Leben

Wir renovieren eine Kirche

studentskestredy

Gymnasiasten in České Budějovice und ihr Religionslehrer hauchen einem verwahrlosten Gotteshaus neues Leben ein

Die Kirche der Heiligen Familie in Budweis. Foto: © studentskestredy

An den tschechischen Mittelschulen sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Initiativen entstanden – meist richten gegen die Form der Abiturprüfung oder für den Kauf neuer Hockeyschläger für den Sportunterricht. Am Bischöflichen Gymnasium in České Budějovice haben sich Schüler sowie einige Lehrer allerdings zu einem anderen Zweck zusammengetan. Sie möchten die Kirche Zur Heiligen Familie instand setzen und wiedereröffnen. Diese befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Schule. Ziel ist, das ehemalige Magazin des Staatsarchivs in einen lebendigen und architektonisch interessanten Ort zu verwandeln, an dem sich Menschen begegnen aber auch zur Ruhe kommen können. Die Kosten der Renovierung werden auf 3,5 Millionen Kronen (etwa 135.000 Euro) geschätzt. Bisher konnten 1,2 Millionen Kronen an Spenden gesammelt werden. Mit dem Geld konnte die sogenannte Renovierungsphase eins gestartet werden. Aber was ist eigentlich das Besondere und Interessante an dieser Kirche?

Die Idee, das neugotische Gotteshaus aus dem Jahre 1886 zu renovieren, geht auf den 33-jährigen Josef Prokeš zurück, der am Bischöflichen Gymnasium Religionslehrer und Glaubensbeauftragter ist. Aber auch Schüler und Angestellte des Staatlichen Bezirksarchivs in Třeboň waren von Beginn an dem Projekt beteiligt. Die Schüler wünschten sich einen Ort der Stille, an dem sie während der hektischen Schulwoche innehalten oder meditieren könnten. „Deshalb fingen wir im Frühjahr 2012 mit den Renovierungsarbeiten an. Die Kirche, die auch mal als Waisenhaus diente, wurde von den Kommunisten konfisziert. Bis vor kurzem diente sie dann als Magazin des Staatsarchivs und war vollgestopft mit Papieren, die sich in meterhohen Regalen türmten. Als wir unser Projekt starteten, war das Gebäude in einem verwahrlosten Zustand. Das wollten wir ändern“, erklärt Josef Prokeš.

Mit Hilfe der Schüler konnte die Kirche leer geräumt werden, und auch die Übertragung des Gebäudes vom Staat auf die Kirche, beziehungsweise das Budweiser St.-Nikolaus-Dekanat, verlief erfolgreich. Das reichte aber bei Weitem nicht. Damit das Gebäude überhaupt genutzt werden konnte, waren bauliche Veränderungen und vor allem entsprechende Finanzmittel erforderlich. Also wurden fleißig Spenden gesammelt. Außerdem konnte der Architekt Josef Pleskot für das Projekt gewonnen werden. Dieser hatte bereits mehreren alten Objekten neues Leben eingehaucht – unter anderem den Stahlwerken in Vítkovice, dem Löwenhofauf der Prager Burg und der alten Brauerei in Litomyšl. Pleskot gilt als einer der besten tschechischen Architekten.

Ein Konzert in der Kirche am 11.12.2012. Foto: © studentskestredy

„Herr Pleskot hat sich für eine deutlich wahrnehmbare und angemessen selbstbewusste Umwandlung der Kirche entschieden. Wir haben uns einen Raum gewünscht, der zwar originell, aber nüchtern und minimalistisch ist, und gleichzeitig die ehemalige neogotische Gestalt respektiert. Die Kirche ist nunmehr mit der Schule verbunden, die Türen und Fenster wurden erneuert und die Sitzbänke wurden durch leicht verschiebbare Designstühle in Form einer Ellipse ersetzt,“ erläutert Prokeš und fügt hinzu, dass in der zweiten Renovierungsphase das Heizsystem, die Erneuerung der elektrischen Leitungen und der Raumbeleuchtung anstehen.

Vorerst finden die Treffen der Schüler also bei Kerzenlicht statt. Das mache ihnen aber nichts aus, so Prokeš. „Die Schüler können Tag und Nacht herkommen, sich entspannen oder nachdenken. Die Atmosphäre wird hier durch das bescheidene Interieur geprägt, das ganz und gar ohne Pomp auskommt – im Unterschied zu anderen monumentalen Kirchen. Es fand hier auch schon ein Wohltätigkeitskonzert statt, jeden Freitagmorgen gibt es hier einen Gottesdienst. Es gibt natürlich auch negative Reaktionen. Die meisten Menschen freuen sich aber, dass es jetzt diese Oase gibt, wo man innehalten und seine Gedanken ordnen kann“, erklärt Prokeš. In Zukunft sollen an diesem Ort auch Ausstellungen, Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden.

Originelle Sammelaktion

Genauso originell wie die Raumgestaltung ist auch die Geldsammelaktion, mit der die Mittel zur Renovierung zusammengekommen sind. In zwei Budweiser Cafés, dem Horká Vana (Heiße Wanne) und dem Modrý dveře (Blaue Tür) können sich die Besucher einen Kaffee für 500 Kronen zu Gunsten des Projektes kaufen. Verkauft werden auch Kalender, Tassen oder T-Shirts mit dem Logo der Kirche. Originell ist auch das Bild, das die Höhe bekannter Berge in Form von Zahlen darstellt. Man „besteigt“ diese Berge symbolisch, in dem man eine Summe spendet, die der Höhe des jeweiligen Berges in Metern entspricht. Dass die erwähnten 1,2 Millionen Kronen zusammenkommen konnten, ist sicherlich auch dieser einfallsreichen Form des Fundraising zu verdanken.

Die Vesper und Adoration am 21.3.13. Foto: © studentskestredy

„Für mich ist es wichtig, dass die Kirche lebt. Auch der ganze Prozess der Erneuerung ist sicherlich vielmehr als ein notwendiges Übel. Im Gegenteil, es ist eine Herausforderung. Ich denke nicht, dass der Raum nur für die christliche Jugend bestimmt ist. Willkommen ist jeder, der einen Moment innehalten will und Orientierung in geistigen Fragen sucht“, so Prokeš, der bei den Jugendlichen in České Budějovice als Autoritätsperson gilt. Er organisiert regelmäßig Vorträge und Sportveranstaltungen.

Bei der Erneuerung der Kirche helfen mehrere Dutzend Schüler mit. Aber auch ehemalige Absolventen des Bischöflichen Gymnasiums engagieren sich. „Ein solcher Raum fehlte der Schule definitiv, ein Raum fürs Gebet und die Entspannung“, meint der Absolvent Filip Baloušek. „Enorm viele Leute haben in diese Sache enorm viel Zeit und Energie investiert. Es ist toll, dass sich die jungen Leute in České Budějovice noch so sehr für eine Sache engagieren können. Ich denke, dass das einmal ein großartiger Ort sein wird. Eigentlich ist er es ja schon“, sagt die ehemalige Schülerin Adéla Navrátilová.

Jan Škoda
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
August 2013

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