft im Ruhrgebiet wird die ökologisch-pragmatische Idee vom Pflanzenklärwerk mit der Theorie einer natürlich-schönen Ideallinie im Sinne William Hogarths aus dem 18. Jahrhundert verknüpft.

Algensammlung der Universität Göttingen für Ursula Damms „Treibhauskonverter (Venus V)”; © Ursula DammUnd so ist es beim Treibhauskonverter (Venus V) der Künstlerin und Professorin an der Bauhaus-Universität Weimar, Ursula Damm, der auf der „Endosymbiontentheorie“ der Biologin Lynn Margulis basiert und bei dem jeder selbst ein ökologisches Gleichgewicht zwischen Algen und Wasserflöhen in einem Aquarium „herstellen“ kann.

Mittels einer schwergängigen Kurbel wird dabei CO2-haltiges Wasser aus einem Brunnen ins Aquarium gepumpt, um das Wachstum der Algen – Nahrungsquelle der Wasserflöhe – zu beschleunigen. Stimmt das Verhältnis zwischen Pflanzenwuchs und Tierpopulation, können die Kleinkrebse eine LED-Leuchtanzeige sauber halten. Dann erstrahlt der Schriftzug „beloved” gut lesbar in blauem Licht. Gelingt dies nicht, deutet die Unleserlichkeit darauf hin, dass der Mensch gescheitert ist.

„Treibhauskonverter (Venus V)” von Ursula Damm; © Ursula Damm



Klimaforschung im Klangexperiment

Für Ursula Damm soll der Treibhauskonverter (Venus V) nicht zuletzt den Wunsch des Menschen erfüllbar machen, „mittels Technik die aus dem Gleichgewicht geratene Natur kontrollieren zu können“. Gewollt ist auch, dass Ergebnisse des ästhetischen Experiments in die Forschung zurückstrahlen: ein Aspekt, der vielen der in Klimakunstforschung versammelten Arbeiten eigen ist.

„Eismenge-Partitur” von „Wasser – kann man Wolken hören?”; © Wolf-Dieter TrüstedtAm eindrucksvollsten gelingt dies wohl im Kunstprojekt Wasser – kann man Wolken hören?, das versucht, aus der Atmosphäre gezogene Klimadaten zu Wasser- und Eismengen, Luftdruck, Temperatur oder Taupunkt nicht über den wissenschaftlich üblichen (grafischen) Weg, sondern über Klangpartituren sinnlich direkt auswertbar zu machen – für Mit-Initiator Thomas Koop ein deutlicher wissenschaftlicher Mehrwert, da „der Mensch akustische Signale mit hoher Präzision“ zu analysieren verstehe.

Dritte Kategorie: Daniel Düsentrieb

Glücklicherweise verfällt Klimakunstforschung trotz dieser offensichtlichen, von den Herausgebern klug ausgewählten Beispiele an keiner Stelle dem Irrtum, die Grenzen dieser völlig unterschiedlichen Systeme zu verwischen. So wie die Forschung vor allem im Experiment seit jeher Kreativität und Intuition mit einbezog, macht der Band nicht zuletzt im Interview mit der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston deutlich, dass die Kunst spätestens seit der Renaissance stets auch das Wissen der Wissenschaft suchte. Annäherungen gab es immer, epistemologische Unterschiede bleiben auch in der Gegenwart offensichtlich.

Vor allem der am Forschungsschwerpunkt KlimaKultur des Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen tätige Sozialpsychologe Harald Welzer, früher selbst Galerist, besteht im Gespräch auf der Unterscheidung von kantianischer „Interesselosigkeit“ auf der ästhetisch-künstlerischen und anwendungsorientiertem Erkenntnisinteresse auf der wissenschaftlich-objektivierenden Seite: „Die Form der Erkenntnisgenerierung durch Kunst ist systematisch und substanziell eine völlig andere als durch Wissenschaft“.

Und auch dem künstlerisch-konzeptionellen Anspruch von Geo-Engineering-Projekten wie Victor Smetaceks LOHAFEX erteilt Welzer eine Absage: „Das ist für mich ohnehin keine Wissenschaft. Und auch keine Kunst. Sondern eine dritte Kategorie, nämlich Daniel Düsentrieb“.

„Yellow Cell” von Jan-Peter E.R. Sonntag; © Jan-Peter E.R. Sonntag

Klimakunstforschung. Herausgegeben von Friedrich von Borries, Christian Hiller und Wilma Renfordt. Merve Verlag Berlin 2011, 232 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-88396-299-3, 17,00 Euro. 
Thomas Köster
ist Leiter eines Redaktionsbüros und arbeitet als Literaturkritiker, Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

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Juli 2011

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