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Moral als Überlebensfrage – Bernward Gesangs Klimaethik

Cover des Buches „Klimaethik“; © SuhrkampEisberge in Grönland; © Martin Schwan / Fotolia.comSeit sich herumgesprochen hat, dass die globale Erwärmung kaum noch aufzuhalten ist, suchen auch Philosophen nach Auswegen aus der Klimakrise. Einen moraltheoretischen Beitrag will Bernward Gesang mit seiner „Klimaethik“ leisten.

Der Klimawandel wirft eine Reihe von Fragen auf, die gemeinhin als „moralisch“ beziehungsweise „ethisch“ bezeichnet werden. Am häufigsten diskutiert werden Gerechtigkeitsfragen: Ist es gerecht, dass die größten Verursacher (die Industriestaaten) voraussichtlich den geringsten Schaden davon tragen, ja von den klimatischen Veränderungen vordergründig vielleicht sogar noch profitieren werden, während jene Weltregionen, die zum Gesamtaufkommen der Treibhausgasemissionen kaum oder gar nicht beigetragen haben, von den negativen Folgen der globalen Erwärmung am stärksten betroffen sein werden? Ist es gerecht, dass zukünftige Generationen ausbaden müssen, was vorangegangene Generationen angerichtet haben? Ist es gerecht, wenn sich Verursacherstaaten – wie etwa beim Kyoto-Abkommen die USA und Australien – internationalen Abkommen verweigern? Resultiert aus der ungleichen Verteilung von Ursachen und Folgen für die Verursacher nicht vielmehr eine Reihe von Verpflichtungen, beispielsweise die Pflicht, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren und Klimaschutzverträgen zuzustimmen, oder die Pflicht, die Opfer des Klimawandels massiv zu unterstützen? Und darf man umgekehrt, ebenfalls aus Gründen des Klimaschutzes, von den Schwellenländern fordern, ihre nachholende ökonomische Modernisierung zu verlangsamen? Haben diese Länder nicht ein Recht auf diese Entwicklung?

Und wie sieht es mit der individuellen Verantwortung aus? Ist jeder Einzelne aufgrund des Klimawandels moralisch „in die Pflicht“ genommen und angehalten, sein Verhalten zu überprüfen und gegebenenfalls klimakompatibel zu verändern, oder gilt dies nur für kollektive Subjekte wie Unternehmen, Staaten und Staatengruppen? Wie weit erstreckt sich diese Verantwortung? Nur auf die lebenden oder auch auf künftige Generationen? Nur auf Menschen oder auch auf Tiere und Pflanzen oder gar auf die Natur als Ganzes? Einfacher gefragt: Darf man noch in den Urlaub fliegen oder mit dem Auto in die Arbeit fahren? Darf man so weiter machen wie bisher, wenn man weiß (oder doch wissen könnte), dass dies zum Klimawandel beiträgt und das langfristige Überleben vieler Menschen – vom Artensterben ganz zu schweigen – gefährdet?

Kritik der (Klima-) Gerechtigkeit

Bernward Gesang; © Universität MannheimBernward Gesang will in seinem Buch auf diese und ähnliche Fragen eine Antwort finden. Vor allem will er der Klimaethik als „Teilgebiet der angewandten Ethik“ zu jener wissenschaftlichen Anerkennung verhelfen, die ihr im deutschen Sprachraum bislang fehlt. Er will freilich noch etwas anderes: den klimaethischen Diskurs aus seiner gerechtigkeitstheoretischen Umklammerung befreien und auf utilitaristische Gleise setzen. Dahinter steht eine genuin philosophische Absicht: Die Leistungsstärke des Utilitarismus soll in einem konkreten Anwendungsgebiet demonstriert, einer in Deutschland bislang eher randständigen philosophischen Position dadurch zu größerer Akzeptanz verholfen werden.

Gerechtigkeit – so Gesangs Argumentation – ist wichtig, aber kein Selbstzweck. Sie ist um der Menschen willen da, hat also ausschließlich instrumentellen Wert. Wird sie nur um ihrer selbst willen angestrebt, trägt sie nicht dazu bei, das „Glück“ der Menschen zu vergrößern, wird sie zum Fetisch. In der Klimapolitik spielen Gerechtigkeitsprinzipien, insbesondere Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit, eine große Rolle; die Herstellung von „Klimagerechtigkeit“ gilt als allgemein akzeptiertes Ziel. Übersehen werden Gesang zufolge dabei die Grenzen einer gerechtigkeitstheoretischen Argumentation: Gerechtigkeit kann helfen, Lösungen „durchsetzbar zu machen“, sie stellt jedoch nicht selbst die Lösung dar und eignet sich daher auch nicht als klimapolitischer Leitwert.

Klimautilitarismus

Cover des Buches „Klimaethik“; © SuhrkampGesang schlägt eine „utilitaristische Abwägung des Klimaproblems“ vor. Statt von Rechten zu sprechen, sei es sinnvoller, sich auf Kosten-Nutzen-Analysen zu konzentrieren. Die Zukunft – so Gesang – hat keine Rechte, wenigstens keine „absoluten“, deren Berücksichtigung sie der Gegenwart als Pflichten auferlegen könnte. Sie verfügt jedoch über ein Nutzenpotenzial, das es zu erschließen und den Kosten eines ehrgeizigen Klimaschutzes gegenüberzustellen gelte. Sollte beispielsweise der Klimawandel doch nicht die gegenwärtig prognostizierten Ausmaße annehmen oder würde es in Zukunft gelingen, das CO2 technisch aus der Atmosphäre zu filtern und sicher zu speichern, wäre CO2-Sparen überflüssig. Worauf es Utilitaristen wie Gesang ankommt, ist die Maximierung des „Erwartungsnutzens“ (Produkt aus Nutzengröße und Eintrittswahrscheinlichkeit). Klimapolitische Maßnahmen haben laut Gesang in der Regel einen äußerst geringen Erwartungsnutzen, der größte Teil der aufgewendeten Mittel würde somit verschwendet. Gleichwohl – so Gesangs etwas überraschendes Abwägungsresultat – ist eine „energische Klimapolitik“ dringend geboten. Ihr Ziel muss es sein, zu verhindern, dass die sogenannten Tipping-Points überschritten und die von den Theorien des Klimawandels beschriebenen, unumkehrbaren Domino-Effekte ausgelöst werden.

Vernünftige, sich am Erwartungsnutzen orientierende klimapolitische Maßnahmen (wie vor allem ein gewichteter Mikrozertifikatehandel, die Begrenzung des Bevölkerungswachstums und die Förderung erneuerbarer Energien) haben immer einen Doppeleffekt: sie verringern die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre und tragen zugleich zur Bekämpfung globaler Probleme (Armut) bei. Da Gegenwart und Zukunft von ihnen gleichermaßen profitieren, hängt ihre Berechtigung im Übrigen nicht von (unsicheren) Klimaprognosen ab. Gesang ist davon überzeugt, dass diese Maßnahmen im wohlverstandenen Eigeninteresse der Verursacherstaaten liegen und letztlich nur dieses Eigeninteresse die zur Bewältigung der Klimakrise erforderliche Handlungsbereitschaft zu motivieren vermag.

Bernward Gesang: Klimaethik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2011, ISBN 978-3-518-29598-4.

Bernd Mayerhofer,
Dr. phil., lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2011

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