Das Paris des Nordens ?

Paris des Nordens ? - Das nicht wieder aufgebaute Warschau



Nördliche Seite des Theaterplatzes in Warschau


Die Tabula rasa Warschau schien frei von den Fesseln der Nostalgie zu sein. Trotzdem verfestigte sich 1945 gleichzeitig mit dem Versprechen der neuen Stadt der Mythos der Alten; das Gefühl, dass es besser wäre, wenn es wieder so wäre wie vor dem Krieg. Damit Hand in Hand geht die These, dass die Nachkriegsstadtplaner eigentlich mehr abgerissen als aufgebaut haben. Dies nährt die Überzeugung, dass, wenn wir noch ein paar Denkmäler wiederaufbauen, es wieder so sein wird, wie vor dem Krieg im „Paris des Nordens“. Dieser „kulturelle Pessimismus“ und die ewige menschliche Sehnsucht nach dem „Goldenen Zeitalter” geboten noch sechzig Jahre nach dem Krieg, das Rathaus (das Palais der Familie Jabłonowski) und die Andreaskirche am Theaterplatz wiederaufzubauen. Und es stört niemanden, dass die Kirche ein paar Meter kürzer ist als vor dem Krieg, denn dort, wo sich einst das Presbyterium befunden hatte, war in den Sechzigerjahren ein Wohnblock gebaut worden. Die Phantome der nicht wiederaufgebauten Gebäude haben einen Einfluss auf die Gestalt der neuen Architektur. Das Metropolitan-Gebäude von Norman Foster scheint ebenfalls mit dem Gedanken entworfen worden zu sein, dass die an das Gebäude grenzenden Schlösser, nämlich das Sächsische Palais und das Brühl‘sche Palais, wieder rekonstruiert werden würden (das Projekt ist vorerst bis mindestens 2012 aufgeschoben).

Es besteht auch das – angesichts der Überzeugungskraft des Geldes – häufig erfolglose Bestreben, der neuen Bebauung „die traditionelle Traufhöhe“ zu geben. Das sind angeblich sieben Stockwerke, über 20 Meter, also die Höhe, die die Bürgerhäuser am Vorabend des Ersten Weltkriegs besessen hatten. Diese „Warschauer Höhe“ werden das Museum für Moderne Kunst und womöglich auch andere Gebäude haben, die zu Füßen des Kulturpalastes entstehen werden. Manchmal wird auch vorgeschlagen, nach dem Krieg gebaute Gebäude abzureißen, um das Aussehen der Vorkriegsstadt wiederherzustellen, wie zum Beispiel die Warenhäuser „Centrum“ in der Marszałkowska-Straße. Oder man schafft geradezu kleine „Disneylands“, wie zum Beispiel entlang der Jerozolimskie-Allee am Kulturpalast. Dort entstand eine Ansammlung von Replikaten von Bürgerhäusern aus verschiedenen Teilen der Stadt, die nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut worden waren. Zum Glück bewirkt diese Nostalgie, dass nur solche Orte wie das Städtchen Wilanów entstehen – ein völlig neuer Stadtteil in den Vororten mit einer mehrere Stockwerke hohen Bebauung, deren Stil an die Dreißigerjahre anknüpft, unter anderem auch mit Replikaten alter Laternen.