Leben

Die Ökonomie von Gut und Böse

Foto (Ausschnitt): Perper tui, CC BY-SA 3.0
Foto (Ausschnitt): Perper tui, CC BY-SA 3.0
Fühlt sich sichtlich wohl vor großem Publikum: Tomáš Sedláček. Foto (Ausschnitt): Perper tui, CC BY-SA 3.0

Tomáš Sedláček dominiert die Bühne im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Zusammen mit Lukáš Hejlík und Alan Novotný von der Theatergruppe Listování führt er hier seinen Bestseller Die Ökonomie von Gut und Böse auf – als „3-D-Powerpoint-Präsentation, wie sie im Mittelalter stattgefunden hätte“. Man stellt sich so nicht unbedingt einen Hochschullehrer vor. Oder den Chefvolkswirt der größten tschechischen Bank, der mit Anfang 20 schon ökonomischer Berater des damaligen Präsidenten Václav Havel war.

Sedláček, der schon aufgrund seiner Körpergröße und unbändigen Frisur eine auffällige Erscheinung ist, fühlt sich sichtlich wohl vor großem Publikum. Der szenischen Lesung verleiht er zusätzlichen Witz, indem er die beiden Schauspieler neckt, über Marihuana scherzt und seinen Wirtschaftsbestseller als „halbwissenschaftlich“ bezeichnet.

Funktioniert unser Wirtschaftssystem überhaupt noch?

Wahr ist, dass sich Die Ökonomie von Gut und Böse nicht unbedingt wie ein gewöhnlicher wissenschaftlicher Wälzer liest. Die Sätze und Kapitel sind kurz, Vorwissen des Lesers in ökonomischen Fragen wird nicht vorausgesetzt. Im Gegenteil: Sedláček beginnt im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal ganz von vorne, um die Logik wirtschaftlichen Denkens und das Funktionieren des Marktes zu erklären – beziehungsweise, wie dieser in der Theorie funktionieren soll. Denn, so formuliert Sedláček die Motivation für sein Buch in Berlin: „Das Schlimmste ist nicht, dass wir nicht mehr verstehen, wie unser System funktioniert, sondern dass wir nicht einmal wissen, ob es überhaupt noch funktioniert.“

Sedláčeks Ausgangsthese ist, und darauf zielt der Titel des Buches ab, dass die Krise des Systems in der Haltung von Wirtschaftsexperten begründet ist, die die Ökonomie als moralfreie Disziplin betrachten, als gesellschaftliches Prinzip, das nur noch auf Mathematik und Formeln reduziert wird. In seinem Buch verfolgt Sedlácek eine genau gegenteilige Argumentation: Erstens zeigt er, dass ökonomisches Denken genauso lange existiert wie die menschliche Zivilisation und deshalb Teil der menschlichen Kultur ist – und nicht bloß eine Ausgeburt mathematischer Schlussfolgerungen. Zweitens behauptet er, dass ökonomisches Denken immer von der Frage nach Gut und Böse geprägt war – und dass demzufolge die Ökonomie wie alle Geistes- und Sozialwissenschaften auch normativ gedacht werden kann und muss. Sedláčeks setzt sich dafür ein, die Ökonomie nach dem Beispiel ihrer Vordenker wieder mit Werten zu verknüpfen. Ob bei Gilgamesch, in der Bibel oder bei dem oft als Vater der modernen Ökonomie bezeichneten Adam Smith: Folgt man Sedláček, begründeten Menschen in der Vergangenheit wirtschaftliche Prinzipien immer mit dem, was ihnen aus moralischer Perspektive als gut erschien.

Streben nach Wachstum folgt keinen sinnvollen Gründen mehr

© Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KGSo findet sich laut Sedláček der Fortschrittsgedanke, den wir heute vor allem als Drang nach wirtschaftlichem Wachstum kennen, als „gutes Prinzip“ beispielsweise erstmals im Alten Testament. Im früheren Denken findet er hingegen kein Indiz dafür, dass die Entwicklung des menschlichen Zusammenlebens hin zu „Mehr“ als etwas Gutes betrachtet worden wäre. So galt zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte das Prinzip der Erhaltung – beziehungsweise Sparsamkeit – gegenüber dem Wachstum als besser.

Ein besonders treffendes Beispiel für die Verankerung moderner ökonomischer Ideen in der Geschichte des Menschen findet Sedláček im Buch Genesis des Alten Testaments: Josef deutet Traum des Pharaos von den sieben fetten und sieben mageren Kühen so, dass man in den guten Zeiten für die schlechten sparen sollte. Jahrtausende später sagte der Ökonom John Maynard Keynes dasselbe. Dem Problem der modernen Wirtschaftslehre widmet sich Sedláček im gesamten zweiten Teil des Buches: Das Streben nach Wachstum ist ihm zufolge zu einem abstrakten Ziel der Ökonomie geworden, das nur noch um seiner selbst willen und nicht aus sinnvollen Gründen verfolgt wird.

Bloß: Wonach sollen sich die Ökonomen richten, um zu entscheiden auf welchen Kriterien die Organisation der Wirtschaft basieren sollte?Dazu stellt Sedláček die Frage, auf der in der Politikwissenschaft und Philosophie alle grundlegenden Theorien basieren: „Ist der Mensch gut oder böse?“ In der Politikwissenschaft resultiert aus dieser Frage gleich die nächste: „Wie viel Staat braucht die Gesellschaft?“ Denn ist der Mensch im so genannten Naturzustand, wie Thomas Hobbes meint, egoistisch und schlecht, braucht es einen starken Staat – Hobbes nennt ihn Leviathan –, der das gesellschaftliche Leben organisiert, aber auch die Freiheit des Einzelnen einschränkt. Weniger Regulierung ist nötig, wenn die Gegenthese von John Locke stimmt: Dass es bereits im Naturzustand zu sozialer Interaktion kommt, deren Ziel die gerechte Verteilung von Gütern ist.

Sedláčeks Sympathie gilt offensichtlich nicht der Hobbes’schen Variante, die in der Konsequenz immer zu Diktatur oder Autokratie führt. Gleichzeitig zeigt seine Darstellung eindrucksvoll, wie das radikal-wirtschaftliche Prinzip von Laissez-faire, bei dem die Wirtschaft sich selbst überlassen wird, ohne dass der Staat regulierend wirkt, so weit gescheitert ist, dass nur noch eine Handvoll Ökonomen die Funktionsweise des Marktes durchschauen (wenn überhaupt).

Kreativer Input für die Wirtschaftswissenschaft

Doch Sedláček gibt keine Anleitung zu Alternativen. Und darin liegt vielleicht die Schwäche eines ansonsten sehr bemerkenswerten Buches: Der Autor wirft wichtige Fragen auf, die eine immer elitärer wirkende Wissenschaft für verwandte Disziplinen öffnet. Die Entwicklung ökonomischen Denkens, vom Gilgamesch-Epos bis zur Mathematisierung der Ökonomie in der Moderne beschreibt Sedláček so prägnant und lesbar, wie es nur wenige Kulturhistoriker schaffen. Doch auch Sedláček liefert keine konkreten Alternativkonzepte zum bestehenden System. Sein Buch ist mehr ein kreativer Input für eine Wissenschaftsdisziplin und eine spannend zu lesende Informationsquelle für ein breites Publikum, weniger ein Fahrplan für die Zukunft der Ökonomie. Genau das macht das Buch aber, anders als Sedláčeks bescheidene Einschätzung, zu einem vollkommen wissenschaftlichen Werk.

Tomáš Sedláček: Die Ökonomie von Gut und Böse, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2012, Gebundene Ausgabe: 448 Seiten


Copyright: Goethe-Institut Prag
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