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„Frauen sind stärker verwundbar“ – Marion Rolle über Gender und Klimawandel

Marion Rolle; Foto: privatMarion Rolle; Foto: privatDer Klimawandel trifft Frauen stärker als Männer. Die Koordinatorin des Netzwerks „GenderCC – Women for Climate Justice“, Marion Rolle, fordert Geschlechtergerechtigkeit in der Klimapolitik. Ein Gespräch über Differenzen, lokale Lösungen und viel Nachholbedarf.

Frau Rolle, wieso sollte Klimawandel auch aus einer weiblichen Perspektive betrachtet werden?

Der Klimawandel betrifft vor allem ohnehin arme Menschen, die nicht über die nötige Infrastruktur und hinreichende Ressourcen zur Anpassung verfügen – und 70 Prozent der Armen weltweit sind weiblich. Frauen haben oft einen schlechteren Zugang zu Einkommen und zu Ressourcen wie Land, Macht, aber auch Mitbestimmungsmöglichkeiten. Durch gesellschaftlich konstruierte Rollen sind sie für klimasensible Bereiche wie Ernährungssicherung, Wasser- und Energieversorgung verantwortlich. Grenzen wie geringe politische Mitbestimmungsoptionen, mangelnder Zugang zu Informationen oder fehlende Bildung führen dazu, dass Frauen stärker verwundbar sind, aber eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten haben.

Unter welchen Folgen des Klimawandels leiden Frauen besonders?

Da Frauen besonders häufig von Armut betroffen sind, trifft sie jede Folge besonders, die mit einer Erhöhung von Kosten verbunden ist, wie höhere Nahrungsmittelpreise durch Ernteausfälle. Auch Frauen in Deutschland wie etwa alleinerziehende Mütter spüren das unmittelbar, da auch ihre finanziellen Ressourcen begrenzt sind. Geld ist nicht das einzige Problem. In Tansania sind es zum Beispiel die Frauen, die für die Sicherung der Ernährung zuständig sind. Wenn die Böden schlechter werden und Regenfälle ausbleiben, müssen sie länger und härter arbeiten, um ihre Familie zu ernähren. Das geht zu Lasten ihrer Gesundheit, ihrer Zeit für anderes, wie Bildung oder politische Beteiligung.

Wir brauchen Gleichberechtigung in der Klimapolitik

Projekt in Südafrika: Solarkocher können eine lokale Lösung sein; © GenderCCWas müsste getan werden, damit die Bedürfnisse von Frauen besser berücksichtigt werden?

Wir brauchen Gleichberechtigung in der Klimapolitik auf der lokalen, nationalen und internationalen Ebene. Das geht nur, wenn die Ungleichheit überhaupt bewusst wird und der Reflex ausgelöst wird, etwas dagegen zu tun – bei den Betroffenen, bei den Verursachern von Klimawandel sowie bei Politikern oder anderen Nichtregierungsorganisationen. Es ist wichtig, herauszufinden, wo Frauen und Männer unterschiedlich betroffen werden, damit auch differenzierte Maßnahmen ergriffen werden können, die Ungleichheiten abbauen – statt sie zu verschärfen.

Wie sieht das konkret aus – zum Beispiel bei dem Pilotprojekt von GenderCC in Südafrika?

In den bislang zehn Workshops ging es erst darum, die Menschen über den Klimawandel zu informieren. Viele nehmen Umweltveränderungen wahr, aber können die Zusammenhänge nicht benennen, weil ihnen Wissen fehlt. In den Workshops wird diskutiert, wie Klimawandel den Alltag verändert und welche Unterschiede es bei Frauen und Männern gibt – denn man kann nicht an den Männern vorbei Geschlechterrealitäten verändern. Auf dieser Grundlage werden Maßnahmen erarbeitet. Es geht um Empowerment, die Menschen werden darin bestärkt, selbst handeln zu können und zu wollen und ihr Leben, aber auch politische Prozesse zu gestalten.

Welche Wirkung hatten die Workshops?

Die Menschen entwickeln Lösungen für Probleme, sie gehen auch zurück in ihre Gemeinde und geben ihr Wissen weiter. Außerdem werden die Erkenntnisse, die in den Workshops entstehen, in politische Prozesse eingespeist – unsere regionale Koordinatorin ist zusammen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Workshops und anderen NGOs in die Entwicklung von nationalen Strategien involviert.

Männer neigen zu technologischen Lösungen

Logo von GenderCC; © GenderCCGehen Frauen und Männer Probleme eigentlich unterschiedlich an?

Es gibt schon Unterschiede bei der Verursachung von Klimaschäden. Studien zeigen, dass Männer mehr Fleisch essen und mehr Auto fahren, so dass sie mehr Energie verbrauchen. Frauen in den Industrieländern hinterfragen ihr Verhalten stärker und sind eher bereit, es zu verändern, also zum Beispiel weniger Fleisch zu essen. Sie setzen am Lebensstil an, Männer neigen zu technologischen Lösungen. Die Politik ist maskulin geprägt: da wird eben ein Filter auf Kohlekraftwerke aufgesetzt, ein Staudamm gebaut oder CO2 soll im Meer versenkt werden.

Das heißt, die Perspektive von Frauen wird vernachlässigt.

Oft verbessern große Projekte die Situation vor Ort nicht, da vor allem in ländlichen Regionen die Infrastruktur fehlt. Für Frauen ist es erst einmal wichtig, dass alle versorgt sind. In Entwicklungsprojekten fällt auf, dass sie eher in ihrem unmittelbaren Umfeld nach Lösungen suchen und etwa Kompost entwickeln, um den Boden wiederaufzuwerten, anstatt sich für einen großen Traktor einzusetzen. Sinnvolle große und lokale Lösungen sollten sich idealerweise ergänzen. Frauen und Genderexperten müssen hinzugezogen werden, damit wir verschiedene Perspektiven in die Maßnahmenbündel hineinbekommen.

Wie offen ist die Klimapolitik für Gender?

Im Vergleich zur ersten Klimakonferenz haben wir viel erreicht, vor zehn Jahren hätte noch niemand daran gedacht, dass Geschlecht eine wichtige Komponente bei Klimawandel und Klimafolgen ist. International gibt es im Zusammenhang der Weltklimakonferenzen durchaus erste Ansätze der Berücksichtigung. So sind Frauen- und Gender-Gruppen offiziell als eigene Beobachter-Gruppe anerkannt, wie andere NGOs. Und es gibt eine wachsende Aufmerksamkeit für Genderaspekte, die sich auch in Verhandlungsdokumenten, wie etwa zu Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel widerspiegelt.

Aber?

Es sind nur eine Handvoll von Regierungen bereit, tatsächlich etwas zu ändern. Auf der Maßnahmenebene wird es recht schwach. Außerdem findet Gender beziehungsweise finden Frauen keine Berücksichtigung bei wichtigen Themen wie Finanzen, Technologietransfer und Klimaschutz. Und je mehr Entscheidungen getroffen werden, desto weniger Frauen sind beteiligt – wie in Unternehmen auch. In Regierungsdelegationen liegt der Anteil von Frauen immer noch bei weniger als 30 Prozent, der Anteil von Verhandlungsführerinnen sogar bei weniger als 15 Prozent. Je weiter man nach unten blickt, wie etwa auf die Zusammensetzung der NGOs bei Klimakonferenzen, desto ausgeglichener wird es. Doch letztendlich treffen die Regierungschefs die Entscheidung.

Sonja Peteranderl
stellte die Fragen. Sie hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert, ist freiberufliche Journalistin und beschäftigt sich unter anderem mit Klimapolitik.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010

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