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Die Zukunft des Klimas – Geo-Engineering als Plan B?

Um den Anstieg der Erderwärmung unter zwei Grad zu halten, müssten die globalen Treibhausgas-Emissionen mittelfristig radikal gesenkt werden. Bisher aber steigen sie weiterhin exponentiell an, jährlich um etwa drei Prozent, und es bestehen Zweifel, ob dieser Trend rechtzeitig umgekehrt werden wird. Geo-Engineering wird als Möglichkeit diskutiert, die  Erderwärmung abzubremsen. Doch was ist damit verbunden?

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Vor dem Hintergrund steigender CO2-Emissionen veröffentlichte der niederländische Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul J. Crutzen im Jahr 2006 einen wissenschaftlichen Essay mit dem Titel Albedo Enhancement By Stratospheric Sulfur Injections: A Contribution To Resolve A Policy Dilemma? Darin rief er zur Erforschung der Durchführbarkeit und der Folgen von Geo-Engineering auf und formulierte den bereits 1977 von dem russischen Geophysiker Michail Budyko gemachten Vorschlag neu, die Stratosphäre mit Schwefelaerosolen anzureichern. Dadurch soll die Erderwärmung gebremst werden, indem ein Teil des einfallenden Sonnenlichts reflektiert wird. Der gleiche Effekt ist bereits von Vulkanausbrüchen bekannt. So führte der Ausbruch des Mount Pinatubo 1991 rund ein Jahr lang zu einem Rückgang der globalen Mitteltemperatur um 0,5 Grad Celsius. Crutzens Vorstoß kam einem Tabubruch gleich. Seither wird die Frage, ob Geo-Engineering eine Alternative oder vorübergehende Ergänzung zu bisherigen Klimaschutz-Strategien sein kann, in der Wissenschaftsgemeinde und inzwischen auch über diese hinaus ernsthaft diskutiert. Die bisherigen Strategien zielen auf Minderung der Treibhausgas-Emissionen (Mitigation) und Anpassung an den schon unvermeidlichen Klimawandel (Adaption).

Die „absichtliche Manipulation des Erdsystems“

© Gunther Kreis
Der US-amerikanische Umweltbiologe Stephen Schneider definierte Geo-Engineering als „absichtliche Manipulation des Erdsystems, um die klimatischen Auswirkungen der Erdbevölkerung und des Wirtschaftswachstums zu bewältigen“ (Schneider, 2001). Im aktuellen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff Geo-Engineering großtechnische Eingriffe ins Erdsystem mit dem Ziel, die Folgen des erhöhten Anteils von Treibhausgasen in der Atmosphäre auszugleichen oder der Atmosphäre CO2 zu entziehen.

Unter die Kategorie des Managements der Sonneneinstrahlung (Solar Radiation Management, SRM) fallen dabei das Einbringen von Schwefelaerosolen in die Stratosphäre, die Installation von Sonnensegeln im Orbit sowie das sogenannte „Impfen“ von Wolken über den Meeren durch Meersalzpartikel, was die Wolken weißer werden und sie mehr Sonnenlicht reflektieren lässt, sowie andere den Albedo-Effekt (die Reflexionsleistung der Erdoberfläche) erhöhende Maßnahmen. Für den Entzug von CO2 aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR) werden die Düngung der Meere mit Eisen ebenso wie der Einsatz sogenannter “Künstlicher Bäume“ vorgeschlagen. Die Eisendüngung der Meere soll ein verstärktes Wachstum von Phytoplankton an der Meeresoberfläche auslösen. Bei der Photosynthese nimmt das Phytoplankton CO2 aus der Atmosphäre wie auch aus dem Meerwasser auf. Beim Absinken des abgestorbenen Phytoplanktons wird das CO2 auf dem Meeresboden gespeichert. Dadurch soll zugleich die Atmosphäre von CO2 gereinigt und der Versauerung der Meere entgegengewirkt werden. Als Künstliche Bäume werden technische Anlagen bezeichnet, in denen das Kohlendioxid durch chemische Prozesse aus angesaugter Luft herausgefiltert und verflüssigt wird, um es anschließend zu verpressen.

© Gunther Kreis Auch Aufforstung oder der Anbau genetisch modifizierter Pflanzen zum Zweck einer größeren CO2-Aufnahme und -Speicherung durch die Biosphäre wird mitunter als Geo-Engineering begriffen, sofern es in relevanter Größenordnung betrieben würde (David W. Keith, 2001). In diesem Sinne könnte auch das Vorhaben der Synthetischen Biologie, gentechnisch modifizierte Cyanobakterien in großem Maßstab Kunststoffe herstellen zu lassen, als Geo-Engineering betrachtet werden, sofern das dazu benötigte CO2 der Atmosphäre dauerhaft entzogen wird.

Das auch in Deutschland in jüngster Zeit unter dem Stichwort Sequestrierung diskutierte CCS-Verfahren (Carbon Capture and Sequestration) wird für gewöhnlich nicht als Geo-Engineering verstanden, da es nicht der Kompensation der Folgen des CO2-Ausstoßes in die Atmosphäre, sondern dessen Vermeidung dient. Beim CCS wird das CO2 direkt an den Industrieschloten aus den Abgasen gefiltert, verflüssigt und in tiefe Gesteins- oder Meeresschichten verpresst.

Um die aktuell diskutierten Maßnahmen von früheren, nicht auf den Klimawandel bezogenen Vorschlägen zur großtechnischen Umgestaltung der Umwelt begrifflich abzugrenzen, wird für sie mitunter auch der Begriff Klima-Engineering verwendet.

Juristische, ethische und ökologische Fragen

© Gunther Kreis
Freilich werfen praktisch alle vorgeschlagenen Maßnahmen ernsthafte ethische, ökologische, politische, ökonomische und juristische Fragen auf. So wird beispielsweise von Seiten der Technikethik gefragt, was die Ziele und Schwerpunkte der Geo-Engineering-Forschung sein sollten und wann, unter welchen Bedingungen und in welchem Umfang Geo-Engineering zu verantworten wäre. Ökologen warnen vor möglichen weitreichenden, ungewollten und eventuell nicht kontrollierbaren Auswirkungen nicht nur auf einzelne Ökosysteme, sondern auf das gesamte Erdsystem. So könnten, um nur ein Beispiel zu nennen, Schwefelsulfate in der Stratosphäre die Ozonschicht schädigen, was womöglich durch das Einbringen weiterer Chemikalien kompensiert werden müsste. Im politischen Bereich stellt sich die Frage, wer überhaupt dazu legitimiert ist, Geo-Engineering-Maßnahmen durchzuführen, da ihre Auswirkungen letztlich die gesamte Weltbevölkerung und alle Staaten betreffen. Juristisch muss gefragt werden, wer für mögliche Folgeschäden aufkommt, wenn sie beispielsweise in anderen Ländern auftreten als dem, das eine Geo-Engineering-Maßnahme durchgeführt hat. Entsprechend halten viele Wissenschaftler und ihre Organisationen mehr interdisziplinäre Forschung zu diesem Thema für notwendig.

Ein Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Planeten

© Gunther KreisSollte es eines Tages zur Durchführung von Geo-Engineering kommen, würde dies einen Paradigmenwechsel im Umgang des Menschen mit dem Planeten bedeuten. Neu wäre nicht das Maß der Einflussnahme auf natürliche Prozesse. Zu allen Zeiten, besonders aber und in nicht minder großem Maßstab seit der Industrialisierung, hat der Mensch massiv in die natürliche Umwelt eingegriffen. Neu wäre stattdessen, dass die Einflussnahme dieses Mal kein Nebenprodukt wirtschaftlicher Aktivität wäre, sondern Zweck der Unternehmung. Die möglichen ungewollten Folgen wären dabei, sofern die Forschung bis dahin eine stichhaltige Folgenabschätzung liefern kann, von vornherein bekannt und müssten mitbedacht werden – anders als dies für die industrielle Praxis typisch war und bis heute ist. Zudem könnten die Eingriffe kaum ohne übergreifenden ökologischen Plan und globale Koordinierung stattfinden, während die punktuellen Naturzerstörungen durch den Industrialismus ungesteuerte Folgen wirtschaftlicher Strategien waren.

Neu ist auch die mediale Situation, in der Geo-Engineering stattfinden würde. Während sich der Industrialismus in Zeiten langsamer und enger Informationsströme etablierte und sich die mit ihm einhergehenden Umweltzerstörungen relativ leicht verschleiern ließen bzw. gar nicht oder erst spät wahrgenommen wurden, ist es im Informationszeitalter schwer vorstellbar, dass sich Geo-Engineering von einzelnen Akteuren heimlich durchführen ließe. Die Reaktionen der Öffentlichkeit könnten zum Entstehen eines Bewusstseins für die Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen, erdgerechten Lebens und einer Politisierung der Gestaltung dieses Lebens beitragen.

Ein weiterer Unterschied zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich das industrielle Zeitalter formierte, ist der Stand naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Ein besseres Verständnis der Ökosysteme des Planeten und ihrer Wechselwirkungen sowie der Wechselwirkungen zwischen Atmo-, Hydro-, Bio-, Geo- und Anthroposphäre erleichtern es, ungewollte Wirkungen großskaliger Eingriffe ins Erdsystem zu antizipieren. Dies wird es potentiellen Akteuren des Geo-Engineerings ­– und zunehmend auch klassischen Umweltzerstörern, also Industrien und Konsumenten – in Zukunft erschweren, von nichts gewusst zu haben.

Ein umfassendes Erdsystem-Management

Angesichts der bereits fortgeschrittenen Veränderung und Störung großer Teile der natürlichen Ökosysteme durch den Menschen und der voraussichtlich noch auf 9 bis 10 Milliarden Menschen anwachsenden Erdbevölkerung scheint ein Zurück zur unberührten Natur reiner Wunschtraum geworden zu sein. Realistischer wirkt die Perspektive eines umfassenden Erdsystem-Managements mit dem Ziel, der menschlichen Spezies Lebensmöglichkeiten auf der Erde zu erhalten. Ob Geo-Engineering Teil eines solchen Erdsystem-Managements sein wird oder nicht – und ob es Teil eines nachhaltigen Erdsystem-Managements sein kann, wird in einem vielfältigen Diskurs wissenschaftlicher, politischer, ökonomischer und kultureller Art ausgehandelt werden.

Geo-Engineering als Allmachtsphantasie abzutun, ist dabei zu kurz gedacht. Die großskalige Anwendung von Technologien zum Schutz vor den ebenso großskaligen Schäden, die der Mensch im techno-industriellen Zeitalter verursacht hat, entspricht ganz der diese Epoche prägenden Logik von ungebremster Schadensverursachung aus Wachstums-, Profit- und Renditeinteresse, gefolgt von kurz gedachten – nämlich nicht auf Jahrtausende ausgelegten – Schadensbegrenzungsmaßnahmen. Um glaubhaft zu sein, muss eine Kritik des Geo-Engineerings daher mit einer fundamentalen Kritik des Wirtschaftsmodells beginnen, dem diese Logik von Verursachung und Schadensbegrenzung entspringt – eine Logik der Allvergessenheit, in der die Pflege überkommener natürlicher und kultureller Systeme genauso vernachlässigt wurde wie das Wohlergehen heutiger Mitlebewesen auf dem Planeten und das der zukünftigen Menschengenerationen.

Teil dieser Kritik müssten eine Neudefinition von Wachstum und Wohlstand und eine Neuausrichtung der Verwendung von Technologien beinhalten. Wachstumsmessungen sollten neben der wirtschaftlichen Entwicklung die Festigung sozialer Strukturen und das tatsächliche – nicht nur materielle – Wohlergehen von Menschen beinhalten. Die Nachbarschaft funktionierender Ökosysteme müsste in eine Neudefinition von Wohlstand einfließen. Zudem sollte eine Kritik des Industrialismus eine neue Ausrichtung der Verwendung von Technologien fordern – eine Art Resozialisierung der Maschinen, nach der Technologien nicht mehr zur schadensintensiven Ausbeutung endlicher natürlicher Ressourcen verwendet werden, sondern stattdessen in Gesamtstrategien eingebunden werden zur Gewährleistung der Grundversorgung durch nachhaltige Land-, Forst- und Wasserwirtschaft, zum Schutz von intakten Ökosystemen, zur Entwicklung CO2-neutraler Energie- und Mobilitätssysteme sowie für einen nachhaltigen Städtebau.

Geo-Engineering kann verhindert werden

Eine Kritik der unter den Augen der Öffentlichkeit stattfindenden Forschung zu Geo-Engineering dagegen muss ausreichend beruhigende Argumente dafür liefern, warum es besser sein sollte, nicht über die möglichen Folgen informiert zu sein, falls einzelne oder mehrere Staaten unter dem Druck eines ungebremsten Klimawandels Geo-Engineering-Maßnahmen durchführen wollen.

Geo-Engineering kann verhindert werden, indem a) Forschung zeigt, dass seine Folgen gravierender wären als die fortschreitende Klimaerwärmung oder indem b) das Verbrennen fossiler Energiequellen und der Ausstoß von CO2 gestoppt werden. Die technischen Alternativen zu fossilen Energieträgern stehen bereit, vonnöten für ihre flächendeckende Implementierung ist ein breiter gesellschaftlicher Wandel.

Die Gesprächsausschnitte in dem Film Die Zukunft des Klimas – Geo-Engineering als Plan B? entstammen Interviews, die der Physiker Roman Brinzanik und der Schriftsteller Tobias Hülswitt im Rahmen ihres intermedialen Buch-, Film- und Veranstaltungsprojekts Werden wir die Erde retten? – Gespräche über die Zukunft von Technologie und Planet mit international führenden Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, mit Geistes- und Sozialwissenschaftlernsowie mit Künstlern geführt haben. Das Projekt beschäftigt sich mit der Rolle von Wissenschaft, Technik und Kultur bei der Verursachung, Diagnose und möglichen Bewältigung der gegenwärtigen globalen Klima-, Umwelt- und Ressourcenkrise. Gefilmt und geschnitten wurden die Interviews von Gunther Kreis.

Werden wir die Erde retten? ist eine siebenteilige partizipative Veranstaltungsreihe der Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag.
Autoren: Tobias Hülswitt und Roman Brinzanik

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012

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