Leben

Mafiaspiele

Foto: © Mafie Brno 2013, Josef Vyškovský
Foto: © Mafie Brno 2013, Josef Vyškovský
Illustrationsfoto zu einer ausgearbeiten Mafia-Geschichte, Foto: © Mafie Brno 2013, Josef Vyškovský

Die einen sehnten den März 2013 wegen des Frühlingsanfangs herbei, andere konnten ihn aus einem anderen Grund kaum erwarten – im März begann nämlich der bereits fünfte Jahrgang des Stadtspiels „Mafia“. Für fünf Wochen konnten auch Normalsterbliche in die Atmosphäre der „Unterwelt“ von Brno hineinschnuppern. Das Spiel findet nicht nur in Brno, sondern beispielsweise auch in Prag statt. Teilnehmen kann jeder, der wenigstens einen Tropfen „Mafiablut“ in seinen Adern hat, dem Ehre und Gerechtigkeit etwas bedeuten und der gute Nerven hat. Die Waffe ist ein weißer Handschuh, wer von ihm berührt wird, ist tödlich getroffen.

Der Kalender zeigt das richtige Datum, der Uhrzeiger folgt seinem regelmäßigen Takt, und der Hof der Pädagogischen Fakultät der Brünner Masaryk-Universität beginnt sich langsam zu füllen. Vor der Menschenmenge steht eine kleine Schar Journalisten mit schwarzen Hüten und gezückten Notizheften. Ungeduldig wartet man auf den Boss der Organisation. „Don Leonar, beantworten Sie uns ein paar Fragen“, schallt es ihm entgegen, als er schließlich die Szene betritt. Don Leonar zieht gerade den Zettel mit den Antworten aus dem Ärmel seines Mafia-Anzuges, als es auf einmal zu einem Schusswechsel kommt. Die Bodyguards stellen sich schützend vor ihren Chef, die Menschen rennen ins Gebäude. Das schnelle Ende der Pressekonferenz ist nur der Anfang einer minutiös vorbereiteten Geschichte. Eine Geschichte, in der sich Realität und Fiktion vermischen.

„Die Legende besagt, dass die ursprüngliche Version dieses Spiels irgendwann in den achtziger Jahren des 20. Jahrhundert entstanden ist. In Prag hat dieses Spiel 2006 ein großes Revival erleb. Initiiert hat dies eine Gruppe von Schülern, Nachfahren der ursprünglichen Spielerfinder“, erklärt Don Leonar, der Kopf der „Mafia“ in Brno.

Fünf Wochen Mafiosi

Die Stühle im Seminarraum der Masaryk-Universität werden von neuen Mitgliedern in Beschlag genommen. Neuankömmlinge melden sich an der Eingangstür und bekommen die Mafia-Zeitung Die Abendstille in die Hand gedrückt. Man kann darin blättern und so tun als ob man in die Lektüre vertieft ist, während man ganz unauffällig die Gesichter seiner Gegenspieler studiert. Die Organisatoren erklären die Regeln sowie den Verlauf des Spiels und offenbaren gleichzeitig immer mehr Einzelheiten der Mafia-Story, die sie sich für dieses Jahr ausgedacht haben.

So gilt zum Beispiel, dass Spieler, die als erstes gefangen werden und für die das Spiel daher schnell vorbei wäre, in Form von „Jenseits-Aktionen“ eine zweite Chance bekommen. Dies geschieht in Form von LARP, also Liverollenspielen. Die Organisatoren verfolgen damit die Absicht, die ausgeschiedenen Spieler wieder ins Geschehen zu integrieren, indem sie ihre eigene Rolle im Rahmen eines erdachten Drehbuchs spielen. „Es gibt zum Beispiel einen Agenten, dem es gelungen ist, in die Reihen der Mafia einzudringen. Eines der Ziele aller Mitspieler ist es, Indizien zu sammeln, um den ‚Eindringling‘ schließlich zu enttarnen“, erläutert einer der Organisatoren.


Die Anfangsveranstaltung an der Uni neigt sich ihrem Ende zu. Die „neuen Mafiosi“ gehen auseinander. Beim Verlassen des Saals bekommt jeder von ihnen eine Karte mit ihrem ersten Opfer, auf der alle notwendigen Informationen stehen – zum Beispiel, wo sich die betreffende Person wann aufhält sowie ein Foto. Diese Karten musste jeder Teilnehmer im Vorfeld ausfüllen, und zwar über das Internet auf den Seiten der „Unterwelt von Brno“, wo man sich für das Spiel registrieren konnte. Jetzt sind alle Karten im Umlauf und jeder weiß, dass es in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages losgeht.

Paranoia und das Geheimnis des Siegers

„Ich schlafe kurz nach Mitternacht ein und wache vor Angst schwitzend morgens um halb sechs auf. Mein Gott, mich könnte schon jemand umbringen! Was ist, wenn sie mir vor dem Haus auflauern? Oder vor der Schule? Da kann man sich überhaupt nicht wehren!“ – so beschreibt der Mafiosi mit dem Nickname otaj seine Gefühle im Spielforum. Nahezu jeder Mafia-Mitspieler empfindet so. „In den Adern blubbert das Adrenalin, in den Beinen spürt man eine Anspannung, man ist ständig bereit, plötzlich und unvermittelt loszurennen. Und jeder Passant ist ein potenzieller Verdächtiger, der genauestens beobachtet wird“, erzählt Libor, der bei dem Spiel bereits das dritte Jahr mitmacht.

Der Gewinner ist derjenige Spieler, der die meisten Opfer „erledigt“, indem er sie mit einem weißen Handschuh berührt. Die Erfolgsaussichten aller Mitspieler sind gleich verteilt. Einige Spieler denken sich eine besondere Taktik aus, verbringen Stunden damit, das Terrain zu erkunden oder auf ein Opfer zu warten, manche verkleiden sich sogar.

Das Geheimnis des Erfolges scheint jedoch viel einfacher zu sein, wie Laďa, ein äußerst erfolgreicher Mafia-Spieler, verrät: „Es geht gar nicht so sehr um Erfahrung. Es geht vor allem darum, wie viel Zeit man dem Spiel widmet. Und Glück spielt auch eine Rolle. Manchmal kann es passieren, dass man ein Opfer zugeteilt bekommt, das eine Woche oder länger im Krankenhaus verbringt – und dann kann man gar nichts machen. Ich habe gleich bei meiner ersten Teilnahme gewonnen.“ Laďa erinnert sich gerne an seinen wohl gelungensten Beutefang. Das passierte in einem Schwimmbad, wo das Opfer chancenlos war. Laďa „tötete“ es nämlich in den Duschen, als es gerade vollkommen nackt war.



Ort der Begegnung

Die ganze Sache hat aber noch eine weitere Dimension. „Das Hauptziel von Mafia ist es, einen Raum zu schaffen, in dem man sich begegnen kann, wo man Spaß und ein gewisses Maß an Aufregung erlebt, mit der dieses Spiel den Alltag würzt. Darüber hinaus kann man als Mitspieler auch gut sehen, wie einfach es dank des Internets ist, jemanden ausfindig zu machen und Informationen und Fotos von ihm zu bekommen“, erklärt Don Leonar und fügt hinzu: „Ich bin überzeugt, dass diese Feststellung einige nachdenklich machen wird. Persönlich sehe ich den größten Vorzug des Spiels darin, neue Leute kennenzulernen und einen Monat ein bisschen ‚anders‘ zu verbringen.“

Das bestätigen auch andere Mitspieler. „Wer einmal dieses Gefühl erlebt, dieses Gefühl, ein Leben zu nehmen, der kann nicht mehr so weiterleben wie er es vorher getan hat. Die Jagd ist eine Leidenschaft, eine Droge, die Würze des Lebens, das sehnsüchtige Geheimnis eines jeden, man trägt es in sich, verbirgt es vor jedem und wird durch eine unvergleichliche Atmosphäre von Anspannung und Angst entschädigt, die jeden Augenblick des ansonsten normalen Durchschnittslebens zu einem spannenden Moment macht. Ich habe das erlebt, genieße meine Droge in vollen Zügen und bin ihr Sklave geworden“, beschreibt die Teilnehmerin Nanai auf sehr suggestive Art und Weise die Magie des Mafia-Spiels.

Zuzka, die sowohl Mitspielerin als auch Organisatorin ist, stellt fest: „Das kann man nicht erklären, das muss man erleben.“ Und Laďa, der Sieger des zweiten Jahrgangs, meint: „Wenn du Mafia spielst, dann wird jede Vorlesung oder Straßenbahnfahrt zu einem Überlebenskampf, weil hinter jeder Ecke jemand warten kann, der dir nach dem Leben trachtet. Der Alltag bekommt eine völlig neue Dimension.“

Ester Dobiášová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

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Juni 2013
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