Kultur

Verschwommene Vergangenheit

Foto: © Lukáš Houdek

Ein Fotoprojekt über die Vertreibung der Sudetendeutschen

Foto: © Lukáš Houdek
„Du musst Johann vergessen“, Foto: © Lukáš Houdek

In schwarze Gesichter blickt der Betrachter der Bilderserie des tschechischen Fotokünstlers Lukáš Houdek mit dem Titel „Du musst Johann vergessen“. Nicht nur, dass die Figuren kein Gesicht haben, auch die Kleider tragen sie auf den verschwommenen Bildern verkehrt herum. Dies macht ein bisschen Angst, aber noch vielmehr fasziniert es. Was steckt wohl hinter den künstlerischen Mitteln?

Die Arbeiten Lukáš Houdeks widmen sich der Problematik der Vertreibung der Sudetendeutschen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Folgen. „Die verlassenen Dörfer lagen oft in Waldgegenden oder verbotenen Zonen, so dass später niemand ein Interesse daran hatte, die Gegend wieder zu besiedeln“, erzählt Lukáš. „Deshalb finden wir dort nun oft ruinenartige Gebäudeteile.“ Es sind diese Ruinen, die den Fotos der Serie Du musst Johann vergessen als Kulisse dienen. Die gewollte Unschärfe der Schwarz-Weiß-Fotografien vermittelt einen dokumentarischen Charakter. Dementgegen stehen jedoch dargestellten Figuren, deren Gesichter schwarz sind und die ihre Kleidung verkehrt herum tragen.

„Die Serie ist eine Reflexion unserer Vorstellung. Wir können das Leben der Menschen in den betroffenen Gebieten und diese selbst nicht mehr klar sehen, da ihr Leben in der Vergangenheit liegt“, sagt Lukáš.

„Die Deutschen waren wie Geister“

Der 29-Jährige ist in Planá bei Mariánské Lázně (Marienbad) im ehemaligen Sudetenland geboren und aufgewachsen. „Beide Teile meiner Familie ließen sich in Häusern, die ehemals Sudetendeutschen gehörten, nieder. Die Thematik der vertriebenen Bevölkerung lag daher immer in der Luft, obwohl wir kaum darüber sprachen. Die Deutschen waren wie Geister, die manchmal auftauchen, aber auch wieder verschwinden.“ Zunächst wussten weder seine Familie noch Lukáš selbst über die geschichtlichen Hintergründe Bescheid. Er begann nachzuforschen, um das Thema „für mich und auch für meine Umgebung zu erkunden“.

Ausschlaggebend dafür war der Besuch eines ehemaligen deutschen Friedhofs, den Lukáš in einem heruntergekommenen Zustand vorfand: „Ich fühlte eine negative Energie und so viel Hass. Aber ich wusste nicht wieso. Deshalb begann ich im Internet zu recherchieren.“ Er stieß auf die Kriegsverbrechen, die damals auf der Tagesordnung standen: „Ich selbst fühlte plötzlich eine kritische Haltung gegenüber den Deutschen und wollte mich damit auseinander setzen.“ So entstand in den Jahren 2009 bis 2012 eine Serie fotografischer Porträts von Verwandten der Deutschen, die bis zur Vertreibung in der Region um Stříbro lebten. Dieses Vorgängerprojekt trug den Titel Abandoned lives.

Lukáš tauchte tiefer ein in die Thematik der Vertreibung. Er las Bücher und Artikel, machte sich Notizen, besuchte Archive und sammelte Requisiten. Auch die Auswahl der Kulissen musste er treffen. Dafür besichtigte er zusammen mit seiner Mutter viele verlassene Dörfer. „Während der Recherchen kommen mir Visionen für spätere Projekte in den Sinn. Im Vergleich zu früheren Projekten arbeite ich bereits in der Vorbereitungszeit sehr perfektionistisch und genau. Das Shooting selbst geht dann ganz schnell.“

„Manche wünschten mir den Tod“

Die Reaktionen auf Lukáš Houdeks Projekte fallen unterschiedlich aus. „Als ich die Fotoserie Die Kunst zu Töten (die Massaker an der deutschen Zivilbevölkerung im Jahr 1945 nachstellt) ausstellte, erhielt ich plötzlich jeden Tag E-Mails. Die Leute wurden teilweise ärgerlich, aufbrausend und manchmal schon fast verrückt. Manche nannten mich einen Verräter der Nation, manche wünschten mir sogar den Tod. Ich entschied mich dafür alle E-Mails zu beantworten, doch leider war nur mit wenigen eine weiterführende Diskussion möglich. Aber ich bekam auch sehr positives Feedback, das mich während dieser Zeit sehr unterstützte.“ Die Reaktionen auf das Projekt Du musst Johann vergessen fallen nicht so extrem aus. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass es nicht so direkt mit einem nationalen Spiegelbild konfrontiert,“ sagt Lukáš und freut sich, dass er auch viele Reaktionen von Betroffenen erhält, die sich im Projekt wiederfinden.

„Ich versuche mich selbst zu finden“, resümiert Lukáš. „Und ich möchte zeigen, dass nichts schwarz oder weiß ist. Aber vor allem möchte ich an meinen Vorurteilen arbeiten, damit ich freier und offener leben kann.“ Derzeit hat Lukáš bereits ein neues Projekt in Planung. Der studierte Romist beschäftigt sich darin mit dem Holocaust an tschechischen Roma und arbeitet dazu mit betroffenen Roma zusammen.

Die Ausstellung Du musst Johann vergessen ist derzeit im Kloster Speinshart bei Weiden in der Oberpfalz zu sehen. Sie ist noch bis zum 2.März. immer sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.Das Kloster Speinshart beherbergt eine internationale Begegnungsstätte, die sich für den Austausch zwischen Tschechen und Deutschen einsetzt. Angeboten werden Ausstellungen, Seminare, Vorträge, Sprachkurse und Konzerte.


Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Februar 2014
Links zum Thema

Weitere Beiträge zum Thema

Ein Dorf verschwindet vor den Augen
Der Doktor der Philosophie Ondrej Čechvala besuchte mit dem Fotoapparat das Dorf, in dem er als Kind seine Ferien verbracht hatte. Hat sich das Leben dort verändert oder nur seine Wahrnehmung?

Entdecke und interpretiere
Malte aus Berlin arbeitet auf der ganzen Welt. Mit seiner Kamera ist er vor allem in Asien unterwegs. Ein Interview über Maltes Liebe zum Reisen und welche Rolle dabei die Fotografie spielt.

Verschwommene Vergangenheit
Der Fotograf Lukáš Houdek widmet sich der Vertreibung der Sudetendeutschen. Über die Ausstellung „Du musst Johann vergessen“ im Kloster Speinshart in der Oberpfalz.

Das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen
„Es macht mir Spaß, die Realität zu verändern“, sagt der 19-jährige Fotograf-Autodidakt Martin Faltejsek aus Lanškroun.  

Ich bin nicht außergewöhnlich
Mit der 24-jährigen Kunststudentin und Fotografin Hana Svobodová über ihre Haltung zum eigenen Werk und zu sich selbst.

Themen auf jádu

Heute ist Morgen
Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

Im Auge des Betrachters
… liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

Höher, schneller, weiter
Gewinnen. Besser werden. Den inneren Schweinehund überwinden. Verlieren. Aufgeben. Scheitern. Warum Sport? In einem gesunden Körper ein gesunder Geist? Klar, wollen wir alle. Ein paar Geschichten vom Sport. Mehr...

Dazugehören
Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

Themenarchiv
Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...