Chronik

Notizen aus Deutschland

Harish Meenashru  - Foto: Goethe-Institut
Foto: Literaturhaus Villa Augustin

Als ich in Leipzig ankomme, wartete meine Kollegin Sridala Swami bereits auf mich… während unser einheimischer Gastgeber scheinbar nirgends aufzufinden ist. Warten auf Godot. Zwei Dichter auf der Suche nach ihrem Gastgeber. Zu unserem großen Glück finden wir zufälligerweise einen Herren, der auf einen anderen Gast wartet und auf unsere Bitte hin liebenswürdigerweise einwilligt unseren Gastgeber zu kontaktieren.

Schon bald finden wir heraus, dass Jan, unser Gastgeber, die Daten unserer Ankunft verwechselt hat. Er bat uns nun uns selbst auf den Weg zum Hauptbahnhof zu machen. Arme Dichter! Aber Fortuna meint es gut mit uns. Der Herr ist gewillt und begeistert uns mit zum Bahnhof zu nehmen. Unser erster Tag in Deutschland und wir finden uns in einer typischen Lost & Found Sage. Zurück zu Hause, wenn ich meinen Enkeln von diesem Märchen erzähle, werde ich damit prahlen einen Engel ohne weißgefederte Flügel gesehen zu haben.

Als ich später am Tag in Dresden ankomme, ist es entgegen meiner Erwartungen warm und sonnig (Meine Taschen sind mit Winterklamotten vollgepackt). Andrea O’Brien wartet schon an der Zugstation auf uns um uns zu begrüßen und uns zum Hotel mitzunehmen. Sie ist eine nette Dame, elegant, pünktlich und sehr Gastfreundlich.

Der Slogan des Motel One ist „Großartiges Design für kleines Geld”. Es ist ruhig, kühl und behaglich. So behaglich, dass ich mich einmal schnell zur Seite bewegte um eine Kollision mit jemand anderem zu verhindern und mich entschuldigte… bei meinem Spiegelbild.

Der warme Sommertag hat sich in eine kalte Winternacht gewandelt. Die Einheimischen würden das Adjektiv kalt vielleicht als falsch ansehen. Sie bevorzugen angenehm. Für mich jedoch, war es fürchterlich. Frierend und zitternd eilte ich wie ein Mitternachtsgeist zur Rezeption und bat um einen weiteren Heizkörper um meinen Raum aufzuwärmen. Aber aus irgendeinem Grund war dies nicht möglich. Ich nahm zwei weitere Decken, wickelte mich in eine Doppellage Thermounterwäsche und vergrub mich unter ihnen. Es war ein Alptraum. Ich denke ich sollte auf ein paar weitere Nächte wie diese vorbereit sein.

Während der nächsten zwei sonnigen Tage besuchten wir mit Andrea die Altstadt in Dresden. Dresden ist eine faszinierende Stadt mit schönen Gebäuden, Kunstschätzen, und großartigen Museen. Trotz der Zerstörung während des 2. Weltkrieges, hat die Stadt ihre prachtvolle barocke architektonische Herrlichkeit und Anmut, die an feines Porzellan erinnert, wiedererlangt. Jahrhunderte sind von ihren porösen, vom bösen Auge der Zeit schwarzgefärbten Steinen aufgesaugt worden. Wir gehen über eine Brücke, die über das schimmernde Wasser der Elbe führt. Zu meiner Überraschung finde ich einen eisernen Deckel mit dem Schriftzug „AUM“ auf der Straße! Erfreulicher ist die Tatsache, dass es keine menschengemachtes Flussufer gibt an dem Natur nicht natürlich sein darf. Parallel zum Fluss befindet sich ein Fußweg. Während wir auf diesem spazieren, können wir beinahe hören wie der Fluss seine Liebe zu uns durch den Wind gesteht.

Rad fahren scheint ein selbstverständliches Hobby in diesem Land zu sein. Und was ist das für ein lustiges Gefährt? Es ist ein komplexes Fahrrad: 7-8 Leute fahren, kichernd und strampelnd darauf umher. Ich fühle mich auch nach „kichern und strampeln“.

Abends, treffen wir uns zum Abendessen mit Bettina und Jansen in einem vegetarischen Restaurant. Die beiden unterrichten an einem Bildungsintitut und wirken nachdenklich, wenn sie über das Bildungssystem reden. Ich bin begeistert darüber, die deutsche Version von köstlichem Pakoda mit einem besonderem Chutney zu essen.

Am 15. genießen wir einen langen Spaziergang mit Uta Hauthal, einer ruhigen, einheimischen Dichterin und Sängerin. Gestern spazierten wir auf der Brücke über den Fluss, heute befinden wir uns unter ihr und parallel zum Fluss. Wir sehen einen großen alten Baum, der vielleicht die Ur-Urgroßväterliche Gestalt Dresdens symbolisiert, die all das Gute und Schlechte der Geschichte der Stadt erlebt hat! Man braucht mindestens 3-4 Leute um den Baum zu umfassen.

Mir wird gesagt, dass Bettina und Uta die Lesung im Literaturhaus, Villa Augustine gemeinsam moderieren werden.

15.09.2016 Literaturhaus, Villa Augustine
Es ist eine wunderschöne Villa umgeben von Grün und durch ihre Lage genau am Rand der Stadt erscheint die Villa weit weg von dieser zu sein. Ein paar Bänke sind auf dem Anwesen verteilt, ein ruhiger und heiterer Ort, genau passend um über den Charme von Sprache und Poesie nachzusinnen. Ich treffe Thomas Kunst, einen alten Freund von mir, der zudem mein deutscher counterpart während des PTP Events im Juli letzten Jahres war . Ich treffe außerdem Sylvia Geist, die mir noch nicht bekannt ist. Was haben wir gemeinsam? Chemie und Poesie! Was unterscheidet uns: „Rauchige“ Worte! Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Es war eine kleine Gruppe von Poesieliebhabern, die gespannt darauf waren den Klang einer neuen, ungewöhnlichen und fremden Sprache – in diesem Fall Gujarati – zu hören und zu fühlen. Sridala schreibt auf Englisch, wodurch sie den Vorteil hatte in einer global genutzten Sprache zu rezitieren die zwischen den beiden fremden Sprachen zu vermitteln. Es wahr wirklich eine angenehme Überraschung für mich, zumindest ein Mädchen aus meiner Gegend in Gujarat im Publikum zu finden. Sie war die einzige „ gesegnete Seele“ an diesem Tag die Zugang zu allen drei Sprachen hatte: Deutsch, Gujarati und Englisch! Sie war sehr glücklich mit der „PTP“ Erfahrung und dem poetischen Ergebnis!

16.09.2016 Leipzig Ein wolkiger Tag setzt einen Schlusspunkt hinter den Sommer 2016! Abends hatte es zu regnen angefangen. Die Stadt ist kühler und feuchter geworden. Wir warteten in Jan Kuhlboardt’s Haus. Wir trafen seine Tochter und sahen einen Hibiscus im Blumentopf im Garten. Ich erzählte ihm, dass wir dies auf Gujarati „Jasud“ nennen. Es war weder deutsch noch indisch, einfach Jasud!

Die Veranstaltung fand im Deutschen Literaturinstitut auf dem Universitätsgelände am Rande der Stadt statt. Das neue Semester hat noch nicht begonnen, deshalb sind nur wenige Studenten dort. Das Wetter ist unfreundlich und in der Stadt war starker Verkehr. Vielleicht hatte all dies Einfluss auf unsere Veranstaltung und hatte die Gruppe unserer Zuhörer geschrumpft.

Es ist Zeit Lebwohl zu sagen. Regen erwartet mich in meiner Heimatstadt, so wurde ich von meiner Familie per Facetime informiert.
Ist es dieselbe Leipziger Wolke die es in Mumbai schütten lässt? Ist es der gleiche Himmel der in unseren Herzen, hier und dort, Gedichte komponiert?

Harish Meenashru
Leipzig-Dresden, den 14.September 2016