Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Das amazonische Verhältnis von Mensch und Natur

Der Wald als Mutter; Foto: Wolfgang KapfhammerDie Klima-Krise spiegelt die psychische und spirituelle Krise des Menschen und sein gestörtes Verhältnis zur Natur. Können animistische Naturvölker uns einen Ausweg weisen?

Der Wald als Mutter? Foto: Wolfgang Kapfhammer
Der Wald als Mutter? Foto: Wolfgang Kapfhammer

Wenn man bedenkt, wie eng der Zusammenhang zwischen unserer Umwelt und unserem körperlichen (Wohl-)Befinden ist, muss es erstaunen, dass die „Öko-Psychologie“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die seelische Befindlichkeit in einen ökologischen Kontext zu stellen, eher ein Nischendasein führt. Eine Grundidee dieser in den 1960er-Jahren entstandenen Subdisziplin ist, dass der menschliche Geist nicht getrennt von der natürlichen Welt existiert und unser psychisches Wohlbefinden ganz wesentlich von unserer Fähigkeit abhängt, eine „reife“ Beziehung zu der uns umgebenden Natur zu entwickeln. Die Klima-Krise deutet allerdings auf eine Entfremdung von der Natur und ein sich stetig verfestigendes Unvermögen zu einer solchen Beziehung hin.

Mit Animismus gegen das „Natur-Defizit-Syndrom“?

Können Naturvölker uns lehren, wie die Entfremdung zu überwinden wäre? – Diese Frage knüpft unmittelbar an eine anthropologische Diskussion an, die sich um eine Neubestimmung des alten Begriffs „Animismus“ bemüht. In dieser Debatte wird jenen indigenen Kulturen, die kosmologischen Grundsätzen anhängen, ein besonderes und ein besonders verantwortliches Naturverhältnis zugeschrieben. Viele Umwelt-Denker sehen in der Annahme einer beseelten Natur die zentrale Erkenntnis indigener Kosmologien, die so ein moralisches Verpflichtungsverhältnis des Menschen gegenüber der Natur erklären. Es könnte also durchaus lohnen, über die Kosmologien indigener Völker nachzudenken, um das – beispielsweise bei den Bewältigungsstrategien des Klimawandels – in die Krise geratene westliche Weltmodell zu „re-animieren“.

Mädchen in Guaraná-Strauch; Foto: Wolfgang Kapfhammer

Mädchen in Guaraná-Strauch; Foto: Wolfgang Kapfhammer

In einer globalisierten Welt kann allerdings selbst in peripheren indigenen Kulturen eine animistische Weltsicht kaum noch allumfassend sein. Die Mensch-Natur-Beziehungen der im Amazonasgebiet beheimateten Sateré-Mawé-Indianer zum Beispiel bilden eine Art Sequenz, die mit den historischen Außenbeziehungen dieser Gesellschaft ebenso zu tun hat wie mit den Progressionen und Regressionen im Lebenszyklus eines Menschen. Bezeichnenderweise haben sich auch Umweltpsychologen in für die Einhaltung von Übergangsriten in ihren Therapieprogrammen ausgesprochen, um das weithin diagnostizierte „Naturdefizit-Syndrom“ (Richard Louv) zu heilen.

Der Wald als Mutter

Mädchen beim Maniokschälen; © Wolfgang KapfhammerDas Grundschema der Natur-Beziehung der Sateré-Mawé ist eine Art Urvertrauen zum Wald als Mutter, die ihre Kinder mit Nahrung versorgt. Die voraussetzungslose Beziehung zur mütterlichen Natur mag affektiv aufgeladen und entlastend sein, ob aber irgendwelche moralischen Verpflichtungen gegenüber der nicht-menschlichen Umwelt aus dieser Beziehung erwachsen, muss offen bleiben, insbesondere wenn unter modernen Umständen dieses Einfordern von Fürsorge in Abhängigkeit von staatlicher Sozialhilfe umschlägt. Aus der innigen Beziehung zur Waldmutter wird dann eine Regression. Die Quelle des Heils wird nach außen verlagert und westliche Güter, die der Wald nicht bieten kann, von anderen eingefordert.

Fischer; © Wolfgang-KapfhammerDie Weltsicht der Sateré-Mawé bedingt eigentlich eine desillusionierte Einstellung gegenüber der Natur. Wie bei vielen amazonischen Gruppen verlangt der Übergang vom Kindes- zum Erwachsenenalter ein Ritual. Im Falle der Sateré-Mawé werden die heranwachsenden Jungen den schmerzhaften Stichen giftiger Ameisen ausgesetzt, die der Mythologie zufolge der Vagina einer Schlangenfrau entstammen. Die Symbolik des Ritus ist explizit genug: Die voraussetzungslose Bindung an die Waldmutter wird unterbrochen, um durch eine ambivalente und latent gewalttätige Beziehung zur Schlangenfrau ersetzt zu werden. Diese Erscheinungsform reifer Mensch-Natur-Beziehungen kann einerseits als festigender Faktor innerhalb der Mensch-Natur-Beziehung bezeichnet werden. Andererseits ist dieses Ordnungssystem, das auf dem balancierten Austausch mit den Einfluss-Sphärendes Kosmos beruht, so anspruchsvoll, dass der Anreiz zur regressiven Entfremdung von der Waldumwelt hoch ist.

Das Leben wieder verzaubern

Vielfältigen kritischen Tendenzen in der Situation der Sateré-Mawé-Gesellschaft versucht aktuell eine Gruppe von Sateré-Mawé-Aktivisten dadurch entgegenzuwirken, dass sie lokale (Natur-) Produkte in den globalen Fair-Trade-Handel verkaufen. Damit so eine neue Form von Umweltverantwortung kulturell nachhaltig sein kann, muss die Person wieder ästhetisch und affektiv Waldumwelt eingebettet werden. Dies mögen durchaus die großen Inkulturationsfeste leisten. Es gibt jedoch womöglich noch eine grundlegendere Ebene, auf der affektive Bindungen an die Umwelt hergestellt werden. Ältere Erzähler der Sateré-Mawé pflegten eine poetische Sprache in ihre Darbietungen einzuflechten. Indem sie mythologische Formulierungen verwendeten, um nicht-menschliche Wesenheiten des Waldes, zum Beispiel Palmfrüchte, zu bezeichnen, machten sie das Sammeln dieser Früchte zu einem poetischen Akt und erhöhten es zu einer Interaktion mit beseelten Wesen.

Landschaft am Rio Andirá; © Wolfgang Kapfhammer

Landschaft am Rio Andirá; Foto: Wolfgang Kapfhammer

Die Verschränkung von Poesie und Aktion mag dem westlichen Denken fremd erscheinen. Der Anthropologe Alf Hornborg weist jedoch darauf hin, dass die Abgetrenntheit von der Natur im Kontext der Moderne steht. Während wir dahingehend geprägt werden, die mangelnde Verbundenheit an unsere spezifischen beruflichen Subkulturen zu delegieren, bewahren wir uns andererseits unsere intimen Räume, wo wir „praktizierende Animisten“ sind. Und vor allem: Wir werden alle als Animisten geboren. Schließlich ist es die Fähigkeit der Kinder, über die Wunder der Natur zu staunen, die der Anthropologe Tim Ingold für die Entwicklung einer animistischen Seinsweise als entscheidend ansieht. Auch hier zeigt ein Blick über den ethnologischen Tellerrand, dass die Diskussion weiter trägt, als man glaubt: Das Leben wieder zu verzaubern, indem man Kindern die Möglichkeit gibt, Natur zu erfahren, ist auch die Botschaft des Bestsellers Das letzte Kind im Wald? vom amerikanischen Autor und Journalisten Richard Louv.

Wofgang Kapfhammer
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des völkerkundlichen Forschungsprojekts „Natur, Krise und Reform bei den Sateré-Mawé“ an der Philipps-Universität Marburg.

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Juli 2012

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