Kultur

Eine Frage der Identität

Falcon, Czech Republic

Was bestimmt unsere Identität? Diese Frage stellt die Künstlergruppe Ztohoven in ihrem Dokumentarfilm Bürger K.

Wie ist das eigentlich mit der Identität, mit der Beziehung des einzelnen zum System, mit den gesellschaftlichen Strukturen der (Un-)Freiheit? Foto: © Falcon, Tschechische Republik

Stellt Euch vor, dass eure Identität noch von jemandem anders benutzt wird. Dass derjenige mit eurem Personalausweis reist, wählt, Kredite aufnimmt, sich bei einem Arzt registrieren lässt. Und dass das überhaupt nicht auffällt. Das Foto auf dem Ausweis entspricht nämlich sowohl eurem Gesicht als auch der Visage des „anderen“. Was ist, wenn man dann Trauzeuge der eigenen Hochzeit wird oder der „andere“ mit euren Papieren die strengsten Flughafen-Kontrollen passiert? Was bedeutet das? Und was sagt das über das System aus, für das wir vielleicht nur irgendwelche Nummern sind? Kann der Film Bürger K. (Občan K. ), der ein solches Experiment dokumentiert hat, darauf Antworten geben?

Antworten zu finden, das hat – mit wechselhaften Erfolg – die kontroverse Künstlergruppe Ztohoven (auf Deutsch etwa: „Raus von hier“) versucht, die schon mehrfach (nicht nur) medial für Aufsehen sorgte. Um festzustellen, wie das eigentlich mit der Identität ist, mit der Beziehung des einzelnen zum System, mit den gesellschaftlichen Strukturen der (Un-)Freiheit, startete sie 2010 das originelle Projekt Bürger K. [Der tschechische Originaltitel Občan K. ist übrigens ein Wortspiel: občanka heißt auf Deutsch Personalausweis, Anmerkung der Redaktion]. Im Rahmen dieses Projekts teilten und vermischten 12 Mitglieder der Gruppe Ztohoven ihre Identitäten. Die zwei äußerlich ähnlichsten Mitglieder fotografierten sich, um dann aus den beiden Fotos mit Hilfe der Morphing-Technik ein einziges zu machen, eine Art Gesichts-Mittelwert. Die Gruppenmitglieder meldeten dann bei der zuständigen Behörde den Verlust des Ausweises und beantragten einen neuen. Jedes der erwähnten Paare fügte dem Antrag jedoch zwei völlig identische Fotos bei. Fotos eines eigentlich gar nicht existierenden Menschen.

Die neuen Ausweise bekamen sie nach ein paar Wochen völlig problemlos ausgehändigt. Jeder der teilnehmenden Ztohoven -Mitglieder agierte dann mit einem faktisch gefälschten Ausweis. Die jeweiligen Pärchen haben darüber hinaus die Ausweise untereinander ausgetauscht und diese dann in unterschiedlichen Situationen benutzt. Sie beantragten und erhielten einen Waffenschein. Sie besuchten die EXPO in China. Sie nahmen an den Parlamentswahlen teil. Abschließend präsentierten sie ihr Projekt im Rahmen einer Ausstellung der Öffentlichkeit. Die schaute sich aber auch die Polizei an. Die Ausstellung wurde zwangsgeräumt, das Gericht wertete die Aktion mit den falschen Ausweisen später aber noch nicht einmal als Ordnungswidrigkeit.

„Ztohoven würde offenbar gerne die Zuschauer zum Nachdenken darüber anregen, wie es eigentlich mit dem schleichenden Verlust der Privatsphäre, der Freiheit, der Identität aussieht.“ Foto © Falcon, Tschechische Republik

Homevideo

Der Regisseur (und aktives Mitglied von Ztohoven ) Michal Romeo Dvořák hat das ganze Projekt mit der Kamera begleitet. So ist der 72-minütige Dokumentarfilm Občan K. entstanden, der Anfang November 2012 in die tschechischen Kinos kam. Im Ergebnis handelt es sich um einen unaufgeregten Film, der filmtechnisch einfach gehalten ist und mit keinerlei Innovationen aufwartet. Er erinnert stellenweise eher an ein Amateur-Homevideo, was nicht gerade positiv überrascht. Aber auch dank der nötigen Kürze kommt keine Langeweile auf, die einzelnen Geschichten mit den falschen Papieren werden mit Schwung und sogar unterhaltsam erzählt. Den Höhepunkt bildet eine bizarre Hochzeitsszene, in der der Trauzeige gleichzeitig Bräutigam und der Bräutigam gleichzeitig Trauzeuge ist. Oder so ähnlich. Bei dem Identitätsdurcheinander verlieren manchmal selbst die einzelnen Gruppenmitglieder den Überblick.

Was aber Regisseur Dvořák entgleitet, ist die Aussage des Streifens. Das Bild, das die Künstlergruppe Ztohoven mit dem Film Bürger K. von sich zeichnet, ist nicht gerade überzeugend. Warum tun sie das alles? Ist das „nur“ Konzeptkunst oder soll damit auf dringende Probleme der Gesellschaft hingewiesen werden? Ztohoven würde offenbar gerne die Zuschauer zum Nachdenken darüber anregen, wie es eigentlich mit dem schleichenden Verlust der Privatsphäre, der Freiheit, der Identität aussieht. Wie das System unvollkommen und leicht zu missbrauchen ist. Und wie der Einzelne nur eine Nummer in einem Verzeichnis darstellt. Das sind nicht gerade neuartige Gedanken.

Den Höhepunkt bildet eine bizarre Hochzeitsszene, in der der Trauzeige gleichzeitig Bräutigam und der Bräutigam gleichzeitig Trauzeuge ist. Foto © Falcon, Tschechische Republik

Unklare Antworten

Als in dem Film eines der Mitglieder von Ztohoven gefragt wird, warum sie das eigentlich alles machen, bekommt man nur eine vage Antwort, in der viele leere Phrasen gedroschen werden, und in denen die erwähnten Begriffe „Identität“, „Freiheit“ und „System“ vorkommen. Der Film vermittelt die ganze Ausweis-Aktion eher als ein unverbindliches Spiel, das wahrscheinlich mehr sein möchte; den Autoren und Akteuren gelingt es jedoch nicht, diesen „Mehrwert“ zu kommunizieren und zu vermitteln. Das Gerede von einer Zukunft mit unfreiwillig in den Körper implementierten Chips wirkt dann nur wie eine tragikomische Horrorbotschaft von Verschwörungstheoretikern. Auch wenn diese Thesen nicht gänzlich falsch sein müssen. Eines kann man der Künstlergruppe jedoch nicht absprechen: Sie ist wirklich mit Verve und Begeisterung bei der Sache.

Der Dokumentarfilm taugt also wahrscheinlich nicht als Inspirationsquelle für neue Ideen. Er kann aber als Sonde in die Künstlergruppe selbst verstanden werden, die in Tschechien immer wieder gesellschaftlich, politisch und medial für Aufsehen sorgt. Zunächst aber brauchen Ztohoven einen professionelleren Sprecher. Schon allein deshalb, weil die Fragen, die die Gruppe und der Film Bürger K. aufwirft, Antworten verdienen. Richtige Antworten.

Trailer zum Film „Občan K.“

P.S. Es ist bemerkenswert, dass der Film vom Tschechischen Fernsehen unterstützt wurde, also jener Fernsehanstalt, in dessen Sendeprogramm sich Ztohoven 2007 mit manipulierten Bildern eingehackt hat (siehe den Link weiter unten).

Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
Dezember 2012
Links zum Thema

Aktionen von Ztohoven

  • 2003: Ztohoven verhängen einen Teil des Neon-Herzens auf der Prager Burg, das dort in den letzten Tagen von Václav Havels Präsidentschaft leuchtete. Dadurch wurde aus dem Herz ein Fragezeichen.
  • 2007: Die Gruppe hackte sich in das Morgenprogramm des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehens. In eine Liveübertragung aus dem Riesengebirge fügen sie eine Atombombenexplosion ein. 
  • 2010: Die Aktion Bürger K.
  • 2012: Im Juni schicken Ztohoven an Abgeordnete und Journalisten hunderte fingierter SMS, in denen von einer Moral-Reform die Rede ist, also einer Vision von den idealen Beziehungen im politischen Spektrum. Im November veröffentlicht die Gruppe die Telefonnummern aller Parlamentsabgeordneten, der Regierungsmitglieder, des Premiers und des Präsidenten. In Reaktion auf die Kritik an dieser Aktion, veröffentlichen Ztohoven danach auch die Handynummern der Mitglieder der Künstlergruppe.

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