Leben

Ich fülle ein Kulturloch

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Petr Mikšíček hat im Jahr 2000 die Tschechische Republik entlang ihrer Grenzen zu Fuß umrundet. Foto: © privat

Der Prager Kulturwissenschaftler Petr Mikšíček (36) widmet sich untergegangenen sudetendeutschen Siedlungen im Erzgebirge. Ihn interessieren Ruinen, die von der vergessenen Zivilisation der entvölkerten Landschaft erzählen. Und er veranstaltet Aktionen, um Orte wieder zu beleben, die ihre Geschichte verloren haben.

Sie befassen sich mit dem Schicksal untergegangener sudetendeutscher Dörfer im Erzgebirge. Wie kamen Sie auf das Thema?

Im Jahr 2000 habe ich die Tschechische Republik entlang ihrer Grenzen zu Fuß umrundet. Drei Monate war ich unterwegs und bin tausend Kilometer gelaufen. Ich wollte mich selbst finden. Dabei habe ich aber auch untergegangene sudetendeutsche Ortschaften im Grenzgebiet entdeckt. Während meiner Fußwanderung durch die verlassene Landschaft bin ich auf Überreste der ehemaligen Besiedlung gestoßen. Das hat mich extrem begeistert. Als Student der Kulturwissenschaften habe ich das Forschungsfeld einer verlorenen Zivilisation entdeckt. Und das nur einige Kilometer von Prag entfernt. Es ist mir bewusst geworden: So wie es etwa in Mexiko untergegangene Kulturen der Azteken gibt, so haben wir in der Tschechischen Republik eine untergegangene Kultur der Sudetendeutschen. Das hat mich dermaßen gefesselt, dass ich mich dem Thema Sudeten bereits seit 14 Jahren intensiv widme.

Was gibt Ihnen persönlich die Kulturlandschaft der Sudeten und vor allem des Erzgebirges?

Das Erzgebirge ist nur wenig besiedelt, kulturell und geistig ist es nicht erfasst. Und so hat es sein Geheimnis. Während meiner Fußwallfahrt im Jahr 2000 war ich allein mit der Landschaft und lernte, mit ihr zu kommunizieren. Die Landschaft wurde mein Partner. Gemeinsam mit ihr habe ich nachgedacht, mit ihr habe ich geredet. Es machte mir Spaß sie kennenzulernen. Sie brachte mir Befriedigung. Sie lehrte mich, wo ich mir Mais holen kann, wo es Kartoffeln oder Wasser gibt. Wo ich Holz finde, um Feuer zu machen, wo es einen schönen Ort zum Übernachten gibt. Bald konnte ich solche Orte und interessante Stellen einschätzen, noch bevor ich dort ankam. Und freute mich anschließend, als die Landschaft mir diese Orte zeigte. Ich erkannte, dass ich mich auf sie verlassen kann.

Hat Sie diese Erfahrung verändert?

Seit meiner Fußwanderung bin ich selbstsicherer geworden, ich weiß, was ich will. Ich habe gelernt, mir ein eigenes Ziel zu setzen und es zu verfolgen. Und mag der Weg dorthin noch so lang, noch so anspruchsvoll, noch so einsam erscheinen: Es macht nichts, ich werde ankommen. Erstaunlicherweise übertrug sich dieses Erlebnis auch auf andere meiner Aktivitäten. Seitdem weiß ich, dass ich erreiche, was ich mir vorgenommen habe. Über meinen Weg durch das Grenzgebiet habe ich das Buch Sudetska pout' aneb Waldgang (Sudeten-Wallfahrt oder Waldgang) geschrieben, das 2006 für die Entdeckung des Jahres im Rahmen des Literatur-Preises Magnesia Litera nominiert wurde. Im Herbst kommt es in deutscher Übersetzung auf den Markt. Inzwischen aber widme ich mich zunehmend dem Filmen. Das ist eine ideale Arbeit für mich, weil ich alles selbst mache. Ich denke mir ein Thema aus, beschaffe mir Informationen dazu, schreibe das Drehbuch, nehme auf, schneide den Film und präsentiere ihn. Es ist eine Beschäftigung, bei der es heißt, in einem größeren Ganzen, in Zusammenhängen zu denken. Mein neuester Film ist ein Dokument über Josef Beer, einen Schnitzer aus dem Erzgebirge, der mit der Parkinson-Krankheit kämpft.

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Ruine des Ortes Königsmühle, Petr Mikšíčeks Lieblingsort, Foto: © privat

Haben Sie selbst sudetendeutsche Wurzeln?

Ich befasse mich nicht mit den Ursachen der Abschiebung der sudetendeutschen Bevölkerung, nicht mit den Beneš-Dekreten oder etwa Fragen von Schuld und Unschuld. All das ist bereits Geschichte, die wir nicht mehr ändern können. Darüber können wir lediglich diskutieren. Ich selbst habe keine sudetendeutschen Wurzeln. Über die Abschiebung der Sudetendeutschen wusste ich aus dem Geschichtsunterricht. Auch Verwandte, die in den 60er Jahren nach Deutschland emigriert sind, haben davon erzählt. Aber erst als ich allein durch das verwaiste Grenzgebiet ging, verbanden sich für mich die Informations-Schnipsel zu einem Ganzen und ich begriff, wie die Abschiebung die Landschaft gezeichnet hat.

Welche Auswirkungen hatte das auf die Landschaft? Was haben Sie gefunden?

Nach 1946 entstand in den Grenzgebieten ein neuer Landschaftstyp: entvölkerte Gebiete, die ihren Wirt verloren hatten. In der Tschechischen Republik sind große Flächen betroffen. Es soll sich um ein Viertel des gesamten Staatsgebiets handeln. Etwa 3000 Dörfer und Einödhöfe sind untergegangen und mit ihnen die Kulturlandschaft: bestellte Felder, gepflegte Wiesen, Vieh, das dort einst weidete. Das Gesicht des Grenzgebiets verkam und verwilderte. Es wurde unbrauchbar für den Menschen. Die Mühe ganzer Generationen war dahin. Vom Stuhl oder von der Couch aus betrachtet, kann man das kaum begreifen. Als ich aber mitten im Grenzgebiet-Dschungel eine verlassene, niedergerissene Kirche sah, tat es mir leid und ich fing an, über die verschwundene Zivilisation nachzudenken. Ich habe auch Obstbäume mitten im Wald gesehen, eingestürzte Mauern, eine Vertiefung in der Wiese, die ehemals ein Fußballplatz war, zerfallene Schwimmbäder. Die Landschaft zwang mich nachzudenken, sie entwickelte meine Fantasie, im Kopf baute ich mir Modelle, wie die Orte ehemals ausgesehen haben mögen. Es wurde mir bewusst, wie wichtig der Mensch ist, der über ganze Generationen an einem Ort lebt und ihn veredelt.

Welchen der Orte haben Sie besonders liebgewonnen?

Mein Lieblingsort ist Königsmühle am Fuße des Berges Klínovec (Keilberg). Diese ehemalige Siedlung ist meiner Meinung nach einmalig in der Tschechischen Republik, weil sie sehr gut erhalten ist. Es stehen dort Ruinen aller sechs Häuser, die ursprünglich zu ihr gehört haben. Außerdem sind dort Überreste einer Mühle erhalten: ein Weiher und ein Wasserantrieb. Die Ruinen befinden sich zudem in einem schönen Tal – in einer offenen, leicht zugänglichen Landschaft. Ich spüre die Energie des Ortes, die noch nicht erloschen ist. Sie inspiriert mich. Um Königsmühle zu beleben und ihren Charme mit anderen Menschen zu teilen, organisiere ich dort seit 2012 im Sommer ein Landart-Festival.

Wer interessiert sich denn heute eigentlich noch für das Thema Sudeten?

Es sind junge Menschen, überwiegend Studenten, aber auch Senioren, die entweder die Abschiebung selbst erlebt haben oder die Zeit aufbringen können, sich damit zu befassen. Das Interesse ist groß, weil man darüber lange Jahre nicht reden durfte. Ich und andere Begeisterte haben die Sudeten als ein Loch in der Kultur entdeckt. Wir begannen es zu füllen mit Begegnungen, Büchern, Ausstellungen. Interessant ist, dass ich als Wanderer in absoluter Einsamkeit anfing und schließlich mitten unter Menschen ankam, die mein Interesse für die Magie dieses Gebiets teilen.

Was bereiten Sie jetzt vor?

Ich bereite eine Sudeten-Wallfahrt vor für Menschen, die sich für das tschechisch-deutsche Grenzgebiet und seine verborgene Geschichte interessieren. Ich denke an einen Fußweg, etwa 60 Kilometer lang, der innerhalb von fünf Tagen absolviert werden könnte. Dazu will ich Literatur und eine Karte herausgeben. An allen Orten, welche die Wallfahrer besuchen, möchte ich ein kulturelles Programm organisieren.

Das Interview führte Maria Šílený

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
September 2014

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