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Brauchen wir eine Weltregierung für den Klimaschutz?

Jörg Hacker; © David Ausserhofer für die Leopoldina


Die Staatengemeinschaft sucht weiter nach Antworten auf den Klimawandel. Die engere Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft ist dabei ein wichtiger Schritt, sagt Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Professor Hacker, Sie sind Mitglied des UN Secretary General’s Scientific Advisory Board (SAB). Das Anfang 2014 berufene internationale Gremium soll den Generalsekretär der Vereinten Nationen unter anderem in Fragen von Klima und Umwelt beraten. Was können Sie mehr leisten als beispielsweise der Weltklimarat, den es ja bereits gibt?

Die Idee des Generalsekretärs war es, Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzubringen. Klimaveränderungen haben auch Auswirkungen auf das Medizinsystem oder die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Die 26 Mitglieder des SAB werden über Fächergrenzen hinweg konkrete Themen bearbeiten und sich zudem mit der Rolle der Wissenschaft bei der Beantwortung wichtiger Zukunftsfragen befassen. Wie etwa der Frage, wie Forschung zur nachhaltigen Entwicklung beitragen kann. Die Millenniumsziele der Vereinten Nationen sollen 2015 abgelöst werden durch neue Zielvorgaben. Auch daran kann die Wissenschaft mitwirken, zum Beispiel über das SAB.

Arbeiten Wissenschaft und Politik bislang nicht eng genug zusammen?

Das würde ich nicht unbedingt sagen, aber die Welt, wie sie sich im 21. Jahrhundert darstellt, ist nun einmal stark durch die Wissenschaften geprägt. Die großen gesellschaftlichen Ziele können und sollten unter Einbezug der Wissenschaft definiert werden. Insofern ist es nur logisch, dass die Forschung auch im politischen Bereich an Bedeutung gewinnt. Gerade vor dem Hintergrund von Megatrends wie der Veränderung des Weltklimas, der Zunahme der Bevölkerung und der gestiegenen Lebenserwartung, ist die Einbindung der Wissenschaft entscheidend. Das Interesse an unserer Arbeit steigt merklich, in Deutschland wie auch international, obwohl es in den einzelnen Ländern sicher unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

„Entscheiden müssen letztlich die gewählten Vertreter“

Was genau können Sie der Politik „bieten“?

Die Politik erwartet von der Wissenschaft zu Recht, dass sie Tendenzen aufzeigt, neue Entwicklungen analysiert und Handlungsoptionen darstellt. Entscheiden müssen letztlich die gewählten Vertreter. Die Wissenschaft kann nur beraten, auf Prozesse hinweisen und Möglichkeiten zum Umgang damit skizzieren.

Wahrnehmung und Aufmerksamkeit sind das eine, Verbindlichkeit ist das andere. Der Bergsteiger Reinhold Messner hat jüngst eine „Weltregierung für gutes Klima“ gefordert. Die Vereinten Nationen könnten diese Aufgabe aber nicht erfüllen, so Messner, weil sie keine Gesetze erlassen dürfen.

Fest steht: Wenn es die Vereinten Nationen nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Wir brauchen ein weltweites Gremium, das sich austauscht, Themen benennt, international Aufmerksamkeit schafft. Reinhold Messner weist aber auf ein tatsächlich bestehendes Dilemma hin: Einerseits muss die globale Situation bewertet werden, dabei spielen die Vereinten Nationen zweifellos eine wichtige Rolle. Gesetze oder verbindliche Vorgaben können andererseits aber nur auf der Ebene der Nationalstaaten oder von Verbünden wie der Europäischen Union gemacht werden. Ich denke, wir brauchen auch in Zukunft beides: die weltweite Aktion – da müssen wir so viel Verbindlichkeit schaffen wie möglich –, aber auch die Umsetzung durch die einzelnen Länder und beispielweise im Rahmen der EU, die sehr viele Regelungskompetenzen gerade im Bereich Umwelt hat.

Es zeigt sich allerdings, dass schon innerhalb der EU die Einigung auf eine gemeinsame Energie- und Klimapolitik schwierig ist – wie kann es da jemals eine konzertierte Herangehensweise der Weltgemeinschaft geben?

Es stimmt, dass die Entscheidungsprozesse nicht einfach sind. Genau deshalb ist es nötig, das Thema immer wieder voranzubringen, bis hin zur Einführung praktischer Regelungen. Man darf nicht aufgeben, sondern muss die Diskussion über den Klimawandel stets von Neuem anstoßen.

„Wir haben als Forscher eine Bringpflicht“

Man kann den Eindruck haben, das Klimaproblem sei vielen immer noch nicht dringend genug.

Selbstverständlich ist es dringend, aber es gibt offenbar immer wieder Zwänge, auch ökonomischer Art, die eine umfassende Reaktion erschweren. Hinzu kommen die unterschiedlichen Mentalitäten. Die Wissenschaft muss deshalb noch stärker einen Weg hinein in die Öffentlichkeit suchen. Letztlich ist politisches Handeln gebunden an Meinungsbildung, die sich in der Gesellschaft vollzieht. Als Forscher haben wir da eine Bringpflicht. Beispielsweise bieten wir an der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ein Programm an, in dem wir uns mit Journalisten über Fragen nachhaltiger Wissenschaft austauschen, und zwar nicht mit Wissenschaftsjournalisten, sondern mit Autoren aus der Politik oder dem Feuilleton.

Geht es also gar nicht so sehr um Weltregierung, sondern eher um weltweite Information?

Es geht um beides. Je mehr Verbindlichkeit, desto besser, aber Verbindlichkeit und Druck entstehen nur, wenn über Informationen und die öffentliche Meinung die Themen Klima, Nachhaltigkeit und Bevölkerungsentwicklung auf die politische Agenda kommen.

Jörg Hacker war Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Präsident des Robert Koch-Instituts, bevor er 2010 zum Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gewählt wurde. Anfang 2014 berief der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban-Ki Moon, den Professor für Mikrobiologie in das neu gegründete Scientific Advisory Board. Das SAB besteht aus 26 Forschern aus allen Weltregionen.
Helen Sibum
führte das Interview. Sie ist Redakteurin in Frankfurt am Main.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2014

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