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Wissenschaft unter der Diskokugel

Foto: © Thorsten Kamps

Forschung kann unterhaltsam sein

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Jungwissenschaftler André Lampe stellt sich dem Science-Slam-Publikum. Foto: © Thorsten Kamps

Dunstig ist es im „Lido“. Die Diskokugel dreht sich schnell und projiziert Tausende kleiner Kreise auf die Wände. Dabei wird an diesem Abend in dem Berliner Club gar nicht getanzt. Auf der Bühne installiert ist eine große Leinwand mit einer geöffneten Power-Point-Präsentation. Etwas von Immunbiologie steht da und von weißen Blutkörperchen. Dass sich dafür 400 Leute interessieren, liegt am unkonventionellen Format der Vorträge, die hier gehalten werden: Im „Lido“ findet einer der wenigen Science Slams statt, die in Deutschland veranstaltet werden.

Das Prinzip haben die Initiatoren das schon lange erfolgreiche Konzept des Poetry Slams übernommen: Es ist ein Wettbewerb zwischen Menschen auf der Bühne, die versuchen, in zehn Minuten das Publikum auf ihre Seite zu bekommen. Nur geht es beim Science Slam eben nicht um Gedichte und Literatur, sondern um Wissenschaft. Das macht die Angelegenheit ungleich komplizierter: Nicht jedes Thema, über das Master- oder Doktorarbeiten geschrieben werden, birgt das Potential, vor fachfremdem Publikum unterhaltsam zu wirken. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Kann ein Krebsforscher seine Forschung etwa auf witzige Weise präsentieren?

„Ein guter Science Slammer sollte das Publikum zum Lachen bringen – oder eben zum Weinen“, sagt Julia Offe dazu. Die Molekularbiologin aus Hamburg war eine der allerersten Science-Slammerinnen weltweit. „Die Idee stammt aus Deutschland – entgegen der allgemeinen Vermutung haben wir den Science Slam nicht von irgendwoher importiert“, erklärt Offe. Die Idee, das Slam-System auch für die Wissenschaft tauglich zu machen, kam ihr während ihrer eigenen Promotion. „Wenn man bis weit nach Feierabend im Labor steht und sich dann um ein Uhr nachts mit Freunden auf ein Bier trifft, merkt man erst, wie sehr es helfen kann, anderen Leuten zu erklären, was man eigentlich genau macht – und warum man dafür bereit ist, auch bis nach Mitternacht im Labor zu stehen.“ Die Losung für einen gelungen Science-Slam-Beitrag laute deshalb: „Man muss dem Publikum vermitteln, dass man für sein Thema glüht.“

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Florian Conrad, der Sieger des Abends, zum Thema „Wie Computerspiele die Welt verbessern können“, Foto: © Thorsten Kamps

Geisteswissenschaftler machen seltener mit

Denn das Publikum, das zugleich die Jury stellt, ist streng. Das zeigt sich auch beim Science-Slam-Abend in Berlin. Sechs junge Wissenschaftler stehen auf der Bühne, die meisten von ihnen stellen das Thema ihrer Doktorarbeiten vor. Fast alle sind Naturwissenschaftler, ein Betriebswirt und ein Politikwissenschaftler sind die Exoten des Abends. „Geisteswissenschaftler machen seltener mit“, bestätigt Julia Offe und vermutet: „Sie haben oft das Gefühl, sich für ihre Forschungen rechtfertigen zu müssen und sind deshalb wohl weniger selbstbewusst als viele Naturwissenschaftler.“ Den Rekord im Auftreten halten die Physiker – für Julia Offe ein selbsterklärendes Phänomen: „Das sind eben diejenigen, die es gewohnt sind, anderen Menschen die Welt zu erklären.“

Ein bisschen „Rampensau“ müsse man schon sein, um beim Science Slam zu punkten, gesteht die Initiatorin. Die Inszenierung ist das i-Tüpfelchen eines unkonventionellen Vortrags, der eine komplexe Materie auch für Laien begreifbar machen soll. Um die volle Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen, muss schon der Vortragstitel stimmen – immerhin hat der Referent danach nur noch zehn Minuten Zeit, um auch Skeptiker zu überzeugen.

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Fünf und sechs Punkte für Hirnforscher Dawie van den Heever, Foto: © Thorsten Kamps

Der Sieger des Berliner Abends schafft es schon in der ersten Minute, die Zuhörer zu überraschen. Das Thema, mit dem sich Florian Conrad beschäftigt, heißt an der Uni „Innovationsdramaturgie nach dem Heldenprinzip“. Beim Science Slam nennt er es „Wie Computerspiele die Welt verbessern können.“ Nach zehn Minuten will man ihm das Potential von Computerspielen fast abkaufen. Tosender Applaus ist die Reaktion – und ungewöhnliche 87 aus 100 möglichen Jurypunkten.

„Hier hören 400 Leute zu“

Kritik an den Science Slams seitens der Wissenschaft sei in letzter Zeit seltener geworden, sagt Julia Offe. „Anfangs gab es mehr Stimmen, die von einer Banalisierung der Wissenschaft durch das Format sprachen. Das ändert sich allmählich. Tatsache ist: Hier hören einmal 400 Leute einem Wissenschaftler zu – das ist an der Uni kaum vorstellbar.“

Ein großes Defizit haben die Science Slams jedoch noch. Im Schnitt wagen sich nur 20 Prozent Frauen auf die Bühne. Die Ermutigung des Moderators, beim nächsten Mal selbst mitzumachen, richtet sich deshalb vor allem an den weiblichen Teil des Publikums – der sich bezeichnenderweise in der Überzahl befindet.


Copyright: Goethe-Institut Prag
Mai 2013

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