„Nicht locker lassen“

Foto (Ausschnitt): Z thomas, CC BY-SA 3.0

Der Soziologe Gunter A. Pilz fordert ein konsequentes Engagement gegen rechte Fußballfans

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Fans von Dynamo Dresden: Rechtsextreme Ausfälle einiger schwarzer Schafe motivierten Verein und Fanclubs zu Initiativen gegen Gewalt und Rassismus. Foto (Ausschnitt): Z thomas, CC BY-SA 3.0

Das Bild vom August 2012 schockierte viele Fußballfans: Beim Auftaktspiel der deutschen Bundesliga in Dortmund hielt ein Fan auf der Südtribüne ein Banner mit einem rechtsextremen Schriftzug in die Höhe. Es ist kein Einzelfall: Immer wieder kommt es in Fußballstadien zu rechtsextremen Ausschreitungen. Gibt es unter Fußballfans besonders viele Rechtsextreme? Nein, sagt der Hannoveraner Soziologe Gunter A. Pilz. Dennoch müssten Fußballvereine konsequent gegen rechtes Gedankengut in den eigenen Fankurven kämpfen und Neonazis signalisieren: Ihr habt hier nichts verloren.

Manchen Fußballstadien eilt der Ruf voraus, eher eine Plattform für Rechte als ein Sportplatz zu sein. Wer nach den Klubs Dynamo Dresden oder Lazio Rom googelt, dem schlägt die automatische Suchvervollständigung schnell vor, die Suche durch „Nazis“ zu vervollständigen.

Auch der Fünftligist Dynamo Berlin ist berüchtigt. Das für die niedrige Liga überdurchschnittlich hohe Polizeiaufkommen bei Spielen des Vereins gilt mittlerweile als Selbstverständlichkeit, weil Konfrontationsgefahr zwischen linken und rechten Hooligans besteht.

Foto (Ausschnitt): Mark Jensen, CC BY-SA 2.0
Gegen Rechte in den eigenen Reihen - ein Aufkleber in Hamburg, Foto (Ausschnitt): Mark Jensen, CC BY-SA 2.0

Dabei sei der Eindruck, dass es unter Fußballfans mehr Rechtsextreme gäbe als in der Gesamtgesellschaft, trügerisch, sagt der Sportsoziologe Gunter A. Pilz. Einer empirischen Studie des Professors der Universität Hannover zufolge seien „nur“ 16.500 Fußballfans in Deutschland gewaltbereit. „Das ist zwar immer noch eine beträchtliche Zahl“, sagt Pilz. Doch Fußball und Rechtsextremismus deshalb automatisch in Zusammenhang zu bringen, lenke von der Tatsache ab, dass Rechtsextremismus ein gesamtgesellschaftliches Problem sei – „und nicht das Privileg von Fußballvereinen“.

Mediale Aufmerksamkeit als Vergrößerungsglas

„Weil Fußball eine so hohe gesellschaftliche Attraktivität und eine extrem hohe mediale Aufmerksamkeit genießt, sehen wir Rechtsextremismus im Stadion wie durch ein Vergrößerungsglas“, sagt Pilz. „Wenn genauso oft über rechtsextreme Vorfälle an Schulen und Unis oder in der Straßenbahn berichtet werden würde, wäre die Aufmerksamkeit demgegenüber genauso hoch.“

Ein Antirassismus-Spot mit Spielern von Dynamo Dresden.

Insgesamt seien die deutschen Fußballclubs auf einem guten Weg in ihrem Engagement gegen Rechts. „Laut der Satzung des Deutschen Fußballbundes sind die Vereine verpflichtet, jede Form von Diskriminierung und Rassismus zu verfolgen. Und die Vereine reagieren in der Tat auf rechtsextreme Ausschreitungen im Stadion – zugegeben, manche mehr und manche weniger intensiv.“ Zum Teil seien die Möglichkeiten der Vereine begrenzt, wenn es darum gehe, Rechtsextreme aus den Fankurven zu verjagen. „Vereine können auch rechtsextremen Fans nur dann Stadionverbot erteilen, wenn sie gegen die Stadionordnung verstoßen. Der TSV 1860 München etwa hat versucht, Fans mit offensichtlich rechter Gesinnung ein Stadionverbot aufzuerlegen – dies ist jedoch nicht rechtswirksam.“

Rechte seien in vielen Stadien vorsichtiger geworden, seitdem die Vereine intensiver gegen sie vorgehen, beobachtet Pilz. „Es wäre ein Fehler zu denken, dass es in Stadien, in denen es nicht zu Ausschreitungen kommt, keine Rechten mehr gibt. Oft handeln sie subtiler und versteckter, sind aber nicht weg.“ Diese Taktik beobachtet Pilz vor allem in den alten Bundesländern.

Foto (Ausschnitt): Alexander Gerl, CC BY-SA 2.0
Der TSV 1860 München hat versucht rechtsextremen Fans ein Stadionverbot aufzuerlegen – dies ist jedoch nicht rechtswirksam. Foto (Ausschnitt): Alexander Gerl, CC BY-SA 2.0

„Belegbar ist, dass es in den Stadien in den neuen Bundesländern Rassismus offener gezeigt wird. Gerade das Beispiel Dortmund zeigt aber, dass das Problem im Westen durchaus auch besteht. Dort gibt es allerdings eine zunehmende soziale Kontrolle gegen Rechtsextremismus.“ Eine Botschaft will der Soziologe den Fußballvereinen unbedingt vermitteln: „Man darf auf keinen Fall davon ausgehen, dass es keine Rechten gibt, wo man keine sieht. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich die Vereine ständig und konsequent gegen Rechtsextremismus einsetzen. Man darf nicht lockerlassen. Was sich empirisch nämlich nachweisen lässt, ist: Vereine, die nicht viel gegen Rechts tun, haben eine Sogwirkung auf Rechtsextreme.“


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November 2013

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