Leben

Die slowakischen Lügen über Václav Havel

Foto: Martin KozákFoto: Martin Kozák
Václav Havel, 1936–2011, Foto: Ondřej Sláma

Václav Havel hatte es nie einfach in der Slowakei. Im tschechischen Teil der Republik war er eine Art Statussymbol der Opposition, doch in der Slowakei blieb er lange fast unbekannt.

Auch vor dem strengen Verbot wurden seine kritischen Theaterstücke auf unseren Bühnen kaum inszeniert. Seine wichtigen politischen Essays aus den Siebzigerjahren, die nur noch im Samizdat veröffentlicht werden durften, gab es nur in einzelnen Exemplaren im Osten des Landes, und die slowakischen Geheimagenten kannten sie viel besser als die Intellektuellen.

Das erste Mal habe ich Václav Havel Mitte der Achtzigerjahre auf einem schwarzweißen Foto im Fernsehen gesehen. Der Moderator hat ihn als Landesverräter bezeichnet, der vom Westen mit Videorekorder, Hi-Fi-Systemen und astronomischen Geldsummen verwöhnt wird, um das eigene sozialistische Land im Ausland zu beschimpfen. Das klang sogar für ein Kind total absurd.

Als Václav Havel in der Sternstunde der Tschechoslowakei zum Präsidenten gewählt wurde, fanden es viele richtig, dass er oft nach Bratislava oder Košice reiste, dass er viele kompetente slowakischen Mitarbeiter hatte, und auch Vertreter der Minderheiten, von denen es in der Slowakei so viele gibt: Roma, Ungarn, Ruthenen und so weiter. Doch sehr schnell hat sich die Situation ganz anders entwickelt, als er es sich vorstellte. Statt Zivilgesellschaften wurden politische Parteien als Aktiengesellschaften gegründet, von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschlossen, auf perversen Finanzmodellen basierend, unüberschaubar, korrupt, ohne Substanz, egal ob links, Mitte oder rechts. Die alten Strukturen haben blitzschnell die neuen infiltriert und die ökonomische Macht übernommen.

Foto: Patrick Hamouz
Národní třida 18. Dezember 2011, Foto: Patrick Hamouz

Havel war auf einmal nicht mehr das Symbol der Wende, sondern auch der drastischen Teuerung, der Entwertung der Währung Krone und der massiven Entlassungen aus den bankrotten staatlichen Betrieben. Eine beliebte slowakische Lüge ist, Václav Havel habe mir der „Konversion“ der Waffenproduktion und mit dem Stopp der Exporte die ganze Rüstungsindustrie und damit auch den wichtigsten Teil der slowakischen Wirtschaft Anfang der Neunzigerjahre kaputtgemacht und damit die bis heute hohe Arbeitslosigkeit verursacht.

Vor kurzem habe ich ein Interview mit Jozef Uhrík geführt, dem Ex-Generaldirektor der ZS-Maschinenbauwerke in der mittelslowakischen Stadt Martin, der nach der Wende der erste Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Slowakei AG wurde, und der deutlich dazu beitrug, dass das kleine mitteleuropäische Land zur Großmacht der Autohersteller wurde (neben VW haben Peugeot-Citroen und Kia riesige Fabriken in der Slowakei). Ich habe Uhrík nach der Rolle Havels in der Konversion gefragt. „Das ist Unsinn“, sagte er. „Unsere Rüstungsindustrie haben wir selber hier in der Slowakei zerstört und nach und nach gestohlen. Außerdem war sie nur ein Mythos der Vergangenheit, wir waren auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig, unsere Technologien waren veraltet. Das war mir schon in den Achtzigern klar.“

Auch dank Václav Havel war ich ein stolzer Tschechoslowake. Heute kann ich es kaum noch glauben, dass wir einen Präsidenten hatten, der gerne Lou Reed hörte und mit dem New Yorker Rocker sogar befreundet war, dass er Franz Kafka sein Vorbild nannte und sein Credo einfach und doch prinzipiell war: das Leben in der Wahrheit. Havels Offener Brief an Gustáv Husák von 1975 ist einer der besten Texte über die seltsame Zeit der Kindheit meiner „normalisierten“ Generation. Er warnte schon damals, dass in der heutigen Welt „das Allerschlimmste im Menschen aktiviert und entwickelt wird: Selbstsucht, Heuchelei, Gleichgültigkeit, Feigheit, Angst, Resignation, die Sehnsucht, persönlich zu profitieren ohne Rücksicht auf die öffentliche Konsequenzen.“ Daran hat sich bis zu seinem Tod nichts geändert, der Trend ist noch stärker.

Michal Hvorecký
slowakischer Schriftsteller

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Dezember 2011

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    Václav Havel (* 5.10. 1936 † 18.12.2011) Literat, Dramatiker, Politiker und Philosoph. Als Präsident der postkommunistischen Tschechoslowakei (1989 – 1992) und der neu gegründeten Tschechischen Republik (1993 – 2003) trug er richtungsweisend zur Ausgestaltung der Vision und der Innen- und Außenpolitik beider Staatsgebilde bei. Ebenso beeinflussten seine Ideen die europäische und internationale Gemeinschaft. In seinen literarischen Werken setzte er sich kritisch mit politischen Mechanismen auseinander. Sein erstes Theaterstück war Das Gartenfest (1963). Er war Mitbegründer und Sprecher der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Insgesamt fünf Jahre saß er während der Zeit des Kommunismus für seine politischen Überzeugungen im Gefängnis. Im In- und Ausland verkörperte er die Stimme der Dissidenten. 1989 war er die führende Persönlichkeit der so genannten Samtenen Revolution. Auch nach dem November 1989 engagierte er sich für die Rechte der Schwachen und politisch Verfolgten. Zu seinen Ideen bekennen sich heute auch viele junge Menschen, die die kommunistische Diktatur selbst nicht mehr erlebt haben.

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