„Deutschland hat den Imageschaden selbst verursacht“

Foto: © Micky Beisenherz
Die Eigenschaften, die man den Deutschen im Ausland gern nachsagt, sind für die Betroffenen oft wenig schmeichelhaft. Sie gelten als verbissen und unflexibel, pingelig und verzagt und lieben angeblich die Bürokratie: Zusammengefasst wird das „typisch Deutsche“ in dem Begriff „German Angst“. Er spielt an auf die so genannten preußischen Tugenden – Fleiß, Disziplin, Ordnung, Pünktlichkeit.

Der Journalist Micky Beisenherz hat eine Filmreihe über „German Ängste“ gedreht. Foto: © Micky BeisenherzWie viel Wahres ist heute noch dran an dem Klischee vom deutschen Heinz, der morgens pünktlich zur Arbeit geht, sie emotionslos und möglichst bürokratisch verrichtet und alles fürchtet, was seinen geregelten Tagesablauf irgendwie stören könnte? Der Journalist Micky Beisenherz ist dieser Frage in einer Filmreihe nachgegangen. Dabei hat er einige neue „German Ängste“ entdeckt – und ein paar Leute getroffen, die das alte Klischee widerlegen.

Herr Beisenherz, was ist größer: Die „German Angst“ oder die Angst vor dem Deutschsein?

Da liegt die Wahrheit wohl in der Mitte. Die Angst vor dem Deutschsein ist uns ja nicht von außen auferlegt worden. Trotzdem hat sich bei meinen Recherchen gezeigt, dass sich kein Volk so viel Gedanken über seine Außenwirkung macht wie das deutsche, was natürlich auch an dem gewaltigen Imageschaden liegt, den es selbst verursacht hat. Allerdings würde ich schon sagen, dass sich die Angst vor dem Deutschsein etwas verflüchtigt hat.

Mit dem „Imageschaden“, also der NS-Erfahrung, erklären Sie in einem Ihrer Beiträge die historische Verwurzelung der „German Angst“. Stigmatisieren wir uns mit der Aufarbeitung der NS-Zeit also selbst?

Im Gegenteil. Gerade diese Erfahrung ermöglicht es uns ja, bestimmten Tendenzen frühzeitig entgegenzuwirken, sei es gegenüber Fremdenfeindlichkeit oder bei Homophobie, wie sie Internetseiten wie kreuz.net propagieren. Ich glaube, dass das Schuldempfinden, das die ältere Generation gegenüber der NS-Zeit verspürt, bei der jüngeren durch erhöhte Wachsamkeit ersetzt wird. Das merkt man ganz stark bei abstrusen Diskussionen über Migration und Integration, die von der jüngeren Generation viel feinnerviger aufgenommen werden.

In Ihrer Filmreihe entsteht aber ein anderer Eindruck. Da wirkt es so, als sei die Angst vor Überfremdung unter den „German Ängsten“ am größten.

Die Angst vor Überfremdung – auch wenn das ein furchtbarer Begriff ist, den ich in dem Beitrag bewusst provokant benutzt habe – ist schon da, wobei man einfach sagen muss, dass mit diesen Ängsten auf perfide Weise gespielt wird. Einerseits von den Medien, die erst vor kurzem bei einem Kriminalfall nur noch über die marokkanische Herkunft des Täters geschrieben haben, andererseits von rechtsextremen Organisationen wie Pro-NRW, die sich der plumpesten Methoden bedienen. Die stellen sich beispielsweise vor eine Demo von – übrigens auch zu den dümmsten der Gesellschaft zählenden – Salafisten und behaupten: „So sind die Muslime alle.“

Dem Vorsitzenden von Pro-NRW raten Sie, sich nicht mit Extremisten auseinanderzusetzen. Dabei tun Sie das ja selbst, indem sie mit ihm als Vertreter einer rechtsextremen Partei sprechen. Hatten Sie Bedenken vor diesem Interview?

Bedenken hatte ich keine, höchstens Respekt – natürlich nicht vor der Person, aber vor der Ausgabe an sich. Es gibt im Fernsehen ja legendäre Fehlleistungen, wenn jemand versucht, die absurde Argumentation von Rechtsextremen vorzuführen. Insofern war ich vor dem Gespräch sehr wachsam, wollte nicht in irgendwelche Fallen tappen. Das passierte dann aber zum Glück auch deshalb nicht, weil diese Pro-NRWler so plump unterwegs sind, dass es gar nicht schwer ist zu zeigen, wie simpel und blöd ihre Masche ist.

In Ihrer Moderation sagen Sie häufig „wir“ und „uns“, wenn Sie die Deutschen meinen. Gibt es so ein „Wir“ in Wirklichkeit überhaupt?

Wenn ich „Wir“ sage, mischt sich in die Wirklichkeit natürlich eine gute Portion Wunsch. Ich meine damit eine weltoffene, diskussionsfähige Mehrheit. Natürlich gibt es in Deutschland aber auch ganz viele verschiedene regionale Kulturen. Zugleich halte ich so etwas wie die immer noch geführte Ossi-Wessi-Debatte für vollendeten Quatsch. Seit Jahrzehnten machen wir uns über die Bayern lustig und trotzdem käme niemand auf den Gedanken zu fragen, ob die Integration der Bayern in Deutschland gescheitert sei. Davon abgesehen ist es eine Erscheinungsform der Integration, sich übereinander lustig machen zu können. Wenn ich von Türken im Dreier-BMW spreche, ist das kein Rassismus, sondern ein humoriger Umgang mit Klischees. Ich glaube, dass wir zu diesem Maß an Unverkrampftheit kommen müssen.

Unverkrampftheit wäre ja im Grunde das Gegenteil dessen, was man gemeinhin unter der „German Angst“ versteht.

Ja, und die verschiedenen kulturellen Einflüsse in Deutschland lockern die Gesellschaft ja auch auf. Ich habe während der Dreharbeiten einige typisch deutsche Eigenschaften ausgemacht, die gar nicht dem Bild von der German Angst entsprechen: Das waren Lockerheit, Offenheit, wenig Verkrampfung und vor allem eine hohe Diskussionsfähigkeit. Selbst bei sehr emotionalen und provokanten Fragen sind meine Gesprächspartner immer sehr sachlich geblieben. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahin gestellt. Aber ich bezweifle, dass es so eine Sachlichkeit in anderen Teilen Europas, denen man viel Temperament nachsagt, auch gibt.

Das Interview führte Isabelle Daniel

Copyright: Goethe-Institut Prag
Mai 2013

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