Im Auge des Betrachters

Brutal schön

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Maria alias Balea: „Was kann ich denn am Körper großartig machen, außer mir den Zeh zu amputieren?“

Blut, Metall und Nadelstiche: Bodymodification ist nichts für schwache Nerven und bewegt sich zwischen Tabu und Faszination.

Wer sich Ohrlöcher oder ein kleines Tattoo stechen lässt, denkt wohl kaum daran, dass er oder sie gerade Bodymodification betreibt. Die meisten verstehen darunter eher Brandmale (Branding), kunstvolle Ritzungen (Cutting), Implantate oder Amputationen – also extremere und teils gesundheitlich riskante Veränderungen des eigenen Körpers. Diese westliche Spielart entwickelte sich parallel mit der Ästhetik von Punks und Goths, die Praxen selbst sind jedoch sehr viel älter. Sie stammen meist aus außereuropäischen Kulturen und Gesellschaften, in denen beispielsweise Ziernarben, Lippenpflöcke, überstreckte Hälse oder rituelle Tätowierungen als schön gelten oder Merkmal von Gruppenzugehörigkeit sind. Häufig markieren Modifizierungen einen Übergang – vom Kind zum Erwachsenen, Heirat, Geburt oder Tod, in westlichen Gesellschaften eher persönliche Meilensteine wie eine Trennung oder Selbstüberwindung. In beiden Fällen bringen die Prozeduren nicht nur ästhetische Effekte hervor, auch das Aushalten oder der Umgang mit den Schmerzen werden von der Gemeinschaft mit Anerkennung belohnt.

Unter der Haut

Wie viele sogenannte „Gemoddete“ (körperlich Veränderte) es in Deutschland gibt, lässt sich schwer beziffern, da der Begriff nicht eindeutig umrissen ist. In Sachen Tattoos und Piercings sind jedoch laut Umfragen von YouGov und IfD Allensbach rund 15 Prozent aller Menschen in Deutschland tätowiert, knapp 7 Prozent jenseits der Ohrläppchen gepierct. Mehr als jeder zehnte besitzt über vier Tattoos wie die Ruhr-Universität Bochum 2014 herausfand. Dazu gehört auch Balea – mit Mitte 20 zieren nicht nur etliche Bilder ihre Haut, sondern sie trägt zudem viel Ohrschmuck, Dreadlocks und hat eine gespaltene Zunge. Ein kunstvolles Muster aus silberfarbenen Piercings verläuft über Mund und Unterkiefer, Hingucker sind ihre tätowierte rechte Gesichtshälfte und das schwarze Auge. Mit dem sichtbaren Teil ihrer Bodymodifications fällt Balea selbst in Berlin noch auf, obwohl dies nicht ihr Ziel ist: „Das kann daran liegen, dass man im Gesichtsbereich einfach viel mehr Möglichkeiten hat. Was kann ich denn am Körper großartig machen, außer mir den Zeh zu amputieren?“

Trotz ihres Looks hatte sie bisher nie Probleme, einen Job zu finden; strahlend erzählt sie über ihre jetzige Arbeit als Teamleiterin in einem Callcenter. Dort werden Mut und Konsequenz gegenüber ihrem Körper als Stärken ausgelegt: „Ich habe viel Kontakt mit Auftraggebern. Die gucken mich auch erst einmal komisch an, sind dann aber doch begeistert.“ Nebenbei modelt Balea oder spielt in Musikvideos mit, der Bodymodification-Szene selbst fühlt sie sich aber nicht zugehörig.

Andrea Venhaus wiederum legt es nicht auf einen ausgefallenen Look an. Bereits in den 80ern experimentierte sie aber in der Punkszene mit Bodymodification und ist heute Inhaberin des Studios Deep Metal in Dortmund. Spezialität ihres Studios sind Piercings sowie ungewöhnlicher Intimschmuck: So lassen sich manche männliche Kunden zur sexuellen Stimulation Kugeln am Penisschaft einsetzen (Genital Beadings). An ihrem eigenen Körper geht es ihr vor allem um eine Erweiterung der Körperfunktionen und –sinne: „Ich selbst habe eher so funktional angelegte Bodymods. Die sehen vielleicht nicht so dramatisch aus, aber dafür kann ich was mit ihnen anfangen.“ Gemeint sind damit unter anderem Magnete in den Fingerspitzen oder Near-Field-Communication-Chips (NFC) unter der Haut. Mit derartigen Chips, auf denen individualisierte Daten oder Apps abgespeichert sind, kann die Studioleiterin beispielsweise ihre Visitenkarte kontaktlos auf ein Smartphone übertragen oder ihr Handy verschlüsseln.

„Narben machen ist für mich Beruf und Berufung“

Beide Frauen kamen bereits im Grundschulalter mit Körpermodifizierung in Berührung – Baleas Mutter ließ ihr die Ohren operativ anlegen, Andrea stach sich und ihren Mitschülern Ohrlöcher und Tinten-Tattoos. Narben zu machen ist für Andrea heute gleichzeitig Beruf und Berufung und beide Frauen lehnen die Einengung von Bodymodification auf „extreme“ Praxen ab. Kontaktlinsen, künstliche Nägel oder Zahnbleaching gehören für sie genauso dazu. Nur weil man viele Tattoos oder Piercings hat, so Balea, ist man noch lange nicht „gemoddet“.

Andrea und ihre Arbeit in ihrem Studio „Deep Metal“ in Dortmund

Körpermodifizierung trifft damit in westlichen Kulturen einen paradoxen Nerv und reiht sich ein in ein leistungszentriertes Schönheitsparadigma. Für den perfekten Körper, mehr Stimulation, Spiritualität oder Selbstverwirklichung muss man sich eben nur ein bisschen anstrengen. Doch Bodymodification befasst sich darüber hinaus auch mit Veränderungen, die weniger konsensfähig sind. Sie unterscheiden sich von gängigen Schönheitsprozeduren durch eine verantwortungsvolle und bewusste Einstellung gegenüber teils extremen, verstümmelnden oder sehr schmerzhaften Veränderungen. Andrea beobachtet so auch, dass Frauen wie Männer in ihrem Studio trotz unterschiedlichen Alters, Herkunft oder Wunsch-Modifikation eine eigenständige Vision von Schönheit hätten, die nicht einfach nur gängige alternative Beauty-Trends kopiert.

Die Reaktionen darauf können jedoch heftig sein. So berichtet Balea, dass sie in der Öffentlichkeit immer wieder heimlich fotografiert und angepöbelt, zunehmend auch angespuckt, angerempelt oder bedroht wird. Andrea erlebte ein derartiges Umschlagen von Neugier in Distanzlosigkeit ebenfalls als Punkerin in den 80ern. Im Vergleich zu damals scheinen ihr aber heute Enthemmung und Häme gegenüber Gemoddeten zuzunehmen und digitale Medien machen es schwerer, ungewollte Bilder zu löschen oder deren Zirkulation zu verhindern.

Foto (Ausschnitt): Cory Doctorow, CC BY-SA 2.0
Die Eulersche Identität. Eine Ziernarbe (Cutting) in Form der mathematischen Formel. Foto (Ausschnitt): Cory Doctorow, CC BY-SA 2.0

Can’t touch this

Gemoddeten wird auf diese Weise indirekt vorgeworfen, dass sie mit ihrem Aussehen doch nur provozieren wollten, dass es ihnen gar um größtmögliche Aufmerksamkeit und den Kick ginge. Dem ist aber nicht so. Vielmehr zeigen Übergriffe, wo die Grenzen gesellschaftlicher Toleranz heute liegen – nämlich da, wo das leistungszentrierte Schönheitsparadigma nicht mehr greift. Denn wer einfach nur für sich selbst oder eine kleine Gruppe gut aussehen und sich schön fühlen möchte, verunsichert damit jene, die sonst eher dem Mainstream folgen. Wer dabei aus den wenig flexiblen Kategorien von Fitness und Sex-Appeal ausbricht, muss sich rechtfertigen oder wird gar aggressiv bedrängt – egal ob Bodymodder, Plus-Size-Model oder Bodybuilderin.

Trotz negativer Reaktionen möchte Balea ihre Haltung aber nicht ändern: „Ich seh’s halt nicht ein, dass Leute, die ich gar nicht kenne, darauf Einfluss haben, wie ich mein Leben gestalte.“ Für Andrea ist das Problem eher berlinspezifisch – hier prallen aus ihrer Sicht ungefilterte Lebenswelten auch mal lautstark aneinander. In Dortmund suche man selbst mit Rolf Buchholz – einem ihrer Stammkunden und laut Guinnessbuch meistgepiercter Mann der Welt – lange nach Negativ-Kommentaren: „Der durchschnittliche Ruhrpott-Mensch sagt halt einfach: ‚Na solang’s ihm gefällt und mich nicht stört? Mach doch.‘“

Sylvia Lundschien

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
November 2016
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