Vom Mehrgenerationenhaushalt zur Kernfamilie

Vom Mehrgenerationenhaushalt zur Kernfamilie

Käufer haben die Qual der Wahl © www.icpress.cn

Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich die Bevölkerungssituation in China, beeinflusst durch die gleichzeitigen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, insbesondere in den Städten stark gewandelt. Insgesamt machen sich vier Trends bemerkbar. Erstens werden die städtischen Familienhaushalte immer kleiner. Von 1982 bis zum Jahr 2002 ist die durchschnittliche Personenzahl in ländlichen Familienhaushalten in China von 4,43 auf 3,39 gesunken, in den städtischen Haushalten ist sie sogar bereits auf drei Personen zurückgegangen. Zweitens sind neue Haushaltsformen entstanden. Vor 1980 gab es in den chinesischen Städten hauptsächlich Mehrgenerationenhaushalte, doch seit der Einführung der Ein-Kind-Politik haben dreiköpfige Kernfamilien nach und nach zugenommen und Mehrgenerationenhaushalte abgenommen. Gleichzeitig entwickelten sich noch andere Familienformen, so z.B. Seniorenhaushalte, im Chinesischen „leeres Nest“ genannt, oder „DINK“-Haushalte (double income no kids). Der dritte Trend ist die Überalterung der Gesellschaft, und viertens schließlich ist die Tendenz zu erkennen, dass Jung und Alt immer seltener unter einem Dach wohnen. Eine immer bessere Rentenversorgung macht ältere Menschen zunehmend unabhängig von den jungen Leuten, so dass die Zahl derjenigen Alten, die entweder aus eigener Entscheidung oder gezwungenermaßen getrennt von ihren Kindern leben, immer größer wird. Nichtsdestotrotz ist die Vorstellung von einem großen Familienhaushalt in der Psyche der Chinesen noch immer tief verwurzelt und die meisten sind gewillt, zusammen oder in großer Nähe zueinander zu leben. In der Realität können aber nur wenige Familien dieses Ideal in die Realität umsetzen.

Gesellschaftlicher Wandel ist im Laufe der Geschichte oft der entscheidende Faktor für Veränderungen im Wohnungsbau und in der Städteplanung gewesen, und so sind Wohnformen auch immer Ausdruck des zeitlichen und gesellschaftlichen Hintergrundes, vor dem sie entstehen. Auch die nach 1990 durchgeführte Wohnungsreform und der durch sie in Schwung gekommene Wohnungsbau spiegeln zweifellos die sich verändernden Bevölkerungs- und Familienstrukturen in den chinesischen Städten wider.

Zum einen lässt sich anhand der Entwicklung der durchschnittlichen Wohnungsgröße die Verkleinerung der Familien erkennen. Auf dem Markt werden im Wesentlichen Zwei- und Dreizimmerwohnungen von ca. 100 m2 Größe angeboten. Verglichen mit der Situation vor der Wohnungsreform fiel die Zunahme der Quadratmeterfläche pro Wohnung um das 3-4fache deutlich geringer aus als die Steigerung der durchschnittlichen Wohnfläche pro Kopf um das 5-6fache. Anders ausgedrückt sollten – wenn man von der Familiengröße vor der Wohnungsreform ausgeht – 3-4-Zimmerwohnungen auf dem Markt vorherrschen, doch zurzeit machen Zwei- und Dreizimmerwohnungen die Mehrheit aus. Die Wohnungsgrößen wurden also durch die Verkleinerung der Familien beeinflusst.

Ausgehend von Untersuchungen über die bestehenden Familienstrukturen und Prognosen für die Zukunft gab die chinesische Regierung im Jahr 2006 eine Richtlinie für Wohnungsgrößen im kommerziellen Wohnungsbau heraus, die festlegt, dass „mindestens 70% der Wohnungen in neu errichteten Wohnsiedlungen kleiner als 90 m2 sein sollen.“ 
 
Neue Wohnviertel in Shenzhen © www.icpress.cn

Des Weiteren sind aufgrund der unterschiedlichen Familienstrukturen einige neue Wohnformen entstanden. Marktwirtschaft und private Wohnungswirtschaft erlauben es den Immobilienentwicklern und Architekten, die individuellen Bedürfnisse der Wohnungskäufer gründlich zu analysieren und dabei auch einen so wichtigen Faktor wie die Familienstruktur nicht außer Acht zu lassen. Und so erschienen auf dem Wohnungsmarkt auf bestimmte Zielgruppen zugeschnittene Wohnangebote. Besonders herauszuheben sind dabei Immobilien, deren Wohnungsaufteilung das Zusammenleben mit alten Menschen ermöglichen oder als Seniorenwohnungen geeignet sind.

Standards für altengerechte Wohnungen

Obwohl die traditionellen Vorstellungen der Chinesen von der Großfamilie immer mehr an Bedeutung verlieren, sind sie nichtsdestotrotz noch vorhanden. Sobald es die wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben, entscheiden sich viele Familien für eine Verbesserung ihrer Wohnverhältnisse und verwirklichen ihren Traum, dass viele Generationen unter einem Dach oder zumindest nah beieinander wohnen. Entweder wird im eigenen Wohnviertel oder im Nachbarviertel eine Wohnung für die alten Menschen gekauft wird oder man entscheidet sich, mit den alten Menschen zusammen in einer Wohnung zu leben.

Die Zimmeraufteilung solcher Wohnungen weist meist ähnliche Merkmale auf: Zunächst einmal sind mindestens drei Schlafzimmer vorhanden, jeweils eines für eine Generation. Während diese ruhig etwas kleiner sein dürfen, müssen die von allen Generationen gemeinsam genutzten Räumlichkeiten wie Wohnzimmer, Esszimmer und andere Bereiche viel Platz bieten. Die Schlafzimmer der alten Menschen haben ein eigenes Badezimmer und gehen nach Süden. Besonders bedacht werden muss, wie die Zimmer in der Wohnung nach dem Ableben der alten Menschen genutzt werden können, zum Beispiel als Arbeits- oder Gästezimmer. In manchen Fällen verfügen die Schlafzimmer sogar über eine eigene Eingangstür, so dass man dieses Zimmer auch vermieten könnte.

Aufgrund der Ein-Kind-Politik wird das Modell der „4-2-1 Familie“ zukünftig das typische Familienmodell in China sein. Das bedeutet für die jungen Familien, dass die Betreuung der alten Menschen zunehmend problematischer wird, da immer mehr Familien vier alte Menschen unterstützen müssen. Der Autor hält es nicht für die ideale Lösung des Problems, dass drei Generationenunter einem Dach leben. Aus diesem Grund sind altersgerechte Seniorenwohnangebote in China heute und in Zukunft von immenser Bedeutung und haben sich in den letzten Jahren deutlich vermehrt.

Die chinesische Regierung hat für solche Bauprojekte verbindliche Standards herausgegeben, die die körperlichen und seelischen Bedürfnisse alter Menschen berücksichtigen und Mindestanforderungen hinsichtlich Sicherheit, Hygiene und Zweckmäßigkeit der Gebäude und der Wohnräume festgelegen. Für alle Wohneinheiten dieser Art gilt: Die Häuser sollten idealerweise höchstens dreistöckig sein. Sind die Gebäude viergeschossig oder höher, muss ein Fahrstuhl eingebaut werden. Wohnraumaufteilung und Ausstattung sollen den Lebensgewohnheiten alter Menschen entsprechen. Bei Details wie Schwellen, Treppen, Aufzügen, Türen und Fenstern sowie Geländern ist Barrierefreiheit zu bedenken. In Badezimmern ist bei Einrichtung und Abstandsmessungen die Sicherheit und Bequemlichkeit zu berücksichtigen – in der Dusche z.B. eine Sitzgelegenheit und bei der Badewanne eine Einstiegshilfe. In den Räumen muss durch Sonnenscheindauer, natürliche Belüftung und Tageslicht ein gutes Raumklima hergestellt werden. Was den Ein- und Ausgangsbereich angeht, sollte die Tür auf der Sonnenseite gelegen sein. In solchen Wohnungen gibt es ein Schlafzimmer für eine Betreuungsperson und in der näheren Umgebung des Wohngebäudes soll eine Infrastruktur vorhanden sein, die den Senioren soziale Kontakte und die Teilnahme an Aktivitäten ermöglicht.

Alternative Altenheim?

Die allmähliche Abkehr von dem Gedanken „im eigenen Zuhause alt zu werden“ hat zwar in den letzten Jahren der kommerziellen Entwicklung von altengerechten Wohnungen einen gewissen Auftrieb gegeben, doch angesichts des Ausmaßes der Überalterung der Bevölkerung in den chinesischen Städten ist das Angebot wohl unzureichend. Da die Einrichtung von Wohnvierteln nur für alte Leute sowohl auf soziologische Probleme trifft als auch mit traditionellen Werten nicht in Einklang steht, scheint sich der Markt heute eher auf den Um- und Ausbau normaler Wohnungen zu seniorengerechten Wohnungen zu konzentrieren.

Die vor 20 Jahren eingeläutete städtische Wohnungsreform hat einen bis heute andauernden Bauboom ausgelöst, durch den sich die Wohnfläche beträchtlich vergrößert hat. Was Planungssorgfalt und die Berücksichtigung späterer Umbauten bei der Wohnungsaufteilung betrifft, besteht allerdings noch ein sehr großes Entwicklungspotenzial. Auch in Zukunft wird der Wohnungsbau in den chinesischen Städten eine Spiegelung des gesellschaftlichen Umfeldes und der Bevölkerungsstruktur sein. Mit dem Abflachen des Baubooms wird die architektonische Gestaltung des einzelnen Wohnobjekts vermehrt in den Vordergrund rücken und der Wohnungsschnitt wird vermehrt auf die durch die Familienstruktur bedingten Bedürfnisse des Wohnungseigentümers zugeschnitten sein. Auf der anderen Seite werden Eigentümer selbst höhere Anforderungen an die Umbaumöglichkeiten der Wohnungen stellen, um so ihre Wohnbedingungen an veränderte Familiensituationen und an das Lebensalter anpassen zu können.
Text: Dr. Ing. Huo Xiaowei (霍晓卫), Dipl. Ing. Angela Silbermann
Übersetzung: Andrea Schwedler
Tsinghua Universität, Rehwald Büro für Landschaftsplanung
Oktober 2009