Leben

Jugend in Theresienstadt

Foto (Ausschnitt): Martijn.Munneke CC BY 2.0

Maud Beer überlebte den Holocaust. Heute ist sie in Tel Aviv zu Hause.

Foto: © Isabelle Daniel
Maud Beer wurde 1929 als Maud Stecklmacher im mährischen Prostějov (Prossnitz) geboren. Foto: © Isabelle Daniel

Im Jahr 1944 drehten die Nazis einen Propagandafilm über das Konzentrationslager Theresienstadt, der die Wahrheit über das KZ verschleiern sollte. Das Ghetto im tschechischen Terezín nahe Prag sollte in der NS-Propaganda als „jüdische Mustersiedlung“ erscheinen und internationale Kontrolleure hinters Licht führen. Die Insassen von Theresienstadt wurden gezwungen, beim Filmdreh so zu tun, als profitierten sie von den „Wohltaten“ des Dritten Reiches. Gedreht wurde auch im Schlafraum der damals 15-jährigen Maud Stecklmacher. Doch die versteckte sich – weil sie der NS-Propaganda kein Gesicht geben wollte.

„Ich war doch eine stolze Jüdin“, sagt Maud Beer über den Tag, an dem die Nazis ihren Schlafraum filmten. 1929 wurde sie als Maud Stecklmacher im mährischen Prostějov (Prossnitz) geboren, seit 1942 teilte sie sich mit 23 anderen Mädchen ein kleines Zimmer im Theresienstädter Ghetto. Für den Dreh wurde das Zimmer besonders schön hergerichtet – die Nazis wollten der Welt vorgaukeln, wie gut es den Menschen in Theresienstadt gehe. Eine Kommission des Internationalen Roten Kreuzes besichtigte im Juni 1944 das Konzentrationslager, das eigens dafür bereits Monate zuvor „verschönert“ worden war. Was die Inspekteure zu sehen bekamen, war genauso falsch wie die Behauptung der Nazis, bei Theresienstadt handele es sich um eine „jüdische Mustersiedlung“.

Im Vorfeld der Besichtigung waren Cafés sowie ein „Kinderpavillon“ eingerichtet worden, die den Eindruck von Normalität vermitteln sollten. Die Sanitäranlagen, die extra angelegt wurden, funktionierten nicht. Trotzdem wurden sie von den Inspekteuren abgesegnet. Anstatt sie zu testen, ließen sich die Kommissionsmitglieder auf die Ablenkungsmanöver der Nazis ein und wohnten mit ihnen einer Kinderoper des 1942 ins Ghetto deportierten tschechischen Komponisten Hans Krása bei. Krása wurde wie die meisten Schauspieler und der Regisseur des Propagandafilms Theresienstadt, allesamt Zwangsarbeiter aus dem Konzentrationslager, kurz darauf nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

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Maud Beer erzählt im Video, warum sie nicht in ein Vernichtungslager deportiert wurde, über die Wohnbedingungen im KZ Theresienstadt, das eingeschränkte Familienleben dort und den Tod ihres Vaters.

Nur der Koffer fuhr nach Auschwitz

Die nationalsozialistische Propaganda über Theresienstadt war von nachhaltigem Erfolg. Noch lange hielt sich der absurde Eindruck, bei Theresienstadt habe es sich um ein „erträglicheres“ Konzentrationslager gehandelt. Den Fakten hält dieser Mythos nicht stand. Ein Viertel der Häftlinge starb in Theresienstadt – vor allem der unmenschlichen Lebensumstände wegen. Fast 90.000 weitere Häftlinge wurden in Vernichtungslager deportiert, die meisten nach Auschwitz. Nur wenige von ihnen überlebten.

Maud Beers beste Freundin Ruth war in einem der ersten Züge, die nach Auschwitz fuhren. „Sie war 13 Jahre alt, als sie ging. Und nicht einmal einen Monat in Theresienstadt.“ Anders als Ruth überlebte Maud Beer den Holocaust. Warum, fragt sie sich bis heute. „Es war Zufall“, lautet ihre Antwort. Sechs Mal hätte sie nach Auschwitz deportiert werden sollen, sechs Mal konnte sie sich in der Nähe des Zuges verstecken. Beim letzten Mal fuhr ihr Koffer ohne sie nach Polen.

Dass sie sich bei den Abtransporten versteckte, bereitet der Überlebenden bis heute Gewissensbisse. „Ich habe darüber vor ein paar Jahren mit einer Freundin aus Prag gesprochen. Sie sagte zu mir: Das war falsch. Dass du nicht gefahren bist, bedeutet, dass jemand anderes fahren musste. Die Züge mussten voll sein.“

Maud Beer hat viele Angehörige in der Schoah verloren. Darunter auch ihren Vater Fritz. „Ich hatte einen prima Vater“, sagt die heute 85-Jährige mit Nachdruck. Kurz bevor Friedrich Stecklmacher in Theresienstadt Selbstmord beging, begegnete Maud, die im Mädchenheim untergebracht war, ihrem Vater zufällig auf der Straße. „Er erzählte mir, dass der Onkel und die Tante, die im Zug weggefahren waren, nicht mehr leben. Und bat mich, es meiner Mutter nicht zu sagen.“

Zwei Tage später sprang Mauds Vater in den Tod. Auf der Sterbeurkunde ist von Selbstmord nicht die Rede. Suizide, die im KZ geschahen, versuchten die Nazis zu vertuschen – widerlegten sie doch die propagandistische Legende der „jüdischen Mustersiedlung“.

Foto (Ausschnitt): Martijn.Munneke CC BY 2.0
Grabsteine der Opfer in Theresienstadt (Terezín). Über 33.000 Häftlinge überlebten das Konzentrationslager nicht, fast 90.000 wurden in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Foto (Ausschnitt): Martijn.Munneke, CC BY 2.0

Foto-Geschichten

In ihrer Wohnung in Tel Aviv hat Maud Beer noch die Abzüge der Fotos aus ihrer Kindheit. Alle Originale hat sie dem Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C. übergeben. Zu fast jedem Foto kann sie eine Geschichte erzählen, sie weiß von jeder ihrer Freundinnen, ob sie den Holocaust überlebt haben. „Ich habe ein gutes Gedächtnis“, sagt Maud Beer. Ein Segen ist das nicht. „Ich kann es einfach nicht vergessen“, sagt sie.

Dass die Fotos noch existieren, verdankt sie einer befreundeten tschechischen Familie. Vor ihrer Deportation baten Mauds Eltern gute Bekannte, ihre persönlichen Dinge aufzubewahren – darunter auch das große Fotoalbum, das Maud von ihrem Vater bekommen hatte. Obwohl sie sich damit selbst in Gefahr begaben, hielt die tschechische Familie die Bilder der Stecklmachers jahrelang versteckt. „Sie haben es mir nie geglaubt, aber ich denke wirklich jeden Tag an sie“, sagt Maud Beer, die den Kontakt zu den Kindern der Familie bis heute hält.

Nach dem Krieg emigrierte sie in das Land, von dem sie seit ihrer Kindheit wusste, dass es eines Tages ihre Heimat werden sollte. Auch ihr Vater, ein Zionist erster Stunde, habe immer von Palästina geträumt. Ihm verordnete der Arzt jedoch, dass er in der Tschechoslowakei bleibe – weil seine Gesundheit die Hitze nicht verkrafte. 1949 ging die damals 20-jährige Maud nach Palästina und begann ihre Arbeit als Landwirtin in einem Kibbuz. Bis heute ist sie glücklich mit dieser Entscheidung: „Das hatte sich mein Vater immer für mich vorgestellt.“


Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
Juni 2014

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