Leben

Ein bisschen Havel sein

Foto: Martin Kozák
Foto: Martin Kozák
Václav Havel, 1936–2011, Foto: Martin Kozák

„Eine große Persönlichkeit unserer Geschichte ist von uns gegangen.“ „Er hat viel für unser Land getan.“ „Er hat uns eine Stimme in der Welt verschafft.“ „Er hat uns die Freiheit wiedergegeben.“

In Nachrufen, Blogs, Editorials und auf den Prager Straßen sind mir solche und ähnliche Sätze begegnet. Am vierten Advent 2011, dem Tag an dem Václav Havel starb. Die Sätze stammen aus den Mündern und Federn unzähliger Tschechinnen und Tschechen. Václav Havel war eine große – vielleicht die größte – Persönlichkeit ihrer Geschichte. Er hat viel für ihr Land getan. Er hat ihnen eine Stimme in der Welt verschafft. Er hat ihnen die Freiheit wiedergegeben. Er ist gestorben. Sie trauern.

Mir musste niemand die Freiheit wiedergeben. Ich bin kein Tscheche. Ich bin in West-Deutschland aufgewachsen. Und trotzdem bin ich traurig. Aber wieso eigentlich trotzdem? Hätte Václav Havel seinem Land nicht die Freiheit wiedergegeben, wer weiß ob ich jemals hätte nach Tschechien kommen und hier heimisch werden können? Vermutlich hätte ich meine Frau nicht kennengelernt und meine Tochter wäre nie geboren worden.

Klar, auch wenn Václav Havel einen großen Verdienst am Fall des Kommunismus (nicht nur in der Tschechoslowakei) hatte; er hat ihn natürlich nicht allein besiegt. Aber die Konsequenz, mit der er sich gegen das Regime gestellt und Repressionen ertragen hat, die Konsequenz, mit der er sich auch nach 1989 für die Schwachen in aller Welt engagiert hat, die Konsequenz, mit der er immer wieder auf Missstände und Unrecht aufmerksam gemacht hat und vor allem die Konsequenz, mit der er sich allen Umständen zum Trotz seinen scheinbar naiven Glauben an das Gute im Menschen bewahrt hat … diese Konsequenz und seine Bescheidenheit machen Havel zu einer moralischen Autorität, die seinesgleichen sucht, zu einem Vorbild nicht nur für Tschechen, sondern für alle Menschen.

Foto: Patrick Hamouz
„Herr Präsident, wir danken Ihnen!“, Foto: Patrick Hamouz

Am vierten Advent 2011, dem Tag an dem Václav Havel starb, war ich deshalb mit Tausenden anderen auf dem Wenzelsplatz, in der Narodní třida auf der Kampa, wir haben Kerzen aufgestellt, gesungen und das ein oder andere Bier auf „Vašek“ getrunken und alle miteinander das Gefühl gehabt, dass ein guter Freund gestorben ist. Und war er das nicht auch? Ein Menschenfreund …

Aber so traurig sein Tod auch ist, so sehr tröstet das Vermächtnis, dass er hinterlassen hat. Am Tag, an dem er starb, waren wir irgendwie alle ein bisschen Havel, waren nett zueinander, rücksichtsvoll, großzügig, geduldig, bescheiden, hilfsbereit, dankbar. Daran hat uns Havels Tod erinnert: Wir müssten öfter ein bisschen Havel sein, vielleicht werden dann doch noch „Liebe und Wahrheit siegen über Lüge und Hass!“

Patrick Hamouz

Copyright: Goethe-Institut Prag
Dezember 2011

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    Václav Havel (* 5.10. 1936 † 18.12.2011) Literat, Dramatiker, Politiker und Philosoph. Als Präsident der postkommunistischen Tschechoslowakei (1989 – 1992) und der neu gegründeten Tschechischen Republik (1993 – 2003) trug er richtungsweisend zur Ausgestaltung der Vision und der Innen- und Außenpolitik beider Staatsgebilde bei. Ebenso beeinflussten seine Ideen die europäische und internationale Gemeinschaft. In seinen literarischen Werken setzte er sich kritisch mit politischen Mechanismen auseinander. Sein erstes Theaterstück war Das Gartenfest (1963). Er war Mitbegründer und Sprecher der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Insgesamt fünf Jahre saß er während der Zeit des Kommunismus für seine politischen Überzeugungen im Gefängnis. Im In- und Ausland verkörperte er die Stimme der Dissidenten. 1989 war er die führende Persönlichkeit der so genannten Samtenen Revolution. Auch nach dem November 1989 engagierte er sich für die Rechte der Schwachen und politisch Verfolgten. Zu seinen Ideen bekennen sich heute auch viele junge Menschen, die die kommunistische Diktatur selbst nicht mehr erlebt haben.

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    Václav Havel hatte es nie einfach in der Slowakei. Dort blieb er lange fast unbekannt.