Utopie

„Ich will den Musen dienen“

Foto: © Lukas BeckOndřej Cikán, Foto: © Lukas Beck

Der Schriftsteller Ondřej Cikán hat seinen neuen Roman „Der Reisende“ vorgelegt. Im Interview spricht er über Figuren, die wie Atombombentests heißen – und wie viel der fiktionale Weltuntergang in seinem Roman mit der Realität zu tun hat.

Man kennt von dir ja eher Literatur, die sich mit der Vergangenheit befasst. Was hat dich dazu gebracht, über die Zukunft zu schreiben?

Ich will die Leser so heftig wie möglich zu berühren, und zwar mit allen Mitteln: dazu gehört auch das Spiel mit den Genres. In meinem neuen Roman Der Reisende wird dem Helden ein zweites Leben aufgezwungen. Er muss sich zusammenreißen, um seinem neuen Leben einen Sinn zu verleihen. Dafür ist die Landschaft des atomaren Winters ein unterstützendes Bild. Die postapokalyptische Welt, die ich da entworfen habe, erlaubt es mir durchzuspielen, wozu Menschen in der Lage sein können, wenn sie nach einem Weltuntergang neue Gesellschaftsformen entwickeln.

Anders als viele Sci-Fi- und Fantasy-Autoren hast du einigen deiner Figuren ganz gewöhnliche Namen gegeben. Warum eigentlich?

Herman, der Erzähler, ist zwar in seinem neuen Leben ein beinahe unbesiegbarer Mutant, aber in seinem ersten Leben war er ein gewöhnlicher Gefängniswärter. Ich versuche auf verschiedene Arten zu erzwingen, dass sich die Leserinnen und Leser mit ihm identifizieren. So habe ich ihm einen gewöhnlichen Namen verpasst und über weite Strecken eine einfache Sprache in den Mund gelegt. Nur wenn er halluziniert, wechselt er ins Poetische. Andere Personen, wie zum Beispiel die drei Töchter des Wächters der Zeit, sind aber nach amerikanischen Atombombentests benannt.

© edition aWie viel Bezug zur Realität steckt für dich in deinem Entwurf eines Szenarios mit Mutanten und Parallelwelten?

Sobald man sich von einer dokumentaristischen Erzählweise verabschiedet, eröffnen sich Möglichkeiten, zeitgenössische Begebenheiten auf unverbrauchte Weise anzusprechen, ohne dabei belehrend zu wirken. Wenn sich jemand mit realem Krieg befassen will, wird er durch Berichte von Menschenrechtsorganisationen besser informiert als durch die Literatur. Sie muss die Realität abschwächen, um keinen Brechreiz auszulösen. Zugleich will ich die Leserinnen und Leser die Geschichte miterleben lassen. Wenn ich also eine Person erschaffe, die sich zwingen muss, am Leben zu bleiben, die Angst hat, falsche Entscheidungen zu treffen und sich zugleich an Erinnerungen an ein kleines Töchterchen klammert, dann ist ein kräftiger Mutant, glaube ich, keine schlechte Wahl. So ergeben sich Kontraste und die Person wird nachvollziehbar, obwohl oder eben weil sie nicht realistisch gezeichnet ist.

Du sagst, dass du dich von zeitgenössischen Begebenheiten beeinflussen lässt. Siehst du einen Zusammenhang zwischen der Science-Fiction-Literatur, die oft mit dem Motiv einander bekämpfender Völker arbeitet, und den aktuellen Populismusbewegungen?

Der Populismus ist so gefährlich, weil er fast ausschließlich mit Feindbildern, Angst und Hass arbeitet. Sobald sich diese Feindbilder in einer Gesellschaft etabliert haben, wird man sie kaum noch los, weil sie auf Gefühlen und nicht auf Fakten basieren. Dieses Phänomen lässt sich fast auf der ganzen Welt beobachten, auch in Österreich und der Tschechischen Republik. Gehirnwäsche und Hass spielen in meinem neuen Roman eine große Rolle, aber: Veritas omnia vincit. Omnia vincit amor.

Wo siehst du deine Rolle als Schriftsteller in einer Zeit, in der Populisten und Extremisten an Zuwachs gewinnen – gerade auch in Österreich?

In den Ausschreibungen zu österreichischen Kunststipendien steht immer, dass nur Werke als förderungswürdig anzusehen seien, die sich mit „gesellschaftspolitisch relevanten Themen“ auseinandersetzen. Obwohl auch ich im Rahmen meines Abenteuerromans aktuelle Themen behandle, sehe ich meine Rolle vor allem darin, den Musen zu dienen. Das bedeutet, dass ich es mir erlaube, die Extremisten mal zu ignorieren, um die Gesellschaft lieber mit einem klanglich ausgefeilten Liebesgedicht auf erfreuliche Ideen zu bringen. Josef Čapek soll sinngemäß gesagt haben, dass ausgerechnet in schlimmen Zeiten eine Rückkehr zur Kindlichkeit angebracht ist. Selbst in meinem düsteren neuen Roman habe ich diesen Grundsatz über weite Strecken befolgt. Der atomare Winter dient mir da und dort als genaues Gegenteil zum Mai von Karel Hynek Mácha. Während Mácha den erwachenden Frühling beschreibt, um ihn mit Tod und Verzweiflung zu kontrastieren, lasse ich meinen Erzähler die Landschaft des Fallout mal als das Leben und die Freude selbst beschreiben.

Dein Buch spielt in einer Zeit nach einem verheerenden Atomkrieg. Treibt dich die Angst um, dass es in unserer Zeit zu einem solchen Krieg kommen könnte?

Eigentlich nicht, ich bin meistens optimistisch. Andererseits hat China durch seine Expansionspläne im Südchinesischen Meer wieder für ein beachtliches Wettrüsten gesorgt. Und Russland arbeitet mithilfe unserer europäischen Populisten daran, die EU zu destabilisieren: Das dürfen wir nicht geschehen lassen.

Du arbeitest wissenschaftlich zu antiken und byzantinischen Abenteuerromanen. Kannte die antike Literatur auch dystopische Handlungen?

In der antiken Literatur gibt es alles. Nur kam ich leider nicht dazu, alles zu lesen. Jedenfalls habe ich auch für Den Reisenden viel aus antiken Quellen geschöpft. Erstens zitiere ich viel die Bibel, insbesondere die Apokalypse und ein paar Propheten aus dem Alten Testament. Dann habe ich viele Bilder aus den antiken Darstellungen des Totenreichs übernommen. Und schließlich sahen die zwei großen griechischen Historiker Herodot und Thukydides die Perserkriege beziehungsweise den Peloponnesischen Krieg als etwas an, das die Welt in die Nähe ihres Untergangs gebracht hatte. Von diesen beiden habe ich also auch einiges übernommen. Beschreibe ich jetzt also die Zukunft oder doch wieder die Vergangenheit? Wer kann’s unterscheiden?

Lateinisch für: Die Wahrheit siegt über alles. Über alles siegt die Liebe.

Der erste Satz stammt vom Reformator Jan Hus und ist der Wahlspruch der Tschechischen Republik. Der zweite Satz war der Wahlspruch vieler Ritter und Minnesänger und stammt von Vergil. Václav Havel hat die beiden Sätze zusammengefügt und erweitert: „Wahrheit und Liebe werden siegen über Lüge und Hass“.
Das Interview führte Isabelle Daniel.

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
März 2017

    Ondřej Cikán

    Ondřej Cikán, geboren 1985 in Prag, lebt seit 1991 in Wien. Sein neuer Roman Der Reisende – Band 1: Du bist die Finsternis erschien im März 2017 im Wiener Verlag edition a en. Cikán ist Dichter, Filmregisseur und Übersetzer. Zugleich schreibt er eine Dissertation über antike und byzantinische Abenteuerromane an der Universität Wien. Gemeinsam mit Anatol Vitouch und Antonín Šilar gründete er die Literaturgruppe „Die Gruppe“.  

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