Zahn der Zeit

If it’s verboten it’s got to be fun

Foto: © Ciarán Fahey | Abandoned BerlinFoto: © Ciarán Fahey | Abandoned Berlin
Foto: © Ciarán Fahey | Abandoned Berlin

Der irischstämmige Blogger Ciarán Fahey alias Spudnik erkundet und dokumentiert verlassene Orte in Berlin. Das ist nicht immer ganz ungefährlich auch nicht immer legal. jádu-Autorin Maike Wetzel wagte sich dennoch mit Spudnik auf einen „field trip“ ins verfallene Böhmische Brauhaus in Berlin-Friedrichshain.

Eine riesige, schlammige Brache, Graffitis auf mürben Backstein, Tauben, die in Mauerresten nisten – so rottet sie vor sich hin, die ehemalige Böhmische Brauerei in Friedrichshain. Betreten verboten – Eltern haften für ihre Kinder. Spudnik und ich stehen vor dem Schild am Absperrzaun. Ein Hops und wir sind drüben. War gar nicht schwer – mein erster Einbruch. Aber das Aufregendste kommt ja noch: Der Haupteingang zu dem Gebäude ist verschlossen. Doch der Einstieg zum Keller ist frei. Während wir uns mit einer Taschenlampe durch das feuchte, unterirdische Labyrinth tasten, unterhalten wir uns.

Du hast in deinem Blog schon 46 verlassene, abgesperrte Orte dokumentiert. Die Unterzeile lautet: If it’s verboten it’s got to be fun. Geht es dir um den Kick des Landfriedensbruchs oder stehst du einfach auf Spinnweben?

„Allein irgendwo einzusteigen, hat schon seinen Reiz – vor allem, weil ich als exklusiver Besucher einen Ort oder ein Gebäude ganz anders erfahren kann, als wenn ich mit einer Gruppe dort wäre. Es ist aufregender, aber auch konzentrierter und ich kann besser fotografieren. Aber vor allem kriege ich mehr von der Atmosphäre eines Ortes mit, wenn ich ganz allein dort bin. Und es ist gruseliger. Jedes Eichhörnchen, das durchs Laub huscht, wird dann zum Gespenst. Einmal, als ich in einem verlassenen U-Boot-Bunker war, hab ich mir auch eingebildet, Stimmen zu hören. Da wusste ich: Jetzt ist es Zeit, wieder ans Tageslicht zu gehen. Außerdem nehme ich meistens niemanden mit, weil der Besuch verfallener Gebäude nicht ungefährlich ist. Ich möchte nicht für Hals- oder Beinbruch anderer verantwortlich sein.“

Ist dir denn schon mal etwas passiert?

„Nein, aber beinahe – gerade als ich einen Raum verlassen hatte, brach das Dach darüber zusammen. Das war haarscharf. Zwei, dreimal bin ich auch auf Wachpersonal gestoßen. Das waren zum Teil aufregende Verfolgungsjagden, bei denen ich nicht immer der Schnellere war. Aber sobald sie merken, dass ich nur Fotos machen will und nichts zerstöre, lassen sie mich laufen.“


In deinem Blog schreibst du über deine Motivation: „The buildings may be falling down, vandalized and abused, but they maintain stoic dignity through the dust and decay. They want visitors! They want to share their memories!“ Fühlst du dich als Denkmalschützer?

„In Berlin erscheint mir der Denkmalschutz oft als Feigenblatt – Gebäude werden amtlich unter Schutz gestellt und danach einfach ihrem Schicksal überlassen. Natürlich bleibt nichts wie es ist. Das ist der Lauf der Welt. Aber ich finde es schade, dass die Verbindungen ins Gestern einfach ausradiert und durch Shopping Malls ersetzt werden. Warum gibt es Orte wie das Tacheles oder den Palast der Republik nicht mehr? Ich liebe Berlin, aber Berlin liebt seine Geschichte nicht. Aus diesem Grund fühlen sich meine heimlichen Besuche manchmal an, wie ein Wettlauf gegen die Zeit. Große Teile eines meiner Lieblingsorte, der ehemaligen sowjetischen Kaserne in Vogelsang, existieren zum Beispiel nicht mehr. Sie wurden platt gemacht. Mir geht es darum diese Orte zu dokumentieren. Ich besuche sie, recherchiere und schreibe ihre Geschichte auf.“

Wir stehen inzwischen auf dem Dach der Böhmischen Brauerei und genießen den Panoramablick über den Volkspark Friedrichshain hin zum Alex und zur Karl-Marx-Allee. Ein paar Spraydosen liegen in der Ecke. Der hohe Schornsteinturm ragt vor uns empor. Auf der Brache unten führt eine weitere, ungebetene Besucherin ihren Hund spazieren. Auf dem Balkon eines der umliegenden Häuser baut sich eine betagte Berlinerin mit in die Hüften gestemmten Händen auf. Obwohl wir niemanden belästigen und nichts beschädigen, scheint sie das unbefugte Betreten als persönlichen Affront zu empfinden. „World’s Saddest Bohemian Brewery“ nennt Ciarán Fahey den Gebäudekomplex in seinem Blog. Und empfiehlt: Bring your other half to enjoy a romantic sunset (be careful!) or your art class to add characters to the walls.

Hast du einen Lieblingsort?

„Vielleicht den Spreepark – das war auch der Anfang von allem. Als ich den entdeckte, stand ich lang draußen vor dem Zaun und dachte: Irre, dass dieser Vergnügungspark vor sich hin gammelt. Eines Tages bin ich einfach rein. Das Riesenrad knarrte, Rascheln im Gebüsch. Ich mochte diese verwunschene Stimmung. Also schrieb ich mein Erlebnis auf. Später kamen weitere Orte hinzu und ich startete Abandoned Berlin und merkte: Hey, du triffst da einen Nerv. Das Ding ging durch die Decke.“

Gehen dir nicht langsam die Orte für deinen Blog aus?

„Ich hab eine lange Liste von Plätzen, die ich noch besuchen will. Ich bekomme ständig neue Empfehlungen. Zuletzt habe ich zum Beispiel das Blub in Neukölln besucht. Das Schwimmbad wurde erst 2005 geschlossen. Ständig geht irgendein Betrieb bankrott und hinterlässt eine reizvolle Ruine. Deshalb werden mir nie die verlassenen Orte ausgehen. Momentan warte ich eigentlich nur darauf, dass die Baustelle des neuen Berliner Flughafens endlich aufgegeben wird. Das wäre ein Paradies für mich.“

Das Interview führte Maike Wetzel.

Copyright: jádu / Goethe-Institut Prag
März 2015
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Abandoned Berlin

Schon ein Jahr nach seinem Umzug von Irland nach Berlin im Jahr 2008 erlag Ciarán Fahey dem morbiden Charme ehemaliger Vergnügungsparks, stillgelegter Fabriken und Krankenhäuser oder nicht mehr genutzter Militäranlagen. Als Spudnik bloggt Fahey seit 2009 auf Abandoned Berlin über seine Streifzüge durch die urbanen Ruinen der deutschen Hauptstadt.

Ciarán Fahey ist Sportjournalist, den Blog Abandoned Berlin betreibt er eigentlich nur nebenbei. Doch das Interesse ist riesig: Rund 5000 Klicks pro Tag und täglich neue Kommentare. Neben lustigen Texten und atmosphärischen Bildern bietet Fahey alias Spudnik auf Abandoned Berlin auch praktische Hinweise für alle, die ihm nacheifern wollen.

Der britische Guardian kürte Abandoned Berlin gerade zu einem der besten Blogs der Welt – als einzigen in Deutschland. Ende Februar 2015 erschien im Be.Bra Verlag das Buch zum Blog auf Deutsch und Englisch: Verlassene Orte/Abandoned Berlin. Ruinen und Relikte in Berlin und Umgebung.

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