Leben

„Es gibt keinen Erkenntnisfortschritt“

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Alle paar Jahre kommt es in Deutschland zum Streit über Political Correctness – ohne Ergebnis

Aram Lintzel ist politischer Berater und freier Autor in Berlin. Foto: © privat Manche Länder haben sie bereits hinter sich – in Deutschland flammt sie immer wieder auf. Die Debatte um Political Correctness tobt erneut. Seit mehrere Verlage angekündigt haben, diskriminierende Wörter wie „Neger“ aus Kinderbüchern zu streichen, streiten Journalisten, Politiker und Intellektuelle um Sinn und Grenzen der Political Correctness. Der wissenschaftliche Mitarbeiter und Kolumnist Aram Lintzel verteidigt die Idee, dass auch Sprache Schaden anrichten kann – und ärgert sich über die Inszenierung von Political Correctness als politischem Kampfbegriff.

Wie würden Sie Political Correctness definieren?

Hinter Political Correctness steht die Idee, dass Sprache nie neutral ist. Sie kann also auch beleidigend, diskriminierend, herabsetzend sein. Political Correctness hat dafür eine Sensibilität geschaffen. Sie versucht sich gewissermaßen an politischen Korrekturen in der Sprache. Das Interessante dabei ist, dass Political Correctness in Deutschland fast automatisch unter einem Zensur- und Stalinismusverdacht steht, obwohl sie eigentlich aus einer liberalen Tradition kommt. „PC“ steht für die Anerkennung des Pluralismus von unterschiedlichsten Minderheiten, von diversen sexuellen, ethnischen und kulturellen Identitäten. Und sie zieht daraus sprachliche Konsequenzen. Dass sich das öffentliche Bild von Political Correctness derartig umgekehrt hat, ist ein Sieg der politischen Rechten, die es geschafft hat, Political Correctness als einen Kampfbegriff durchzusetzen, der negativ besetzt ist.

Nun waren es ja aber nicht nur die konservativen Zeitungen, die zum Beispiel in der Kinderbuchdebatte eine übertriebene Political Correctness kritisiert haben.

Es hat mich schon sehr erstaunt und auch aufgeregt, dass auch in linken und liberalen Zeitungen gegen die „Zensur“ von Begriffen wie „Negerlein“ agitiert wurde. Sicherlich kann man Political Correctness auch aus einer linken Perspektive kritisieren, im Sinne einer aufklärerischen Erziehung zur Mündigkeit, die durch voreilige Sprachkorrekturen verhindert würde. Dass man also sagt: Eine aufklärerische Erziehung muss auch leisten, dass das Kind den Kontext einer Erzählung versteht und auch versteht, dass bestimmte Begriffe beleidigend sind, anstatt diese einfach zu streichen und so weiter. Das wäre die zentrale Argumentation linker Liberaler, die sagen, dass man zu wenig Vertrauen in die Mündigkeit und Erkenntnisfähigkeit von Menschen, auch von sehr jungen Menschen, hat…

Der Kinderbuchklassiker „Die Kleine Hexe“ von Otfried Preußler aus dem Jahr 1958 erscheint künftig ohne Ausdrücke wie „Neger“ und „Negerlein“. © Thienemann Verlag

Was natürlich das Problem ignoriert, dass Menschen, die bestimmte Wörter lesen, sich persönlich beleidigt fühlen können.

Erstens das und zweitens, dass es auch wahnsinnig schwierig für Eltern ist, Kindern den historischen Kontext tatsächlich mitzuliefern. In dem ganz alltäglichen Fall, in dem man seinem Kind vorliest und entsprechende Begriffe auftauchen, kann man nicht jedes Mal erklären, dass dieser Begriff diskriminierend ist – und man kann auch nicht verhindern, dass er sich bei dem Kind einprägt. Hinzu kommt – und das halte ich für ein richtiges Argument –, dass das ganze Narrativ, in das solche Begriffe eingebettet sind, oftmals kolonialistisch und rassistisch geprägt ist. Deswegen ist nicht automatisch viel damit erreicht, das Wort „Neger“ oder „Negerkönig“ rauszuschmeißen. Das ganze problematische Narrativ bleibt ja erhalten.


Wo verläuft denn dann die Grenze des Zulässigen zwischen einzelnen Wörtern, die man streicht, weil sie diskriminierend sind, und ganzen Textveränderungen, die man vornimmt?

Das ist eine schwierige Frage. Man kann Bücher nicht verbieten und Eltern nicht verbieten, sie ihren Kindern vorzulesen, außer es sind offen rassistische Texte. Ich denke aber, dass es eine Aufgabe von pädagogischen Institutionen ist, die Kontextualisierung zu leisten. Der beste Weg wäre sicherlich, Kindergeschichten zum Thema im Unterricht zu machen und die Frage zu diskutieren: Was wird uns da eigentlich erzählt?

Das Problem zeigt sich ja aber auch in der aktuellen Diskussion. Es gibt dieses Argument von Leuten, die sagen: Wenn wir jetzt anfangen, Kinderbücher zu korrigieren, müssen wir auch Shakespeare überarbeiten. Was natürlich stimmt, ist: Wenn ich heute etwas von einem linken Intellektuellen wie Sartre lese, kommt darin auch der „Neger“ vor. Allerdings kann man eben hier den historischen Kontext als gegeben voraussetzen. Solche Bücher werden meist von Leuten gelesen, die aufgeklärt genug sind. Bei der Debatte geht es aber um Kinderbücher – und da finde ich Korrekturen richtig. Das wäre dann für mich aber auch die Grenze. Ich würde nicht literarische oder philosophische Texte korrigieren wollen.

In Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ wurde bereits 2009 unter anderem die „Negerprinzessin“ durch „Südseeprinzessin“ ersetzt. © Oetinger Verlag

Wer darf denn die Entscheidung treffen, was am Text verändert wird, wenn der Autor – wie bei den meisten Kinderbuchklassikern der Fall – nicht mehr lebt und seine Zustimmung geben kann?

Die Frage nach der Autorität ist schwierig. Man bräuchte ein Gremium, das die notwendige Legitimität besitzt. Im Grunde müsste man mit den bisherigen Texten so umgehen, als seien sie in einer Fremdsprache geschrieben und sie neu übersetzen, was ja mit historischen Texten auch so gemacht wird. Denn tatsächlich bleibt das Problem bestehen. Es wird auch von einer Euphemismus-Tretmühle gesprochen: Das heißt, wir ersetzen einen Begriff durch ein Wort, das zum jetzigen Zeitpunkt nicht als diskriminierend betrachtet wird, zu einem späteren aber möglicherweise schon. Das bliebe also ein endloser Prozess aus immer neuen „Neuübersetzungen“.

Ist es nicht eigentlich ein gutes Zeichen, dass die Debatte in Deutschland so kontrovers geführt wird?

Das Interessante daran finde ich eigentlich, dass die Debatte regelmäßig wiederkehrt, ohne dass es einen echten Erkenntnisfortschritt gibt. Die Zusammenhänge und spezifischen Aufhänger unterscheiden sich natürlich– in den neunziger Jahren ging es eher um den Begriff der Nation. Doch die Debatte, die gerade stattfindet, unterscheidet sich in dem, was im Kern verhandelt wird, aber auch in ihren Argumenten und Fronten, kaum von der Debatte von vor 20 Jahren. Es ist ein ideologischer Kampf, der sich immer wieder wiederholt und dessen Schematik auch stets dieselbe bleibt. Zu einer typischen PC-Debatte gehört auch, dass politisch Rechte das Wort ergreifen und einen linksliberalen Mainstream unterstellen, innerhalb dessen sie sich in die komfortable Position des Klartextredners und Querdenkers begeben können. Die übliche Strategie ist, sich als Sprachrohr der Mehrheit, die nicht zu Wort kommt, zu inszenieren. Sicher, es ist wichtig, dass öffentlich über das Thema diskutiert wird. Aber ich finde es ermüdend, dass dabei immer wieder die gleichen Argumente aufeinanderprallen.

Das Interview führte Isabelle Daniel

Copyright: Goethe-Institut Prag
April 2013

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    Aram Lintzel

    ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der grünen Bundestagsfraktion und beschäftigt sich vor allem mit Grundsatzfragen und Kulturthemen. Nach seinem Studium der Politischen Wissenschaften, Philosophie und Pädagogik in Köln unterrichtete und erforschte er dort Politische Theorie. 1999 zog er nach Berlin und arbeitete zunächst als freier Journalist. Einmal im Monat schreibt Aram Lintzel die taz-Kolumne „Bestellen und Versenden“.

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