Höher, schneller, weiter

Und ewig grüßt der Laufmuffel

Foto (Ausschnitt): Dom Pates, CC BY 2.0Foto (Ausschnitt): Dom Pates, CC BY 2.0
Foto (Ausschnitt): Dom Pates, CC BY 2.0

Ewiges Wachstum. Höchste Erkenntnis. Winken. Beflügelt und fokussiert durch alle Tage schweben. Durchs Laufen zum Kern des eigenen Selbst vordringen. Das will jádu-Autorin Maike Wetzel auch.

Was blitzt denn da im Unterholz? Ein Reh mit Signalweste? Schon ist die schnelle Läuferin vorüber gezischt. Mit frisch geröteten Wangen, lustig wippenden Pferdeschwanz und immer mit einem Lied auf den Lippen. Hopp, hopp, hopp. So sehe ich mich. In meinen Träumen.

Die Realität ist eine andere: „Triptrap springe ich vorwärts, meine Lunge rasselt, und die Schenkel werden rot wie die Sonne, die hinter der möwenumsegelten Deponie versinkt; noch ist es warm, und schnell schwitze ich wie ein Muli im Skianzug. Nach der Hälfte der Strecke werde ich von einem weitaus geübteren Laufsportler überholt. Hossa. Na warte.“ In Bezug auf mein Laufen ist diese Beschreibung weit untertrieben. Denn der Mann, der das geschrieben hat, ist der Komiker Wigald Boning. Im Gegensatz zu mir läuft er regelmäßig und hat darüber ein Buch geschrieben: Bekenntnisse eines Nachtsportlers. Boning joggt nachts, denn: „Für einen Fernsehfritzen ist es immer eine gefährliche Sache, öffentlich in Grenzbereiche vorzustoßen, weil ihm in der Grauzone zwischen Tunnelblick und Sauerstoffzelt die Kontrolle über seine mediale Performance entgleiten kann."

Kampf dem Geierhals und speckigen Schwimmreifen

Imageschaden fürchte ich nicht. Was ist dann bloß das Problem mit dem Laufen und mir? Warum kommen wir nicht zueinander? Es sollte doch so einfach sein – Laufschuhe an und los. Einen Fuß vor den anderen setzen. Und sich vom Rhinozeros in eine Gazelle verwandeln. So stelle ich es mir vor: Ich trotte, ich laufe, ich fliege. Hopp, hopp, hopp. „In den Graben und dort fraßen sie die Raben.“ Schnell lege ich die Füße wieder hoch.

Der aufrechte Gang ist das Synonym für die hohe Entwicklungsstufe des Menschen. Affenmensch, Neandertaler, Mensch. Karikaturisten zeichnen dann allerdings den gekrümmten Büromenschen als die Krönung der Evolution. Sitzen tötet. Und den Rest erledigt die Bildschirm-Apnoe. Das ist eine Tatsache. Nicht nur der Leib der Schreibtischtäter rostet. Alles welkt. Neigt. Verkümmert. Das will ich verhindern.

Aber zuerst brauche ich Futter. Ich streiche über die Buchrücken: Vom Junkie zum Ironman, Achilles‘ Verse. Mein Leben als Läufer, Born to Run: Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt, Ultramarathon Man, Laufen für Dummies. Jeder zehnte Mann scheint ein Lauf-Buch verfasst zu haben. Sogar der ehemalige deutsche Bundesaußenminister Joschka Fischer: Er nahm innerhalb eines Jahres 40 Kilo ab und schrieb Mein langer Lauf zu mir selbst.

Laufend neue Laufbücher von Männern

Dicht gefolgt werden die Jogger von den gemütlicheren, den kontemplativen Autoren, den Wanderern und Flaneuren. Allen voran der speckige Schlapphut mit dem Wanderstock, der es sogar ins Kino schaffte: Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg. Hart auf den Fersen ist ihm Paul Coelho und all die anderen Jakobsweg-Bücher. Aber nicht nur dort wird das Heil der autonomen Fortbewegung gepriesen. Der französische Schriftsteller Jean Echenoz porträtierte in Laufen die „tschechische Lokomotive“, den Läufer Emil Zátopek. Zwischen 1949 und 1955 lief er 18 Weltrekorde und gewann mit dreißig Jahren drei Goldmedaillen für die Tschechoslowakei. Sein Laufstil galt als „merkwürdig“ – schwerfällig wie eine Lokomotive. Er trug den Schmerz jedes einzelnen Meters im Gesicht. Wie er so gewinnen konnte, war vielen ein Rätsel. Nur russischen Ärzten nicht: „Emil ist ein guter Kommunist, und das ändert alles.“ Der Regisseur Werner Herzog berichtete schon 1974 über sein Gehen im Eis, seinen Fußweg von Bayern nach Paris. Jüngst erschien etwa Robert Macfarlanes Alte Wege. David Wagner und Albrecht Selge spazieren durch Berlin, unzählige Autoren durch Paris oder Rom. Laufbücher sind Sehnsuchtsbücher, die en passant Weisheiten vermitteln und porentiefgereinigte Personen präsentieren. Frauen sind in diesem Genre deutlich in der Unterzahl. Vielleicht liegt darin die Erklärung für meine Unlust? Aber verpasse ich nicht doch etwas?

Nachdem ich Haruki Murakamis Bericht Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede verschlungen habe, werde ich diesen Verdacht nicht wieder los. Darin schreibt er: „Über zwanzig Jahre Langstrecke zu laufen hat mich stärker gemacht, sowohl körperlich als auch emotional.“ Toll. Ewiges Wachstum. Höchste Erkenntnis. Winken. Beflügelt und fokussiert durch alle Tage schweben. Durchs Laufen zum Kern des eigenen Selbst vordringen. Das will ich auch.

Also versuche ich es noch einmal: Ich wähle meine Kleidung gemäß der Witterung. Ich schnüre meine Schuhe nach allen Regeln der Läuferkunst. Ich sorge für gute Musik. Der Park liegt vor der Tür. Ich beschließe, es nicht zu übertreiben. Kein Intervalltraining. Keine Hügel. Kein Sparring-Partner. Ich laufe los. Ohne zu stolpern, ohne zu hasten. Konzentriere mich auf jeden einzelnen Schritt. Dann auf die Umgebung. Dann auf meinen Atem. Doch in meinem Inneren pocht die Erkenntnis: Laufen ist einfach schrecklich, schrecklich langweilig.

Zum Glück gibt es Schwimmbäder. In der einsamen, blauen Leere eines Pools habe ich mich komischerweise noch nie gelangweilt. Dafür stört mich aber das Chlor, der Eintritt und außerdem bin ich sowieso meistens verschnupft. Also: Lieber keinen Sport. Gibt es nicht gesündere und unterhaltsamere Arten, um sich fertig zu machen? Lasst es mich wissen, wenn Euch etwas Unaufwändiges einfällt.

Maike Wetzel.

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Mai 2016

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