Leben

Feiertag mit zwei G

Foto: © Matthias MischoFoto: RIA Novosti archive / Boris Babanov, CC BY-SA 3.0
Persönlich dankbar: Schriftzug auf der Berliner Mauer aus dem Jahr 1990, Foto: RIA Novosti archive / Boris Babanov, CC BY-SA 3.0

Wenn sich Hans-Dietrich Genscher und Michail Sergejewitsch Gorbatschow treffen, gibt es viel zu besprechen. Erst recht vor einem Publikum, das ganz besonders an ihren Lippen klebt, weil es persönlich dankbar ist. Ein Nachmittag in Leipzig im Zeichen der Zeitgeschichte.

2000 Kilometer liegen zwischen Bonn und Moskau, doch im politischen Maß waren es wohl Welten, die die Sowjetunion und die Bundesrepublik trennten, ehe sich zwei hoffnungsvolle und mutige Männer am 21. Juli 1986 im Kreml erstmals begegneten: „Wenn dieser Mann das alles macht, was er uns heute gesagt hat, dann haben wir zum ersten Mal eine Chance, auch in der deutschen Frage das zu erreichen, was wir wollen: die Einheit unseres Landes“, sagte der eine im Anschluss über den anderen.

Hans-Dietrich Genscher und Michail Gorbatschow: Während sie sich vor 27 Jahren in ihren offiziellen politischen Funktionen persönlich kennenlernten, Genscher als Bundesaußenminister, Gorbatschow als sowjetischer Staatschef, besteigen nun zwei sichtlich gealterte Männer die Bühne – als echte Freunde. Ihre öffentliche Zusammenkunft in der Leipziger Peterskirche erfolgt anlässlich der Präsentation von Gorbatschows Biografie Alles zu seiner Zeit. Mein Leben. Doch die mehr als 1500 Zuhörer und wohl auch die beiden Protagonisten sind sich einig, dass es solch ein Treffen nicht mehr allzu oft geben wird: „Das ist ein sehr bewegender Moment, vor allem hier in Leipzig“, so umschreibt es Moderator Theo Sommer, ehe sein Wort im Beifall untergeht.

Vor allem hier in Leipzig. Dem Schauplatz der Montagsdemonstrationen im Herbst 1989. Dem Ort, an dem die Menschen den an politischen Verhandlungstischen vorsichtig attestierten Wunsch nach einem Wandel schließlich auf imposant energische wie friedliche Weise öffentlich dokumentierten. Den warmen Applaus erwidert Gorbatschow, indem er diese Leistung der Hunderttausenden damals demonstrierenden DDR-Bürger hervorhebt: „Eben hier in dieser Stadt fielen die Worte: ‚Wir sind ein Volk‚ – und diese Worte wurden überall vernommen. Ohne die entscheidende Rolle der Menschen hätten wir diese Frage nie lösen können.” Von diesen Menschen steht nun sicher auch der ein oder andere mit leicht glänzenden Augen in der Peterskirche.

Foto: © Matthias Mischo
Der Andrang zum Auftritt von Genscher und Gorbatschow war riesig. Foto: © Matthias Mischo

Menschenschlangen wie einst in Prag

Noch am Vormittag des gleichen Tages hatte der ehemalige Generalsekretär der KPdSU aufgrund von Erschöpfung zwei Gesprächstermine auf der Leipziger Buchmesse kurzfristig absagen müssen. Das Gespräch in der Peterskirche bietet somit die einzige Möglichkeit, den russischen Staatsmann live zu hören und zu sehen. Sicher mag das ein weiterer Grund dafür sein, dass sich bereits zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung Schlangen vor dem Eingang bilden. Fast so wie im September 1989 vor dem Botschaftsgelände in Prag – mit dem existenziellen Unterschied, dass sich nun nicht mehr bange Anspannung bezüglich einer Ausreise aus der DDR, sondern Vorfreude ob der gemeinsamen Erinnerung an die vollzogene Wende in der Mimik der Menschen widerspiegelt.

Heute könne man sagen, dass es gut gelaufen sei, „aber vorher haben wir uns Sorgen gemacht, wie man das alles löst“, betont Gorbatschow mit Blick auf die Reformen in der UdSSR, auf den Aufruhr und die Veränderungen, die überall im Gange gewesen seien. Dann schließt er die Frage an, die er sich auch damals schon stellte: „Wie sollte Deutschland da abseits bleiben?” Die so wichtige deutsche Frage war allerdings 1986 beim ersten Gespräch zwischen Genscher und Gorbatschow noch kein Thema. Beide tasteten sich erst einmal verbal und politisch ab, sprachen über die Schlussakte von Helsinki oder das vom damaligen Außenminister der Bundesrepublik stets so gerne ins Feld geführte Bild vom „Bau des Europäischen Hauses“.

Foto (Ausschnitt): RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin / CC-BY-SA 3.0
Michail Gorbatschow im Jahre 1986. Foto (Ausschnitt): RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin / CC BY 3.0 de

Der Schlüssel lag in Moskau

Gorbatschow legte einige Steine für dieses Gebilde frei und öffnete gleichzeitig einem vereinigten Deutschland die Tür: „Irgendjemand hat mal gesagt, der Schlüssel dazu liege in Moskau“, so der 82-jährige Russe. Genscher hat ihm die „Herausgabe dieses Schlüssels“ nicht vergessen. Vor allem weil es in den Zeiten des Umbruchs nicht zu einer gewaltsamen Niederschlagung der Aufstände wie am 17. Juni 1953 in der DDR oder in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 in der Tschechoslowakei durch sowjetische Panzer kam.

Tiefer eindringen in die Probleme während des Prozesses der deutschen Wiedervereinigung wollen sie allerdings beide nicht. Immer wenn Theo Sommer für kurze Zeit seine Rolle als lockerer Impulsgeber gegen die eines kritisch-distanzierten Journalisten eintauscht, errichten Genscher und vor allem Gorbatschow einen rhetorisch-weglächelnden Schutzwall: Auf die Frage, ob es nicht auch Stimmen im Kreml gegeben habe, die sich für einen Einsatz von sowjetischen Panzern [Im Herbst 1989 befanden sich 300.000 sowjetische Soldaten auf deutschem Boden. Anm. d. Autors] gegen die ostdeutschen Montagsdemonstranten aussprachen, antwortet Gorbatschow deshalb nur: „Es wurde viel diskutiert. Aber wenn man jetzt mit einem Spaten Geheimnisse ausgraben will, sollte man mit ihm lieber einen Baum pflanzen. Wir können doch alle stolz darauf sein!“

Und ja, stolz sind sie alle an diesem berührenden Nachmittag des 15. März 2013, der für die Besucher die Bedeutung eines einmaligen Feiertags hat. Sie zelebrieren sich selbst, ihre Stadt und vor allem die beiden großen Männer mit G. Gorbatschow und Genscher erheben sich zum Händeschütteln lächeln und winken zum Abschied. Dass die beiden Freunde für ihre politischen Leistungen und ihr Lebenswerk gefeiert werden, ist absolut angemessen. Doch bei aller Nostalgie und Nähe der beiden darf man auch das gegenwärtig besorgniserregende deutsch-russische Verhältnis nicht vergessen.


Copyright: Goethe-Institut Prag
April 2013

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