Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

Was gibt es Neues bei goethe.de/klima?

Die RSS-Feeds von goethe.de/klima informieren Sie sofort.
RSS Magazin und Galerie

Klimawandel – das Ende der Welt?

Coverauschnitt des Buches „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“; © S. Fischer VerlageCover des Buches „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“; © S. Fischer VerlageDie Klimakrise ist Teil einer „Metakrise“, die die Grundlagen unseres überkommenen Gesellschaftsmodells erschüttert. Doch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ kann der Anfang von etwas neuem sein, das uns für die verlorene Illusion unseres bisherigen Lebens mehr als entschädigt.

Die Klimaerwärmung, stellen Harald Welzer und Claus Leggewie in ihrem Buch Das Ende der Welt, wie wir sie kannten nüchtern fest, „ist die größte Krise der Nachkriegszeit“: Sämtliche Einzelkrisen, von der Ernährungs- über die Umwelt- und die Ressourcen- bis hin zur Finanzkrise, verdichten sich in ihr zu einer einzigen „Mega- bzw. Metakrise“, die in bislang ungekannter Radikalität die Grundlagen des westlichen Gesellschaftsmodells erschüttert.

Abwenden lasse sich der drohende Systemzusammenbruch nur durch eine „große Transformation“, eine Art globale „Kulturrevolution des Alltags“, die die unumgänglich gewordene Abkehr von zerstörerischen Produktions- und Lebensweisen mit einer Erweiterung demokratischer Teilhabe und Teilhabechancen verbindet.

Das Ende der Illusionen

Die Klimakrise, so die Autoren, räume endgültig auf mit den hybriden Illusionen eines Zivilisationsmodells, das zu 80 Prozent auf der Verbrennung fossiler Energieträger (Holz, Kohle, Erdöl, Erdgas) beruhe. Sie stelle freilich nicht nur die industriekapitalistische Produktionsweise, sondern auch die damit in Zusammenhang stehenden Lebensweisen und Konsumstile, Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Verhaltensroutinen infrage.

Die Klimakrise dürfe daher nicht als bloße Natur- oder Umweltkrise, sondern müsse vor allem als veritable „Kulturkrise“ wahrgenommen und begriffen werden – angesichts der bereits eingetretenen und noch zu erwartenden Veränderungen gar als „Kulturschock“. Auf dem Spiel stehen die Lebens- und Überlebensverhältnisse gegenwärtiger und künftiger Generationen; auf dem Spiel stehen eben aber auch die Kulturverhältnisse, sprich: die großen Errungenschaften der westlichen Moderne: Marktwirtschaft, Zivilgesellschaft und Demokratie. Auf dem Spiel steht, mit anderen Worten, die Welt, „wie wir sie kannten“.

Dass diese Welt an ein Ende gelangt ist, steht für die Autoren fest: So wie bisher kann und wird es nicht weitergehen. Was vor über 30 Jahren den Mitgliedern des Club of Rome als logisches Apriori galt: dass es unter den Bedingungen der Endlichkeit kein unendliches Wirtschaftswachstum geben könne, verwandeln die Auswirkungen der Klimaerwärmung nach Ansicht der Autoren in eine sinnfällige, nicht länger mehr bestreitbare Tatsache.

Der überwältigenden Evidenz dieser Tatsache zum Trotz dominieren in den Industrie- und Schwellenländern allenthalben Lebensstile und politische Strategien von gestern, bleiben Politik und Gesellschaft fixiert auf partikulare Reparaturziele oder großtechnologische Lösungsansätze und verweigern die überfällige Energie- und Klimawende – nicht zuletzt weil Problemwahrnehmung und Veränderungsbereitschaft mit der Veränderungsgeschwindigkeit einer „globalisierten Welt“ nicht mitzuhalten vermögen.

Die Große Transformation

Claus Leggewie; Foto Georg Lukas; © Stiftung MertcatorEs eilt! Sollte die kurze Spanne bis 2020 nicht für den Übergang in ein „postkarbones Zeitalter“ genutzt werden, droht das Weltklima umzukippen. Eine unkalkulierbare Zerstörungsdynamik würde in Gang gesetzt, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Aufgehalten werden kann diese Entwicklung den Autoren zufolge nur, wenn sich die verantwortlichen Akteure von ihren „Pfadabhängigkeiten und Vergleichsroutinen“ emanzipieren und eine „Dritte industrielle Revolution“ in die Wege leiten, deren Dimension allenfalls mit „historischen Achsenzeiten wie den Übergängen in die Agrargesellschaft und in die Industriegesellschaft“ vergleichbar ist.

Die „Große Transformation“ darf dabei nicht als bloßes Ingenieursprojekt missverstanden werden, zumal es nach Ansicht von Leggewie und Welzer nicht fehlende Kenntnisse und Technologien, sondern überholte, kulturell tief verankerte Wahrnehmungsroutinen und Handlungsmuster sind, die den Transformationsprozess behindern. Technischer Erfindungsgeist, Unternehmerinitiative und das Engagement von Berufspolitikern werden zur Bewältigung der Krise benötigt – ohne sie geht es nicht; allerdings geht es auch nicht ohne den aktiven Beitrag derjenigen, denen die Präventions- und Anpassungsmassnahmen und ihre Folgekosten zugemutet werden: der Bürgerinnen und Bürger.

APO 2.0 – Demokratisierung der Demokratie

Harald Welzer; Foto Siegrun Appelt; © S. Fischer VerlageEs gehört zu den zentralen Thesen des Buches, dass die Klimakrise nur von einer Gesellschaft beziehungsweise von Gesellschaften verstanden und gemeistert werden kann, deren Mitglieder sich als verantwortliche Teile ihres Gemeinwesens betrachten. Nötig ist nach Ansicht der Autoren eine „Demokratisierung der Demokratie“, sprich: eine neue Kultur der Teilhabe – dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die offizielle Politik bei der Lösung der drängenden Probleme, bislang jedenfalls, weitgehend versagt hat. Wer, wie die deutsche Regierung, mit einer Verschrottungsprämie in Milliardenhöhe die Automobilindustrie unterstützt, verschwendet Geld, das für die Gestaltung einer besseren Zukunft nicht mehr zur Verfügung steht.

Von der Repolitisierung der Zivilgesellschaft erhoffen sich die Autoren zweierlei: eine Kultur der Nachhaltigkeit – und die Stützung der stark unter Druck geratenen liberalen Demokratien, die ohne den Wandel ihrer politischen Kultur hin zu mehr Partizipation Gefahr laufen, die mit dem Klimawandel verbundenen Herausforderungen nicht zu bestehen. Sowohl der Rückbau der Industrialisierungsfolgen als auch der Umbau der Industriegesellschaft und des Lebensstils lassen sich nur erreichen, wenn die Betroffenen aktiv in den Transformationsprozess einbezogen werden.

Das Buch ist ein eindringlicher Appell an jeden aufgeklärten Bürger, sich einzumischen und den Wandel mit zu gestalten. Bereits jetzt zeichnen sich nach Ansicht von Leggewie und Welzer die Konturen einer neuen außerparlamentarischen Opposition („APO 2.0“) ab; ihre Protagonisten sind in erster Linie kritische Konsumenten, Menschen also, die ihre Kaufentscheidungen an Ökologie-, Gesundheits- und Nachhaltigkeitskriterien orientieren und damit im Hinblick auf den unvermeidlichen Lebensstilwandel eine gewisse Avantgardefunktion ausüben. Von ihnen lässt sich vor allem eines lernen: dass Veränderung möglich ist, die Lebensqualität erhöhen kann und keineswegs Verzicht bedeuten muss!

Bernd Mayerhofer,
Dr. phil., lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Wissenschaftsmagazin Zukunftswerkstatt

Thomas von Oesen
In der Sendereihe kommen zivilcouragierte Experten zu den drängendsten Zukunftsfragen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu Wort.

Dossier: Energie für die Zukunft

Wie wirtschaftlich und umwelt-
schonend sind Energien wie Sonne, Wasser, Wind, Erdwärme oder Biogas?

Eurozine

Themen-schwerpunkt zum Kräftemessen im Glashaus: Essays und Thesen über Ökologie und Politik