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„Wir können uns keine weitere Krise mehr leisten“ – Claudia Kemfert im Interview

Die Krise hat die Welt zweifellos verändert.  Foto: Sabine Braun„Die Krise hat die Welt zweifellos verändert.“  Foto: Sabine BraunProf. Dr. Claudia Kemfert (40) ist Deutschlands führende Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz. 2009 erschien ihr zweites Buch „Jetzt die Krise nutzen“, in dem sie die Chancen des Klimaschutzes als Weg aus der Krise beschreibt.

Frau Professor Kemfert, wen oder was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Jetzt die Krise nutzen soll Politikern den Weg aus der Krise aufzeigen und die Chancen begreifbar machen. Es baut auf den Erkenntnissen des im Herbst 2008 erschienenen Buches Die andere Klimazukunft auf, welches sich an alle gerichtet hatte: Verbraucher, Unternehmer sowie Politiker.

Wie würden Sie als Ökonomin die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise einordnen?

„Die erneuerbaren Energien müssen weiterhin gefördert werden.“  Foto: Jon Schulte © iStockphotoDie Krise hat die Welt zweifellos verändert. Ich schaue aber optimistisch in die Zukunft und sehe in ihr auch die Chancen. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass bahnbrechende Innovationen immer in Krisenzeiten entstanden sind. So kann auch die aktuelle Krise der Startschuss für Innovation und eine Trendwende sein in Richtung nachhaltige und klimaschonende Energieversorgung und Mobilität. Wir können uns keine weitere Krise mehr leisten. Es darf nicht heißen „jetzt erst einmal nicht“, sondern „jetzt erst recht“.

Wie würden Sie die Kernaussage Ihres Buches formulieren?

Wenn wir jetzt klug die politischen Weichen stellen, schlagen wir drei Krisen mit einer Klappe: die Wirtschaftskrise, die Energiekrise und die Klimakrise. Die deutsche Wirtschaft kann wie keine andere vom Boom der Branchen der erneuerbaren Energien profitieren: durch den Ausbau der Energieeffizienz, innovativer Kraftwerkstechnologien und Antriebstechnologien; aber auch in den klassischen Umweltschutzbranchen wie Müllverarbeitung, Recycling und Wasseraufbereitung kann die deutsche Wirtschaft weiterhin Weltmarktpotentiale ausbauen.

Worauf gründet sich Ihr besonderer Bezug zum Klimaschutz?

Fossile Energien, allen voran Öl und später auch Gas, werden knapper und teurer. Die fossile Ressource Kohle steht uns zwar noch lange zur Verfügung, die Verbrennung verursacht jedoch klimagefährliche Treibhausgase. Der Klimaschutz ist die Lösung und der Weg aus dem Problem, denn er schafft Wachstum und Arbeitsplätze. Wenn die Politiker jetzt für die richtigen Anreize sorgen, die Unternehmer sich auf klimabewusste Geschäftsmodelle einlassen und der Verbraucher klimabewusst konsumiert, wird Deutschland im Kampf gegen den Klimawandel zu den globalen Gewinnern gehören und gleichzeitig gestärkt aus der Krise hervor gehen.

Sie sind eine Befürworterin der Smart Grids (intelligente Netze) als Modell der Zukunft. Wie stehen die Chancen, dass die neue Bundesregierung den Ausbau vorantreiben wird?

Professor Dr. Claudia Kemfert: „Ich schaue optimistisch in die Zukunft.“  Foto: Sabine BraunDie Chancen stehen gut – aber weniger, weil die Bundesregierung den Ausbau vorantreiben will, sondern weil die Konzerne selbst es wollen. In Zukunft werden wir neben intelligenten Netzen, welche Energie und Daten gleichzeitig transportieren können, ebenso auch Energie in unseren Gebäuden produzieren und weniger konsumieren. Die Konzerne arbeiten heute an diesen Lösungen und ich bin zuversichtlich, dass wir sie schon bald auch in Deutschland umsetzen können.

Wo müsste sich die neue Bundesregierung primär engagieren?

Wichtig ist, dass die Politik die Weichen hin zu einer energieeffizienten, nachhaltigen und klimaschonenden Wirtschaftswelt ebnet. Und dass die Wirtschaft die Zeichen der Zeit erkennt und gezielt in die Märkte investiert. Die erneuerbaren Energien müssen weiterhin gefördert werden, es sollten finanzielle Anreize zum Energiesparen geschaffen werden. Insbesondere im Gebäudebereich liegen ungeahnte Energieeinsparpotenziale.

Wo sehen Sie das größte Potenzial für Wachstum im Bereich Umwelt- und Klimaschutz?

Neben der verbesserten Energieeffizienz werden vor allem auch die erneuerbaren Energien deutlich an Gewicht gewinnen, sowie nachhaltige Mobilitätskonzepte wie beispielsweise die Elektromobilität. Zusammen mit den klassischen Umweltschutzbranchen sind bis zu eine Million zusätzlicher Arbeitsplätze in den kommenden zehn Jahren möglich.

Wo ist Deutschland in puncto Umwelt-/Klimaschutz, Energie- und Verkehrspolitik Vorreiter?

Deutschland hat schon früh begonnen, Umweltschutz effektiv umzusetzen. Daher sind noch heute die deutschen Techniken zur Müllverarbeitung, Recycling oder Wasseraufbereitung weltweit führend. Zudem hat die gezielte finanzielle Unterstützung der erneuerbaren Energien dazu geführt, dass die deutschen Firmen an der Spitze mitmischen – obwohl die Konkurrenz aus dem Ausland längst aufgeholt hat. Auch der öffentliche Personennahverkehr findet weltweit Nachahmer.

Wo muss man nachlegen, um aus ökologischer und ökonomischer Sicht ein Global Player zu bleiben?

„Bis zu eine Million zusätzlicher Arbeitsplätze in den kommenden 10 Jahren sind möglich.“  Foto: Karen Keczmerski © iStockphotoEindeutig im Bereich der nachhaltigen Mobilität, von der Förderung und Stärkung des ÖPNVs über die bessere Vernetzung einzelner Transportmöglichkeiten bis zu der wenig klimaschonenden Produktpalette deutscher Autohersteller. Hier benötigen wir dringend neue Antriebsstoffe und -techniken.

Inwieweit gehen Sie selbst mit gutem Beispiel voran?

Im DIW habe ich bisher – leider – nur energiesparende Bewegungsmelder durchsetzen können. Persönlich vermeide ich alles, was meine CO2-Bilanz belasten würde: Ich esse vegetarisch, kaufe hauptsächlich regionale Bioprodukte, beziehe Ökostrom, habe energiesparende Elektrogeräte und wohne in einem gedämmten Haus. Ich fahre fast ausschließlich mit dem Zug. Nur die Langstreckenflüge verhageln meine Bilanz. Ich neutralisiere diese Emissionen, indem ich in Klimaschutzprojekte investiere. Leider würde ohne Flugzeuge die Wirtschaft zusammenbrechen. Doch durch gezielte Spenden in Klimaschutzprojekte werden Investitionen gesichert, die es sonst nicht gegeben hätte, beispielsweise in Biomasseanlagen in Indonesien. Man sollte dabei aber nur in zertifizierte und international anerkannte Projekte investieren.


Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der privaten Universität, Hertie School of Governance in Berlin. Kemfert ist Beraterin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso im Rahmen der High Level Group on Energy and Climate und eine gefragte Expertin für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien.

Publikationen – in einer Auswahl:

Die andere Klimazukunft (Murmann Verlag, Hamburg, 2008)

Jetzt die Krise nutzen (Murmann Verlag, Hamburg, 2009)

Andreas Förster
ist freier Journalist und Autor und lebt in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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