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Gerechtigkeit in Zeiten des Klimawandels – ein Gespräch mit dem Sozialethiker Markus Vogt

Markus Vogt; © privatMarkus Vogt; © privat„Klimagerechtigkeit ist die Nagelprobe einer zukunfts- und friedensfähigen Entwicklung der modernen Zivilisation“, sagt der Münchner Sozialethiker Markus Vogt im Gespräch mit Goethe.de und fordert einen globalen Gesellschaftsvertrag für Klimagerechtigkeit.

Herr Professor Vogt, halten Sie den Klimawandel auch für ein so weitreichendes politisches und auch moralisches Problem, wie es von vielen beschworen wird?

Nach Schätzung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wird sich die Atmosphäre bis zum Jahr 2100 um 1,1 bis 6,4 Grad Celsius erwärmen, was zu einem Anstieg des Meeresspiegels, einem Abschmelzen von Gletschern und einer Zunahme von extremen Wetterereignissen führen wird. Aktuelle Daten lassen befürchten, dass wir uns eher auf den oberen Rand dieses Szenarios zu bewegen. Bei mehr als 2 Grad Erwärmung wird ein „galoppierender Klimawandel“ erwartet, der zahlreiche Lebensräume menschlicher Zivilisation destabilisiert. Schon heute gefährdet er existentielle Menschenrechte auf Nahrung, Sicherheit und Lebensraum für mehrere hundert Millionen Menschen in den südlichen Ländern.

Vorsorgender und ursachenorientierter Klimaschutz ist eine Frage der Vernunft und der Gerechtigkeit, da die südlichen Länder, die den Klimawandel am wenigsten verursacht haben, am stärksten betroffen sind. Klimagerechtigkeit ist die Nagelprobe einer zukunfts- und friedensfähigen Entwicklung der modernen Zivilisation.

Aber wird sich eine solche Klimagerechtigkeit durchsetzen lassen? Wird sie nicht an internationalen Gegensätzen scheitern?

Da das Klima ein kollektives Gut ist, dessen Schädigung alle gemeinsam trifft und dessen Nutzen sich kaum individualisieren lässt, sind Investitionen für Klimaschutz leicht ausbeutbar. Daher braucht Klimaschutz eine spezifische institutionelle Absicherung. Notwendig wäre die Gründung einer eigenständigen, mit Sanktionsmacht ausgestatteten Organisation innerhalb der UNO und ein globaler Gesellschaftsvertrag für Klimagerechtigkeit.

Keine Gerechtigkeit ohne Umweltschutz

Schmelzende Eisberge; © colourboxUnd worauf würden sie diesen Zusammenhang von Gerechtigkeit und Umweltschutz stützen?

Die entscheidende gerechtigkeitstheoretische Frage ist, ob sich ein Anspruch aller Menschen auf gleiche Nutzungschancen der global zugänglichen Ressourcen begründen lässt. Da sich die Differenz gerecht/ungerecht nur auf Handlungen und gesellschaftliche Strukturen, nicht aber auf naturgegebene Ungleichheiten beziehen lässt, sind Forderungen nach gerechter Ressourcenverteilung primär auf die Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft zu beziehen sowie auf die Bereiche des Risikoausgleichs, für die ein globaler Solidarvertrag besteht.

Die Tatsache, dass gegenwärtig circa 20 Prozent der Menschheit weit über 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen, ist also nur insofern ungerecht zu nennen, als im Rahmen weltwirtschaftlicher Rohstoffimporte Zwangslagen ausgenutzt und die Bedürfnisse der Ärmsten vernachlässigt werden. Klaus Töpfer nennt den exzessiven Verbrauch fossiler Energien in den Industrieländern eine ökologische Aggression, die Millionen von Menschen in Entwicklungsländern existentieller Lebenschancen beraubt. Man muss sie als neue Form des Kolonialismus (diesmal anonym über Atmosphärengase) einstufen. Angesichts des Klimawandels gilt: Keine Gerechtigkeit ohne Umweltschutz, kein Umweltschutz ohne Gerechtigkeit.

Verantwortung und Generationengerechtigkeit

Welche moralischen Pflichten haben wir gegenüber nachfolgenden Generationen?

In seinem Hauptwerk Prinzip Verantwortung formuliert Hans Jonas als neuen kategorischen Imperativ für die technologische Zivilisation: „Handle stets so, dass die Folgen deines Handelns mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf der Erde vereinbar sind.“ Er begründet seine intergenerationelle Zukunftsethik durch eine „objektive Naturteleologie“.

Man kann aber auch – was mir schlichter und damit stärker erscheint – von dem Grundsatz einer in der Generationenkette „phasenverschobenen“ Tauschgerechtigkeit ausgehen. Diese fordert eine Vorsorge für die jeweils nächste Generation auf dem Niveau, das man selbst erhalten hat. Dies ist keine „vage Solidaritätserwägung“, sondern eine unausweichliche Gerechtigkeitspflicht.

Ökologische Aufklärung

Hurrikan; © colourboxAber reicht eine solche anthropozentrische Ethik aus? Braucht die Ethik nicht doch eine Ausrichtung am Eigenwert der Natur oder der Biosphäre?

Die unbedingte Würde des Menschen, die mit seinem Status als moralisches Subjekt zusammenhängt, ist als Ausgangpunkt einer demokratiefähigen und aufgeklärten Ethik unhintergehbar. Wir brauchen keine Revision der Wende zum Subjekt, die in der Kantschen Menschenrechtsethik ihren Kristallisationspunkt gefunden hat.

Was wir brauchen, ist eine ökologische Aufklärung der Anthropozentrik: Wir müssen stärker über die biologischen und soziokulturellen Bedingungen unserer Selbsterfahrung als moralische Subjekte nachdenken und diese Bedingungen in der Form ökosozialer Imperative verbindlich schützen. Nicht Überwindung der Anthropozentrik heißt mein Programm, sondern Aufklärung über ihre Voraussetzungen und Grenzen.

Hat die Klimagerechtigkeit angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise überhaupt noch eine Chance?

Für mich ist der spannendste Aspekt, ob und wie die dreifache Krise von Klima, Energie und Finanzmärkten, als Chance für eine politische Umsteuerung genutzt werden kann. Das ist einerseits schwierig, weil der Druck für kurzfristige Problemlösungen sehr groß ist, andererseits begünstigt das Zusammentreffen unterschiedlicher Krisen Handlungsspielräume, weil sich gewohnte Denkmuster und Machtkonstellationen verändern. Das Aufbrechen von Dilemmasituationen zugunsten von Vernetzungen und Synergien (zum Beispiel finanzpolitische Investitionen zugunsten von Klimaschutz durch Energieeinsparung) ist der Kern dessen, was Nachhaltigkeit politikstrategisch meint. 

Prof. Dr. Markus Vogt, Dipl.-theol., Jahrgang 1962, ist seit 1995 Berater der Deutschen Bischofskonferenz für ökologische Fragen. Von 1998 bis März 2007 Professor für Christliche Sozialethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer Don Boscos in Benediktbeuern, seit April 2007 Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.


Hans-Martin Schönherr-Mann
stellte die Fragen. Er ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion August 2009

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