Im Auge des Betrachters

Schön hässlich

Foto: © Anne WeißbachFoto: © Anne Weißbach
Björn H.: „Ich kann meinem Gegenüber ins Gesicht lächeln und sagen: ,Ich weiß, dass ich hässlich aussehe.‛“

Eine Hackfresse sei er, sagt Björn über sich selbst. Stimmt, finden viele in seinem Umfeld. Doch Björn kommt nicht nur klar mit seinem „hässlichen“ Aussehen – er hat darüber auch zu einer sehr reflektierten Haltung zur Schönheit gefunden.

Björn H. arbeitet seit mehreren Jahren im öffentlichen Dienst. Dort ist er bestimmt nicht als Schönling bekannt, aber durchaus für seine offene, lustige Art. Nachdem ihn deswegen immer mehr Freunde und Bekannte ermunterten, sich doch mal als Laiendarsteller im Theater auszuprobieren, fand er den Weg auf die Bühne und von da vor die Kamera. Seitdem wirkte er in verschiedenen Filmprojekten mit und moderierte die eine oder andere Veranstaltung. Sein „unschönes“ Aussehen begreift er nicht mehr als etwas, womit er leben muss, sondern als etwas, das ihn besonders macht. Das und seine ganz eigene Art und Weise, damit umzugehen. Ein Interview mit einem Hässlichen, der schön ist.

Björn, du sagst über dich selbst, du seist ein hässlicher Vogel oder sähest aus wie eine alte Nebelkrähe. Wie reagieren die Menschen in deinem Umfeld darauf?

Unterschiedlich. Eine Reaktion ist: Ja, stimmt. Und eine andere Reaktion ist: Nee, absolut gar nicht. Am Filmset zum Beispiel wird mir oft gesagt, dass ich ein so schönes, unverkennbares Gesicht hätte. Da sage ich dann: Ach hör auf zu spinnen, ich bin doch total die Hackfresse. Unter Freunden ist es anders, weil man sich da ja auch gegenseitig neckt. Aber da ich das von mir aus sage, sind die Reaktionen eigentlich eher positiv und offen.

Also hast du das Gefühl, dass dir in diesem Moment genauso viel Ehrlichkeit zurückgegeben wird?

Ja, aber manchmal fühle ich mich wirklich verarscht, wenn jemand sagt: Nee, du hast ein schönes Gesicht. Ich will es selbst nicht wahrhaben, dass manche Menschen mich auch schön finden.

Warst du schon immer so locker und offensiv im Umgang damit?

Gar nicht. In meiner Jugend habe ich mich nicht hübsch gefunden. Da war ich ein total blasser Junge und hab auch nichts aus mir gemacht, bin dem Schönheitsideal hinterhergelaufen. Die Klamotten, die damals in waren, musste man tragen, ohne dass man seine eigene Note mit eingebracht hat. Das steigende Selbstbewusstsein hat sich entwickelt, einerseits durch meinen Job im Büro, aber natürlich auch durch Theater, Film und Moderation. Dann dachte ich: So hässlich kann ich ja nicht sein, wenn die Leute mich irgendwie cool finden.

Musikvideo mit Björn in der Hauptrolle

Gab es früher zum Beispiel in der Schule auch mal Momente, in denen du für dein Aussehen gehänselt wurdest.

Ja klar, ich wurde früher immer Spitzfresse genannt.

Hat dich das verletzt?

Ja, durchaus. Es ist nie schön, wenn man gehänselt wird. Vielleicht hat es mich abgehärtet. Ich hatte damals schon Selbstbewusstsein, war der Klassenclown und wusste auch, dass mich viele Leute mögen. Ich glaube, wenn ich isoliert gewesen wäre, hätte es mich härter getroffen. Aber ich habe andere Kinder auch gehänselt. Kinder sind gemein und suchen immer das Negative des anderen, um sich selbst stärker erscheinen zu lassen, obwohl sie meist selbst Defizite haben. Der Mensch entwickelt sich und die einen merken, dass Äußerliches oder Schönheit nicht alles sind und die anderen bleiben bei ihrer oberflächlichen Meinung. Die setzen ihre Prioritäten auf Oberflächlichkeiten, auf Aussehen, auf Markensachen und definieren sich darüber.

Und wenn dich heute jemand hässlich nennt, auch mit einer beleidigenden Absicht, verletzt es dich dann immer noch?

Nee! Mein Aussehen ist genau das, was mich ausmacht. Würde ich dem Schönheitsstandard entsprechen, wäre ich einer unter vielen. Und so bin ich halt ein dünner Typ mit Hakennase, der wiedererkannt wird. Mein Körper und mein Aussehen sind mein Kapital und wenn ich das richtig einsetze, kann ich damit Leute überzeugen und begeistern. Ich kann meinem Gegenüber ins Gesicht lächeln und sagen: Ich weiß, dass ich hässlich aussehe. Aber ich kann damit sehr gut leben. Ich fühle mich gut und ich weiß, dass mein Aussehen zu meiner Wirkung beiträgt.

Sind deine schauspielerischen Ambitionen der Grund dafür, dass du jetzt so damit umgehen kannst?

Ich glaube nicht, dass ich dieses Selbstbewusstsein entwickelt hätte, wenn ich nicht mit der Schauspielerei begonnen hätte. Jetzt weiß ich, dass ich etwas an mir habe, was nicht jeder hat. Wenn das jemand aus der Schauspielbranche oder mit viel Menschenkenntnis zu mir sagen kann, ist mir das viel mehr Wert, als wenn irgendjemand sagt, dass ich hässlich bin oder wenn Muddi und Vaddi sagen: Du bist ‘nen hübscher Junge. Müssen sie ja.

Haben das deine Eltern auch zu dir gesagt?

Bewusst erinnern kann ich mich nicht, aber die haben auch nicht gesagt, dass ich ein hässlicher Bengel bin. Als ich dem ganzen Mainstream hinterhergelaufen bin mit den Hiphop-Klamotten und so, hat Muddi schon manchmal gesagt: Willst du nicht mal was Anderes anziehen? Das sieht doch gar nicht cool aus. Und wenn ich mich mal schick gemacht hab, dann haben sie auch gesagt: Mensch, bist ja eigentlich ’nen richtig schmucker Bengel.

Foto: © privat
Kostümprobe im Theater

Wie viel Wert legst du auf Äußerlichkeiten bei anderen Personen, zum Beispiel auch bei Frauen oder deiner Freundin?

Schönheit ist für mich eine Sache der Aura. Ich kann es nicht erklären, aber manche Menschen haben für mich eine schöne Aura, obwohl andere ihr Aussehen hässlich finden würden. Vielleicht weil sie auch selbstbewusst sind und sagen: Ich bin vielleicht nicht die Hübscheste, aber ich weiß meine Vorzüge einzusetzen und steh zu meiner großen Nase. Das merkt man den Frauen an. Einen festen Frauentyp habe ich nicht. Worauf es mir beim Äußerlichen ankommt ist eine Grundgepflegtheit.

Würdest du dich selbst als eitel bezeichnen?

Bei meinen Haaren schon. Die müssen immer liegen. Ansonsten versuche ich, mich schick zu kleiden, aber trotzdem lässig, locker. Aber mich als eitel zu bezeichnen, würde zu weit gehen. Dann würde ich mir wahrscheinlich auch meine Augenringe wegschminken.

Würdest du an dir selbst künstliche Veränderungen vornehmen lassen?

Ja, Fett würde ich mir spritzen lassen. Nee, nur Spaß… auch das nicht. Es geht doch um mein Gesamtpaket. Würde ich noch so wirken, wenn ich anders aussehen würde, wenn ich 20 Kilo mehr auf den Rippen hätte?

Und für ein Schauspielangebot? Wenn jemand sagen würde: Lass das an dir machen und dann bekommst du die Rolle?

Ich glaube nicht, denn dann würde ich mich selbst verraten.

Wie definierst du die Begriffe schön und hässlich?

Schwierig. Hässlich sind für mich eigentlich nur Menschen, die hässlich agieren, die missgünstig, neidisch sind, die andere denunzieren, die ungerecht sind. Schönheit ist ein Komplettpaket, das ist das Aussehen, das Innere, die Aura, wie verhalte ich mich. Für mich gehört auch eine gewisse Grundintelligenz zur Schönheit dazu. Äußerliche Schönheit ist oft nur eine Fassade, die bröckelt, wenn man den Charakter dahinter kennen lernt. Äußerlichkeiten sind vergänglich. Wir sehen ja nicht alle ewig so aus, wie wir jetzt aussehen, aber unsere Grundeigenschaften bleiben oft so, wie sie sind. Auf Frauen bezogen ist es natürlich so, dass man nie zu einer „hässlichen“ gehen würde. Die könnte den tollsten Charakter haben, aber optische Reize müssen einfach da sein. Diese Reize werden dann entweder bestätigt oder komplett zerstört. Menschen können extrem hässlich werden, aber sich auch extrem verschönern durch ihren Charakter.

Findest du dich schön?

Ja!

Findest du dich hässlich?

Ja!

Ich fühl mich beides in einem, weil ich mit beidem umgehen kann. Für den einen bin ich hässlich, für den anderen bin ich wunderschön. Das weiß ich und auch, dass es Menschen gibt, die das Gesamtpaket zu schätzen wissen.

Das Interview führte Anne Weißbach.

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Oktober 2016

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