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Die Märchenmedizin

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Wenn Puppenspieler kranke Kinder in Kliniken besuchen, geschehen wunderbare Dinge. Kleine Patienten leben auf, vergessen für einen Moment ihre Angst und ihren Schmerz. Das Projekt Puppenspiel im Krankenhaus (Loutky v nemocnici) gibt es in Tschechien seit elf Jahren. Doch die Idee dazu entstand in Deutschland.

Es ist Montag im Prager Kinderkrankenhaus Motol, Zeit zum Puppenspiel. Im weiten Gang im zehnten Stock sind Stuhlreihen aufgestellt, auf denen kleine Patienten ungeduldig hin und herrutschen. Alle paar Minuten kommen per Aufzug weitere dazu. Da ist der blasse Junge, der seinen Mundschutz am liebsten hinunterreißen würde und auch der Junge mit kahlem Kopf, in dessen Handrücken eine Kanüle steckt. „Hast du deine Tablette genommen?“, fragt die Krankenschwester das Mädchen im geblümten Schlafanzug, bevor sie es in die erste Reihe setzt.

Die Spannung steigt, denn heute ist ein besonderer Puppenspieltag, eine Premiere steht bevor. Das neue Stück heißt Der hellblaue Peter, der Hauptheld ist ein kleiner Hund. Klein und hellblau zu sein, das ist kein leichtes Hundeschicksal, versteht sich. Von anderen Hunden verbannt, wagt der blaue Peter eine Reise nach Amerika. Gleich treten drei Puppenspieler vor die Zuschauer, ein Mann und zwei Frauen. Sie haben Musikinstrumente mitgebracht: Geige, Keyboard, Schlagzeug, Trompete. Und einen Koffer. Sobald sie ihn auf einen Tisch gelegt und aufgeklappt haben, ist das Theater da, mit seinen bunten Kulissen. Gebannt sehen die Kinder, wie New York mit der Freiheitsstatue aus dem Koffer auftaucht, dann wieder ein Schiff auf dem Meer...

Die Schauspieler Kryštof Míka, Hana Grančicová und Marka Míková bewegen sich mit Leichtigkeit von Rolle zur Rolle. Beide Frauen tragen weitgeschnittene Latzhosen mit riesigen Taschen, aus denen Puppen und Requisiten herauslugen. Da wird der verräterischen Kater aus der Hosentasche gezogen, dort der Sägefisch, der Schrecken der Meere. Im Laufe des Spiels wird der hellblaue Peter gehänselt, belogen und betrogen. Am Ende aber findet er einen richtigen Freund, Kapitän Jeff, der ihn zu sich auf sein Schiff nimmt und mit ihm zur Insel der blauen Hunde segelt.

Während der Vorstellung springt Marka Míková mehrmals zum Keyboard, spielt und singt, dabei blickt sie direkt in die Kindergesichter. Sie ist auch die Regisseurin des halbstündigen Stücks und nicht zuletzt die Gründerin des gemeinnützigen Projekts Puppenspiel im Krankenhaus. Die 56-Jährige hat Dramaturgie und Regie des Puppenspiels studiert. Und so kam es, dass der befreundete Ravensburger Puppenspieler Ottokar Seifert sie im Jahre 2002 um Zusammenarbeit bat. Als er nämlich längere Zeit in einem Krankenhaus zu verbringen hatte, kam er auf die Idee, in der dortigen Kinderabteilung ein Puppenspiel aufzuführen. Zur großen Freude der kleinen Zuschauer. Marka Míková entsprach seiner Bitte, kam, fand passende Themen, schrieb Musik, inszenierte das Spiel. Gemeinsam führten die Tschechin und der Deutsche Theaterstücke in Krankenhäusern in Ravensburg und Stuttgart auf.

Anschließend trug die Musikerin, Schauspielerin und Kinderbuchautorin die Idee nach Tschechien und gewann andere Künstler für die gute Sache. Mit einem Team von vier Menschen hat 2005 in Prag alles angefangen. Nun, elf Jahre später, zählt das Projekt vierzehn Künstler in Tschechien und vier in der Slowakei. Ihr Engagement wird von privaten Spendern, der Stadt Prag und dem tschechischen Kulturministerium gesponsert.

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Es geschehen „Miniwunder“

Die Puppenspieler besuchen inzwischen in vierzehn Städten regelmäßig Kinder in Krankenhäusern, psychiatrischen Kliniken und Erholungsheimen. Meist gehen sie von Zimmer zu Zimmer, direkt ans Krankenbett. Je nachdem, wie es dem jeweiligen Kind geht, improvisieren die Künstler ein passendes Stück. Manchmal ist es ein Minimärchen, ein anderes Mal springt eine Puppe auf der Bettdecke herum und spricht mit dem Kind. Wird Blut abgenommen oder ein Verband gewechselt, beenden die Künstler dezent die Vorführung. „Es muss nicht zu Ende gespielt werden, wir erwarten keinen Beifall“, sagt Marka Míková. Und doch geschehen „Miniwunder“, wie die Künstlerin es nennt. Die Kinder fangen an, mit der Puppe über ihre Krankheit zu reden, bei manchen kullern die Tränen übers Gesicht, andere fangen zaghaft an, ein Lied zu singen. „Puppenspiel und Musik öffnen die Menschen, lösen die Angst und helfen, Schmerzen zu vergessen“, sagt sie und fügt hinzu: „Mit uns und unseren Marionetten können die Kinder ohne Hemmungen umgehen. Wir sind keine Ärzte, keine Krankenschwestern, wir sind Komödianten.“

Anfangs sei das Krankenhauspersonal skeptisch gewesen, manche Ärzte fühlten sich gestört, einer habe sie einmal aus dem Zimmer hinausgeworfen, erinnert sich Marka Míková im Gang der Onkologieabteilung im Prager Krankenhaus Motol. Das hat sich mit den Jahren gewandelt. Eine gute Zusammenarbeit ist entstanden. Denn das Puppenspiel unterstützt und ergänzt die Therapie, manchmal sogar auch die Diagnose. Gerührt erzählt sie die Geschichte der kleinen krebskranken Katharina, die sich weigerte zu laufen. Die Ärzte konnten nicht herausfinden, ob sie nicht kann oder nicht will. Da kam Marka Míková mit ihrem Frosch Quack, der sich in der Tür verfing und um Hilfe rief. Das Mädchen stand auf und rettete ihn. Während sie das sagt, klopft die Künstlerin schon an eine Krankenzimmer-Tür, der Puppenspiel-Rundgang beginnt. Bettlägerige Kinder bekommen Momente des Glücks geschenkt.

Maria Sileny

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
April 2017
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