Kultur

Brennen für die Freiheit

HBO.cz

„Der brennende Busch“ über die Selbstverbrennung Jan Palachs ist ein Film, den Tschechien gebraucht hat

Aus Protest gegen die sowjetische Okkupation setzte sich Jan Palach selbst in Brand. Foto: © HBO, Dušan Martinček

Das Thema lag schon lange in der Luft. Dabei hat es alle Voraussetzungen für einen großen, außergewöhnlichen Film. Die Geschichte von der Selbstverbrennung Jan Palachs enthält eigentlich alles: Das bewegte Schicksal des 20-jährigen Studenten, den die Atmosphäre in dem von den Sowjets besetzten Land zu einer verzweifelten Tat trieb und den mitreißenden Kampf der Juristin Dagmar Burešová, die das Vermächtnis Palachs in einem von vornherein verlorenen Prozess verteidigt – trotz großer persönlicher Risiken.

Selbst ein durchschnittlich begabter Filmemacher musste erkennen, dass dieser Meilenstein der modernen tschechischen Geschichte Stoff bietet für ein historisches Drama über den moralischen Verfall einer Nation und die Suche nach einem Hoffnungsschimmer – Themen, die in der tschechischen Kinomatographie seit der Wende fehlten, und die sie doch so nötig braucht. Trotzdem schien es fast, als fürchteten sich die tschechischen Filmemacher und auch das Fernsehen vor den zugespitzten Ereignissen um das Jahr 1969. Das Projekt wurde schließlich von der europäischen Dependence des US-amerikanischen Fernsehanbieters HBO in Angriff genommen. Mit der Drehbuch-Adaption wurde der junge Absolvent der Prager Filmhochschule FAMU Štěpán Hulík  betraut. Mit der berühmten Regisseurin Agniezska Holland konnte eine Filmemacherin von überdurchschnittlicher Begabung gewonnen werden.

Die Ankündigung der Beerdigung Jan Palachs. Foto: © HBO, Dušan Martinček

Hořící keř (auf Deutsch Der brennende Busch) feierte seine Premiere im Januar 2013 anlässlich des 44. Todestages von Jan Palach. Der Streifen sucht in der tschechischen Szene seinesgleichen. Er besteht eigentlich aus drei eigentständigenTeilen, von denen jeder für sich bereits abendfüllende Länge hat. Der erste Teil beginnt mit Palachs Selbstverbrennung und fährt fort mit der Suche der Staatspolizei („Veřejná bezpečnost“, auf Deutsch wörtlich Öffentliche Sicherheit) nach weiteren „lebenden Fackeln“. Damals trat auch die Anwältin Burešová auf den Plan. Zu Beginn lehnte sie die juristische Vertretung von Palachs Mutter ab. Diese wiederum befand sich in einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Abgeordneten Vilém Nový, der Palachs Tat als „kaltes Feuer“ und eine Verschwörung westlicher Geheimdienste bagatellisiert hatte. Im zweiten Teil des Films übernimmt Burešová den Fall jedoch, sucht Zeugen, sammelt Beweise, um sich im dritten Teil schließlich dem manipulierten Prozess zu stellen.

Ohne Klischees

Holland ist eine meisterliche Künstlerin. In der Großproduktion des privaten TV-Konzerns (der das Budget des Projektes peinlich genau geheim hält) präsentiert sie perfekt aufeinander aufbauende Szenen. Sie ist dabei ebenso konkret wie metaphorisch. Sie bringt die Gefühle von Angst und Machtlosigkeit auf die Leinwand, wenn die Staatsssicherheit Palachs Mutter mit nächtlichen Telefonaten terrorisiert. Wenn Burešová vor Gericht bis zum letzten Moment gegen die üble Nachrede kämpft, inszeniert Holland dies als nervenaufreibenden Thriller. Gleichzeitig vermittelt sie die Hoffnungslosigkeit nach der Urteilsverkündung, die durch die Exhumierung der Leiche Palachs noch potenziert wird. Trotzdem schließt der Film mit einem Hoffnungsschimmer. Im Epilog wirft jemand Flugblätter im Vestibül der Prager Metro aus. Darauf wird zur Teilnahme an der Demonstration zum 20. Jahrestag von Jan Palachs Tat aufgerufen. Tatsächlich waren gerade diese Demonstrationen im Januar 1989 ein Vorbote für den Fall des Kommunismus in der Tschechoslowakei rund zehn Monate später.

Das Blut festgenommener Demonstranten in der Zentrale der Sicherheitspolizei, Foto: © HBO, Dušan Martinček

Holland gibt selbst scheinbaren Details wichtigen Raum. Etwa wenn eine Putzfrau die Stufen in der Zentrale der Sicherheitspolizei vom Blut festgenommener Demonstranten des Jahres 1969 reinigt: Ein Agent der Staatssicherheit unterbricht sie bei der Arbeit und sagt ihr „das ist schon gut“. Das hat eine größere Aussagekraft über den Charakter dieser Zeit als die die abgenutzten hundertmal gesehenen Klischees.

Schmerzhaft genau und notwendig

Das Drehbuch des 28-jährigen Hulík, Träger des Literaturpreises Magnesia Litera, erforscht, welche Auswirkungen die Tat Palachs auf Gesellschaft hatte. Seine Beschreibung der „großen Geschichte“ stützt sich auf die Schicksale der Akteure der Januartage 1969. Im Mittelpunkt der Handlung steht logischerweise Dagmar Burešová (gespielt von der jungen Slowakin Tatiana Pauhofová), die gewissermaßen Palachs Fackel „übernimmt“, wenn sie sich entschließt dem Regime zu trotzen – und das obwohl sie zwei kleine Töchter und einen Mann mit gesicherter Anstellung in einem Krankenhaus hat. Den Drohungen des Systems erliegt im Gegenteil der Chef von Burešovás Anwaltskanzlei. Um der Sicherheit seiner Tochter Willen beginnt er eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit.

Der Drehbuchautor Hulík fällte keine allgemeinen Urteile. Seine Darstellung opportunistischer Schleimer und Apparatschiks ohne Rückgrat, die in der Parteihierarchie nach oben klettern und alles Menschliche in sich erstickt haben, ist jedoch schmerzhaft genau.

Ein großes Kino mit allem drum und dran

Holland hat einen großen Film gedreht. Und das nicht nur im Sinne einer großen Produktion, die oppulente Ausstattung und professionelle Tricks garantiert. Hořící keř / Der brennende Busch ist ein wahrhaft großer Film, weil er die Geschichte eines bewundernswerten Heldentums und ungebrochenen Willens ist. Natürlich ergeht er sich auch in Pathos – aber wen würde das hier stören? Pathos, das nicht nur einem dummen Selbstzweck dient, gehört zu großen und einzigartigen Geschichten eben dazu. Die tschechische Geschichte kann sich nicht unbedingt vieler solcher Geschichten rühmen und die tschechische Kinematographie erst recht nicht.

Die Juristin Dagmar Burešová verteidigt das Vermächtnis Palachs in einem von vornherein verlorenen Prozess. Foto: © HBO, Dušan Martinček

Holland ist ein komplexes, fesselndes und außergewöhnlich starkes Drama gelungen. Inhaltlich dicht, handwerklich geschliffen. Es erzählt über das Leben unter der Diktatur sparsam, ungeschönt, ausgewogen und entlarvt dabei das monströse, verbrecherische System, das so vielen das Rückgrat gebrochen hat.

Auf den Film Hořící keř hat man gewartet. Er kommt zu einer Zeit, während der tschechische Präsdidentschaftswahlkampf im Januar 2013 seinen Höhepunkt erreicht und die Medien von den Auseinandersetzungen der beiden verbliebenen Kandidaten bestimmt werden. Hořící keř ist jedoch ein Werk, das wichtiger ist als alle Debatten zusammen. Der Film erinnert uns, dass man die Geschichte Jan Palachs nicht vergessen darf, dass sie zu einem Teil des kulturellen Gedächtnisses der Nation werden sollte. Und was noch wichtiger ist: das Vermächtnis eines Menschen, der die Moral seiner Nation wichtiger nahm als sein eigenes Leben, ist immer noch ein Verpflichtung. Eine Verpflichtung sich nicht beugen zu lassen, sich nicht zu verkaufen, nicht von den Prinzipien abzulassen, anständig und ehrlich zu sein und für die Freiheit zu kämpfen. Auch wenn das irgendwie pathetisch klingt.  

Hauptsache nicht lügen

Ein Interview mit dem Drehbuchautor Štěpán Hulík

Sein erstes Buch Kinematografie zapomnění (auf Deutsch Die Kinematographie des Vergessens) gewann den Literaturpreis Magnesia Litera. Sein erstes umgesetztes Drehbuch wurde von der berühmten polnischen Regisseurin Agniezska Holland inszeniert. Im Interview mit jádu betont Štěpán Hulík, dass ihm am meisten daran lag im Drehbuch zu dem Film Hořící keř / Der brennende Busch nichts hinzu zu erfinden und nicht zu lügen.

Herr Hulík, Sie sind erst 28. War das beim Schreiben des Drehbuchs zu solch einem Thema nicht ein wenig hinderlich.

Das kann ich nicht beurteilen. Die Hauptaufgabe war die Schicksale der Menschen zu beschreiben. Es ist da nicht so wesentlich, zu welcher Zeit sich die Geschichte abspielt, und ob ich „dabei“ war. Wichtig ist sich an den Stoff empathisch heranzugehen.

Trotzdem mussten sie während des Schreibens auch auf Archive zurückgreifen und mit Zeitzeugen reden.

Selbstverständlich. Ich bin in Archive gegangen, habe zeitgenössische Zeitungen gelesen, mehrere Male habe ich lange mit Frau Dr. Burešová telefoniert. Den besten Einblick in die Zeit der Normalisierung [die beiden Jahrzehnte nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, die von Repressionen des Regimes und v.a. zu Beginn der 1970er Jahre von einer Lethargie in der Bevölkerung gekennzeichnet waren. Anm. d. Übersetzers] gewährten mir aber die Gespräche mit Zeitzeugen. Dutzende Leute haben mir über mehrere Monate hinweg ihre Geschichten erzählt. Details, Beobachtungen, Erinnerungsfetzen, Dilemmas, Zweifel, Freude. Das alles hat mir sehr geholfen. Das fertige Drehbuch habe ich Jan Palachs Bruder Jiří und Kamila Moučková, der Tochter von Vilém Nový, zu Lesen gegeben. Sie hatten keine Einwände. Hätten sie grundlegende Probleme mit dem Buch gehabt, wäre das Projekt vielleicht gar nicht erst entstanden.

Štěpán Hulík, Drehbuchautor. Foto: © HBO, Dušan Martinček

Sie widmen sich aber dem Leben der Anwältin Dagmar Burešová stärker als dem Jan Palachs?

Die Tat Palachs hat mich immer fasziniert. Ich kann nicht behaupten, in jeder Hinsicht mit ihm einer Meinung zu sein. Aber der Entschluss Jan Palachs, sich in das Geschehen um ihn herum zu engagieren und dabei bis zum Äußersten zu gehen, hat mich tief berührt. Ich habe darüber nachgedacht, wie man seine Geschichte fassen kann. Eine klassische Biographie kam nicht in Frage, denn die würde dem Helden von seiner Geburt an folgen, über Schlüsselmomente seines Lebens bis zum Ende. Bei Palach konzentriert sich alles Wesentliche jedoch in diesen wenigen Minuten auf dem Prager Wenzelsplatz, als er sein Vorhaben in die Tat umsetzte. Ich habe mich daher um einen anderen Blickwinkel bemüht. Dann erinnerte ich mich an einen Artikel in der Tageszeitung Lidové noviny, den ich vor vier Jahren gelesen hatte. Es ging darin um den Gerichtsprozess, in dem die Ehre Palachs zur Debatte stand. Und das war es dann, das war die richtige Richtung für Hořící keř / Der brennende Busch. Die ganze Geschichte erscheint hier selbst für notorische Kenner in einem neuen Licht. Die Hauptfigur des Films, Dagmar Burešová, hält gewissermaßen das Vermächtnis Jan Palachs am Leben.

Wie das?

Genau wie Jan Palach war es ihr nicht gleichgültig, was um sie herum geschah.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit Agniezsk Holland? Etwa die Diskussionen über das Drehbuch?

Agniezska agiert nie aus einer Position der Stärke heraus. Sie schreibt niemandem vor, was er oder sie genau tun soll. Sie macht vielmehr Vorschläge, gibt Anregungen und stellt Fragen. So ist auch das Drehbuch entstanden.

Was bedeutet Ihrer Meinung nach Palachs Tat in der Gegenwart?

Wir leben in einer Zeit, in der die meisten von uns dem Gefühl erliegen, dass sich die Dinge um uns herum nicht ändern lassen, dass sowieso alles anders und anderswo entschieden wird. Wir glauben, dass es keinen Wert hat, sich zu engagieren. Palach hat mit seiner Tat gezeigt, dass wir uns da schrecklich irren. Er hat gezeigt, dass man immer etwas tun kann. Diese 44 Jahre alte Geschichte ist sehr aktuell.

Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: Goethe-Institut Prag
Dezember 2012
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Was Jan Palach getan hat

Der junge Student der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität Jan Palach übergoß sich am 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin und steckte sich selbst in Brand. Er protestierte damit gegen die sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei und die allgemeine Lethargie, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in der Gesellschaft herrschte. Passanten löschten den brennenden Studenten, der daraufhin in die Klinik für platische Chirurgie in der Nahe liegenden Legerova-Straße gebracht wurde. Am Ort, an dem Palach sich in Brand gesteckt hatte, vor der Treppe des Nationalmuseums fanden sich rasch Menschenmassen ein. Es kam auch die Sicherheitspolizei, die vor Ort einen Brief fand, in dem Palach seine Tat erklärte. Unterschrieben war der Brief mit „Fackel Nr. 1“.  

Laut den Erinnerungen des Krankenhauspersonals behauptete Palach,es gebe eine Gruppe von Leuten, die es ihm gleich tun wollten, weitere „Fackeln“. Der junge Mann starb am 19. Januar 1969 an seinen schweren Verletzungen. Die Selbstverbrennung rief in der Gesellschaft unterschiedliche Reaktionen hervor. Studentenvertreter riefen zur Erfüllung von Palachs Forderungen auf. In vielen Städten fanden Trauerfeiern statt. Palachs Begräbnis wurde zu einer Massendemonstration. Öffentlich verurteilt wurde die Tat Palachs von Hardlinern der Kommunistischen Partei, vor allem aus der Bezirksorganisation Prag-Libeň. Die Rede war von einem Missbrauch Palachs [durch westliche Geheimdienste, Anm. D. Übersetzers]. Diese These wurde von dem Politbüro-Mitglied Vilém Nový verbreitet.

Quelle: HBO CZ

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