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Wird die Öko-Energie zum Fluch? – Interview mit Michael Succow

Michael Succow setzt sich mit seiner Stiftung im In- und Ausland für den Erhalt intakter Landschaften ein; © Michael Succow StiftungMichael Succow setzt sich mit seiner Stiftung im In- und Ausland für den Erhalt intakter Landschaften ein; © Michael Succow StiftungMehr Windräder, Hochspannungsleitungen und Monokulturen für Biogas-Anlagen: Geht die Energiewende auf Kosten von Deutschlands Landschaft? Der Landschaftsschützer und Träger des Right Livelihood Award Professor Michael Succow erklärt, ob dies nötig ist.

Herr Professor Succow, der Atomausstieg ist beschlossen, die Energiewende kommt. Macht Sie das glücklich?

Ich halte das Orientieren auf die regenerativen Energien für den einzig zukunftsfähigen Pfad der menschlichen Zivilisation. Aber wir müssen den Umgang mit erneuerbaren Energien ökologisch gestalten.

Welche Schwierigkeiten wird es geben?

Durch die erneuerbaren Energien, wie etwa Windräder, wird viel Raum in Anspruch genommen. Es geht eher darum Energie einzusparen. Denn Energieeinsparung bedeutet Naturschutz und Landschaftsschutz. Je vernünftiger jeder einzelne mit Energie umgeht, desto weniger Fläche müssen wir verwenden.

Was würden Sie also jedem einzelnen empfehlen, um Energie zu sparen?

Werden in Zukunft Windräder Deutschlands Landschaft dominieren?; © Karl Dichtler – Pixelio.deElektroautos sind eine der ganz großen Herausforderungen, wenn wir im hohen Maße die Windenergie nutzen. Denn die Windenergie fällt nachts genau wie am Tag an. Dieser Windenergiefluss kann nachts sehr gut gespeichert werden und zum Beispiel zum Laden der Autobatterien genutzt werden. Das andere sind die Energiehäuser: Plusenergiehäuser, die selbst Energie erzeugen, sind nicht mehr bloß Visionen, sondern stehen bereits.

… und im großen wirtschaftlichen Rahmen?

Die Sonne zu nutzen, ist die ökologische Aufgabe, die wir schnellstmöglich lösen müssen. Die Sonne stellt keine Rechnung und liefert unbegrenzt.

Sollten wir uns in Deutschland nicht eher auf den Wind konzentrieren? Die Sonne liefert hier ja vergleichsweise wenig Energie.

Nun, da ist noch vieles möglich. Chinas Ingenieure haben uns mit ihren Photovoltaikanlagen bereits überholt …

Die großen Konzerne tun sich schwer

Wenn Offshore-Windparks im Meer auch den Süden Deutschlands versorgen müssten, wären Hochspannungsleitungen quer durch das ganze Land nötig; ©  Marco Barnebeck – Pixelio.deDer größte Klimasünder der Welt forscht an Photovoltaikanlagen?

China ist sogar das Land, das im Bereich der erneuerbaren Energien die höchsten Investitionen tätigt und intensive Forschung betreibt. Was hat die Atomforschung Deutschland gekostet? Wenn diese Summen jetzt in die erneuerbaren Energien gesteckt würden … Aber da tun sich die großen Konzerne schwer. Dadurch werden viele Entwicklungen gebremst, wie zuletzt die Photovoltaik, was ich als schwere Fehlentscheidung sehe. Denn der wissenschaftliche Fortschritt bei erneuerbaren Energien kann in kürzester Zeit enorme Wirtschaftlichkeit bringen. Durch Forschungskürzungen gehen hierzulande Unternehmen ein und der Fortschritt findet dann eben in China statt. Dabei hat die Sonne auch in Deutschland genug Kraft, die wir nutzen können. Wir brauchen die Photovoltaik und den Wind. Auch mit Erdwärme ist vieles möglich, und es gibt noch die Biomasse.

Wie sieht es mit der Biogasproduktion aus? Sie sind ja kein Freund des Maisanbaus …

Der Geobotaniker und Landschaftsökologe Michael Succow erhielt für seinen Einsatz den Right Livelihood Award; © Michael Succow StiftungDer Maisanbau für die Produktion von Biogas ist eine gravierende Fehlentwicklung. Mais stammt aus den wärmeren Klimaten Amerikas. In Deutschland kann man den Mais daher erst im Mai säen und muss ihn vor dem ersten Frost abernten. Der Mais hat die ungeheure Leistung zu vollbringen, in dieser Zeit drei Meter hoch zu werden. Er powert also den Boden aus. Nach der Ernte liegt der Boden dann brach. Offenen Boden hat die Natur jedoch nicht vorgesehen. Ein halbes Jahr lang setzen Wind- und Wassererosion diesen Böden zu. Die Maisbauern werden so hoch subventioniert, dass sie überhaupt nicht daran denken, eine Zwischenkultur anzubauen oder einen Fruchtwechsel einzulegen. Außerdem sind enorme Düngermengen notwendig, die das Grundwasser ruinieren.

Lässt sich mit Biomasse überhaupt Öko-Strom gewinnen?

In unseren Stadtkulturen und Kulturlandschaften fällt enorm viel Biomasse an, die wir bisher kaum nutzen. Die könnte man dezentral in Kleinkraftwerken verarbeiten. Ökologisch verantwortbare Standorte für die Biomasseerzeugung wären die tief entwässerten, dringend aus Klimagründen wieder zu vernässenden Niedermoore. Dort könnte man im Winter Schilf ernten, daraus Pellets herstellen, mit denen man heizen kann. Ein wieder wachsendes Moor bindet durch Torfbildung CO2 und ist Lebensraum. Bei jeder Form der Landschaftsnutzung muss der Erhalt der Funktionen eines Ökosystems im Mittelpunkt stehen. Den Schwerpunkt bei der Energiegewinnung sollten dennoch Sonne, Wind und Erdwärme bilden.

Bei Offshore-Windparks ist die Horizontverschmutzung gering

Schöne Landschaft: Der Buhlbachsee im Schwarzwald ist ein Überbleibsel aus der letzten großen Eiszeit; © Rainer Sturm – Pixelio.deWas ist mit den Windrädern – wo sollen sie hin? Ins Wasser oder in die Wälder, wie es einige südliche Bundesländer planen?

Im Norden bietet das Meer natürlich eine enorme Windhäufigkeit und damit eine hohe Energieleistung. Bei Offshore-Windparks ist außerdem die Horizontverschmutzung gering, weil sie weit draußen im Meer stehen. Aber auch der Süden Deutschlands muss versorgt werden. Oberstes Gesetz sollte das lokale Wirtschaften sein. Das heißt, Energie sollte nicht über riesige Stromtrassen exportiert werden. Zwei Prozent der Fläche Deutschlands würden ausreichen, um hier Windkraftanlagen zu errichten. Dazu könnte man ehemalige Militärgebiete, aufgelassene Industriestandorte und Flächen entlang der Eisenbahntrassen und Autobahnen nutzen, denn das sind keine intakten Landschaften. In Wäldern, die noch eine naturnahe Lebensfülle haben, darf so etwas nicht sein. Die Gesellschaft muss begreifen, dass Landschaften mit großer Lebensfülle, der Ruhe und Weite als Erholungs- und Stabilisierungsräume zu erhalten sind.

Auf Ihrer Internetseite steht der Satz „Der Naturschutz muss sich weiterentwickeln zum Systemschutz für Natur, Wirtschaft und Gesellschaft“ von Rudolf Schreiber. Kann Deutschland dies umsetzen?

Hier ist noch viel Vernünftiges möglich. Aber ich bin froh, in einem Land zu leben, das nicht gleichgültig gegenüber dem ist, was später sein wird.

Eva Zimmerhof
stellte die Fragen. Sie ist freie Wissenschaftsjournalistin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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