Essays

JENSEITS VON SANGAM, AKAM UND PURAM — NEUE STIMMEN IN DER TAMILISCHEN LYRIK — Teil 1

Buchcover: Penguin Random House IndiaAuszug aus der Einführung zu Rapids of a Great River: The Penguin Book of Tamil Poetry.

Herausgegeben von Lakshmi Holmström, Subashree Krishnaswamy und K. Srilata.

Die tamilischen Dichter von heute haben sich von traditionellen Formen der Prosodie befreit und sich von der konventionellen lyrischen Sprache und Diktion verabschiedet; neue poetische Stimmen werden laut; sie wenden sich an ein breites Publikum, das sich der modernen Welt zugehörig fühlt und sich vornehmlich für politische und gesellschaftliche Fragestellungen interessiert. Trotz dieses tiefgreifenden, stilistischen Wandels haben sich einige konventionelle poetische Kategorien, wie z.B. akam und puram, gehalten. Auch Landschaftsbilder oder die Bhakti-Tradition üben weiterhin einen bedeutenden Einfluss auf die zeitgenössische Dichtung aus.

Als Visionär und Nationalist bewegte sich der vielseitig begabte Bharati (1882–1921) mit treffsicherer Leichtigkeit zwischen den klassischen und folkloristischen Traditionen. Er war einer der ersten modernen tamilischen Lyriker, die ein breites Publikum erreichten. Mit seinen leidenschaftlich vorgetragenen, nationalistischen Idealen, seinem Plädoyer für Mystik und Metaphysik, seinem Glauben an die Gleichheit der Menschen jenseits von Kaste und Geschlecht, und seiner an Walt Whitman erinnernden Extravaganz war er bei Alt und Jung gleichermaßen beliebt. Er verstarb relativ früh, aber er hinterließ ein beachtliches Werk.

Bharati experimentierte mit einer ganzen Reihe traditioneller Genres, unter anderem mit dem Volkslied. Seine Lieder über die Befreiung von der Kolonialherrschaft, über Kaste, Geschlecht und die Würde der Bauern wurden in den 30er und 40er Jahren in ganz Tamil Nadu gesungen und inspirierten Generationen junger Tamilen. Daneben verfasste er auch spirituelle Lieder, die in ihrer Schlichtheit sehr bewegen und bis heute geschätzt und gesungen werden. Seine Kannan paattu (Krishna-Lieder), von denen wir zwei in diese Anthologie aufgenommen haben, sind von den Vaisnava Alvars (Hymnendichtern) des 8. Jahrhunderts beeinflusst. Mit ihrer Vermenschlichung des Göttlichen stehen sie in der Tradition des Bhakti und versinnbildlichen die Beziehung zwischen dem (auch spirituell) suchenden Dichter und dem Göttlichen. In ‚Nanda Lala‘, das wie so viele von Bharatis Liedern vertont wurde, beschreibt das lyrische Ich in einer besonders erlesenen Metapher die Ekstase und den Schmerz des Verliebtseins ins Göttliche.

Um die Jahrhundertwende machten sich zunehmend westliche Einflüsse auf regionale Genres in Indien bemerkbar; im ganzen Land wurden Romane und Kurzgeschichten geschrieben. Der belesene Bharati las die englischen Romantiker und die amerikanischen und englischen Modernisten. Whitman hatte es ihm besonders angetan. Auch Tagore hatte einen großen Einfluss auf sein Werk. Obwohl er an die traditionelle tamilische Lyrik und deren Konventionen anknüpfte und in der alten tamilischen Grammatik bewandert war, empfand auch Bharati den freien Vers, der mit den strengen, oft beengenden, metrischen Regeln brach, als befreiend.

Mutig und offen für Experimente war er der erste tamilische Lyriker, der Prosagedichte verfasste (vasana kavithaigal). Seine Wind-Gedichte, die als besonders gelungene Prosagedichte gelten, sind auf einem kodifizierten, metrischen System und überlieferten Regeln der Prosodie aufgebaut. Für die vorliegende Anthologie haben wir das Gedicht „Wind 9“ 1ausgewählt, das aufgrund seiner umgangssprachlichen Diktion und thematischen Vielschichtigkeit aus dem Korpus heraussticht.

Es beginnt mit dem sanften, scheltenden Ton, wobei sich das lyrische Ich direkt an den Wind wendet und mit ihm spricht wie mit einem ungezogenen, nervenden aber vertrauten Freund. „Schau, was Du getan hast“, beschwert sich der Sprecher, „Du hast [die Bücher] heruntergeschmissen“. Aber in dem Gedicht geht es um mehr: Bharatis Zeilen sind eine Mahnung an seine Landsleute in Zeiten des Wandels. Das Gedicht schließt mit einer Lobpreisung des Windgottes, der auch mehr ist als ein gewöhnlicher Freund.

Nach Bharatis brillanten Experimenten musste die Tamil-Lyrik bis in die 1940er Jahre warten, bevor man wieder Innovationen in poetischer Diktion und Tonlage wagte. Die Lyrikanthologie udukuralgal (neue Stimme), die im Jahr 1963 veröffentlicht und von Si.Su. Chellappa herausgegeben wurde, markiert einen Meilenstein in der tamilischen Literaturgeschichte, da sie die Entwicklung der modernen tamilischen Dichtung nach Bharati dokumentiert. Neben den Gedichten von Pichamurti und Ku.Pa. Rajagopalan, die sich schon in den 40ern und 50ern einen Namen gemacht hatten, waren die meisten dieser in der Anthologie abgedruckten 63 Gedichte bereits in der Zeitschrift Ezhuttu (Schreiben) erschienen, die Chellappa nach 1959 eigenhändig herausgegeben hatte. Diese Gedichte repräsentieren eine neue literarische Bewegung und ein neues modernes Selbstbewusstsein.

Chellappas Einleitung zu seiner Pudukuralgal (1963) betitelten Anthologie stellt dabei eine Art Manifest für diese neue Dichtergeneration dar. Chellappa zieht eine direkte Linie zu den literarischen Experimenten des Bharati, verweist aber gleichzeitig auf die Einflüsse der Imagisten, Ezra Pound und anderer, sowie auf französische Experimente mit dem „vers libre“. Er hebt den Einfluss neuerer künstlerischer Avantgarde-Bewegungen hervor, z.B. Surrealismus und abstrakte Kunst, die neue Arten der sprachlichen Visualisierung inspirierten. Er macht sich stark für den freien Vers, wie ihn diese neuen Dichter praktizieren, und er verteidigt ihre Verslängen, die sich eher am Rhythmus der gesprochenen Sprache und am natürlichen Gedankenfluss orientieren als an metrischen Regeln und Reimschemata. Er lenkt den Blick auf neue poetische Themen, wie z.B. das neue Interesse an Subjektivität und psychologischer Wahrheit, und das Verständnis einer Welt im Wandel, in der neue Wissensformen neue Perspektiven auf Raum und Zeit eröffnen.

Die Ezhuttu Dichter — unter diesem Namen wurden sie bekannt — erfreuten sich beim breiten Publikum großer Beliebtheit und wurden für ihre lebendige, intensive und ungewöhnliche Bildsprache und Direktheit geschätzt, die noch frei war von ideologischem Ballast. Diese Lyrik hatte sich sich von althergebrachten Konventionen befreit aber schuf neue poetische Formen, die sich dazu eigneten, subtile Feinheiten und lyrische Qualitäten zum Vorschein zu bringen. Natürliche Pausen und Momente des Schweigens wurden hier als poetische Mittel eingesetzt. Dabei hat jeder einzelne Dichter natürlich seine eigene, unverwechselbare Stimme. In Pudukuralgal waren unter anderem auch die Werke von Sundara Ramaswamy Na. Pichamurti, Si. Mani, T.K. Doraiswamy (Nakulan), S. Vaidheeswaran, und Chellappa selbst vertreten. Viele dieser Dichter werden heute als literarische Größen der Tamil-Lyrik gefeiert.

Die neue Ausdrucksweise und den neuen Duktus, den Chellappa diesen Dichtern zuschreibt, beherrscht Pichamurti, der früheste Vertreter dieser Generation, wie kein anderer. So wird zum Beispiel in seinem Gedicht ‚Bayam' (Angst) das Bild der Tür zu einer erweiterten Metapher, die mehrere Bedeutungsebenen enthält. Die Tür steht dabei natürlich auch für den Geist, bzw. dessen mangelnde Offenheit:

Wenn sie geöffnet ist,
wird dann nicht das Licht wie eine Kuh über uns alle hinweg grasen,
und uns nichts übrig lassen?

(Bayam, ins Englische übersetzt von Lakshmi Holmström, Subashree Krishnaswamy und K. Srilata)

Verweise

  1. Bharathi – Vasana Kavithai’s Wind – Part 9 (full poem): http://www.lyricaldelights.com/2016/04/16/bharathi-vasana-kavithai-wind-part-9/
Der Textauszug wurde mit Genehmigung von Penguin Random House India ins Deutsche übersetzt und hier wiedergegeben