Leben

Hol dir dein Obst doch von der Straße!

Foto: © mundraub.orgFoto: © mundraub.org
Foto: © mundraub.org

Seit dreieinhalb Jahren kann man auf www.mundraub.org frei nutzbare Bäume und Sträucher finden, um dann kostenlos ernten zu gehen.

Als Stephanie Lehmann neulich einen Apfelkuchen backen wollte, setzte sie sich erstmal an ihren Laptop. Auf www.mundraub.org fand sie den nächstgelegenen Apfelbaum. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad, sammelte eine Ladung Obst in ihrem Rucksack und schon konnte die Backaktion beginnen. Warum sollte Stephanie schließlich teure Äpfel aus Südamerika im Supermarkt kaufen, während die Früchte vor der eigenen Haustür vergammeln?

Das Online-Portal www.mundraub.org führt nicht nur zu Äpfeln. Auch den Liebhabern von Birnen, Kirschen, Mirabellen und diversen weiteren Früchten, Beeren, Nüssen und sogar Kräutern wird der Weg zum kostenlosen Ernteglück gewiesen. Denn mundraub.org listet Bäume und Sträucher, die sich auf öffentlichen oder manchmal auch privaten Grundstücken befinden und kostenlos abgeerntet werden dürfen. Die Fundstellen sind auf einer großen Weltkarte markiert. Beim Klick auf eine Markierung erscheint ein kurzer Text, was dort gepflückt oder gesammelt werden kann. Die Eintragungen stammen von den Nutzern selbst, die sich zuvor auf der Website registrieren müssen.

Zehntausend wollen selber ernten

Vor rund dreieinhalb Jahren hatte ein Team aus fünf jungen Leuten auf einer Kanutour die Idee für dieses Portal. Inzwischen sind laut den Organisatoren rund 7.500 User und Facebook-Gruppen-Nutzer registriert, jeden Tag kommen etwa zehn bis 15 neue dazu. Knapp 7.000 Fundstellen sind markiert, wovon sich die allermeisten in Deutschland befinden. Im Mundräuber-Handbuch, das mittels Crowdfunding finanziert wurde und gerade in der zweiten Auflage erschienen ist, finden die Mundraub-Nutzer viele hilfreiche Infos und Ratschläge rund um die Nutzung des Portals. Es ist sowohl über www.mundraub.org als auch im Buchhandel erhältlich. Der Erlös fließt in die Weiterentwicklung der Plattform.

Besonders wichtig ist wohl der rechtliche Hinweis: Bevor eine Fundstelle auf www.mundraub.org markiert werden darf, muss zunächst der Eigentümer um Erlaubnis gefragt werden. „Ohne ausdrückliche Erlaubnis der Baumeigentümer ist Mundraub schlicht und einfach Diebstahl, und kann auch als solcher geahndet werden“, heißt es auf der Internetseite. Zur Sicherheit sollten sich aber auch „die Mundräuber, die sich auf der webbasierten Mundraub-Karte auf die Entdeckungsreise begeben“, vor der Ernte noch einmal nach den Eigentumsverhältnissen erkundigen, also bei Bund, Land, Kommune oder Privateigentümer oder zumindest einem ortsansässigen Spaziergänger nachfragen.

Weil die Mundräuber auch „lokales Wissen und Geschichten über besondere Bäume, Sorten und Verarbeitungstechniken“ erhalten möchten, tauschen sie sich ebenso über ganz andere Fragen aus: Wann ist die beste Erntezeit für was? Was sollte man beim Ernten beachten, damit ich die Bäume oder Sträucher nicht beschädige? Woran muss ich denken, wenn ich meine Ausbeute konservieren und verarbeiten möchte? Und woran erkenne ich, welche Früchte überhaupt essbar sind? Gerade dieser Austausch ist es, der auch Stephanie so gut gefällt: „Man tauscht Rezepte für Bärlauch-Pesto aus. Und man lädt Bilder von Beeren auf Facebook hoch – um sicherzugehen, dass man nichts Giftiges erntet. Das macht Spaß und man lernt auch sehr viel dabei.“

Foto: © mundraub.org
Foto: © mundraub.org

Pate werden und Bäume schützen

Weil die Arbeit dem kleinen ehrenamtlichen Mundraub-Team über den Kopf zu wachsen drohte, hat Stephanie einige Wochen in dem Berliner Büro verbracht, um das Mundraub-Projekt wissenschaftlich zu begleiten und in ihrer Bachelorarbeit die Möglichkeiten regionaler Entwicklung anhand des Konzeptes sogenannter Mundraub-Regionen zu analysieren.

Am 200 Kilometer langen Hase-Ems-Radweg in der Nähe von Osnabrück soll mit der Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt die erste offizielle Mundraub-Region Deutschlands entstehen. Der Zweckverband Erholungsgebiet Hasetal hat hier vor einigen Jahren Tausende von Obstbäumen auf Gemeindeflächen gepflanzt, die heute zum Teil in einem schlechten Zustand sind. Eine Mundraub-Mitarbeiterin war im April 2012 vor Ort, um jeden einzelnen der Bäume zu kartieren. Inzwischen konnten in der Region über 160 Baumpaten gefunden werden. Diese werden in Schnittkursen geschult, so dass sie sich selbständig um die Pflege der Bäume kümmern können. Auf diese Weise möchten das Mundraub-Team, der Zweckverband Erholungsgebiet Hasetal und die Hasetal Touristik GmbH die Bäume erhalten.

Die Obstgehölze leisten in der Region auch einen wichtigen Beitrag für den Erhalt von Biodiversität, etwa durch die Bewahrung verschiedener alter Obstsorten oder als Nahrungsgrundlage und Lebensraum für Wildbienen und andere Insekten. Im Juni 2013 soll die neue Mundraub-Webseite an den Start gehen. Neben verbesserter Nutzerfreundlichkeit wird sie vor allem inhaltlich erweitert und zum Beispiel Informationen rund ums Obst beinhalten.

Janna Degener

Copyright: Goethe-Institut Prag
Juni 2013
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