Architektur: Filmporträts ausgewählter Bauten in Deutschland

Die Zentralbibliothek in Ulm – eine gläserne Pyramide

Die Zentralbibliothek liegt mitten in der historischen Altstadt von Ulm und lädt – untergebracht in einer über 35 Meter hohen Pyramide mit gläsernen Außenwänden – die ganze Stadt zur Kommunikation ein.

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Konzept/Kamera/Schnitt: Andreas Christoph Schmidt/Michael Auer, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2008

„Die Bibliothek ist im Unterschied zu früheren Bibliotheksbauten, die wertvolle Bestände zu hüten hatten – wobei die Allgemeinheit stets ausgeschlossen war –, heute mit ständig wechselndem Bestand offen für alle wissensdurstigen Bürger.“ Das war der Leitgedanke von Gottfried Böhm, einem der bedeutendsten Architekten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu seinem Entwurf für den neuen Bau der Ulmer Zentralbibliothek.

Die Bibliothek als offener Erlebnisraum. Hier werden nicht nur Informationen vermittelt – lautet doch der Slogan der Stadtbibliothek in Ulm „Alle haben Fragen, wir haben Antworten!“ –, sondern auch Angebote zur Kommunikation gemacht. Die Bibliothek versteht sich als Ort der realen Kommunikation in Zeiten, da die virtuellen Welten immer mehr Raum greifen.

Äußerlich: in die Umgebung eingepasst

12,7 Millionen Euro hat der städtebauliche und gestalterische Solitär, der direkt neben dem Rathaus errichtet wurde, gekostet. Er liegt im kulturellen Herzen der Donaustadt in unmittelbarer Nähe zum Städtischen Museum, zur Musikschule und zum Stadtarchiv. Zugleich schließt die neue Bibliothek eine Baulücke, die an die Bombardements im Zweiten Weltkrieg erinnerte, denen knapp 80 Prozent der Ulmer Innenstadt zum Opfer fielen.

Die Pyramide am Louvre oder Alexandria als Mutter aller Bibliotheken: Dies mögen die ersten Assoziationen beim Anblick des extravaganten Baus sein, den die Bibliothek im April 2004 bezogen hat. Doch so spektakulär und singulär das Werk des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm auch wirkt, es greift zahlreiche Merkmale der umliegenden Altstadthäuser auf. Die Spitze der Pyramide ist den Spitzgiebeln der in der Nachbarschaft erhalten gebliebenen Bauten aus Spätgotik und Renaissance nachempfunden. Auch die auskragenden Geschosse der Fachwerkbauten tauchen im Neubau auf. In den filigranen Linien, die horizontal und vertikal über die grünblau changierenden Außenwände aus Glas verlaufen, findet man die mittelalterliche Fachwerkstruktur wieder. Wie in der Literatur: ein munteres Spiel mit Zitaten.

Innerlich: der Funktion angepasst

Die Offenheit, die der gläserne Bau von außen vermittelt, findet sich auch im Innern wieder. Hier gibt es – außer im Verwaltungsbereich – so gut wie keine Wände. Im Zentrum des Gebäudes steht ein Treppenhaus, das zwei lautlos gleitende Fahrstühle umschließt. Um diesen Kern herum sind die Bildschirmarbeitsplätze für die Benutzer angeordnet. So stehen die virtuelle wie die räumliche Kommunikation im Zentrum der Bibliothek.

Die offene, rot lackierte Wendeltreppe weist auch optisch den Weg in das Lesecafé im fünften Stock. Dort kann man die Tageszeitungen lesen und in Zeitschriften blättern oder einfach den großartigen Panoramablick über die Innenstadt genießen.

Im Erdschoss befindet sich der sogenannte Nahbereich der Bibliothek. Hier gibt es auf rund 350 Quadratmetern alles, was einem eher unspezifischen Informationsbedürfnis der Benutzer entspricht, was zufällig verirrte Besucher anspricht und zum Stöbern einlädt: DVDs, CD-ROMs, Hörbücher, Bestseller, Ratgeber, Comics und Cartoons, Saisonbücher, den Bibliotheksshop.

Der Mittelbereich der Bibliothek, der auf ein bestimmtes fach- oder sachgerichtetes Informationsbedürfnis antwortet, erstreckt sich auf drei Ebenen vom ersten bis zum dritten Obergeschoss. Hier sind neben der Kinderbibliothek, die Medien aus den Bereichen Natur-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften untergebracht. Dazu gehört auch eine Musikabteilung, in der ein schalldichter Raum mit elektrischem Klavier zum Anspielen von Noten einlädt.

So isoliert ist man in der Bibliothek sonst nirgends. In allen Ecken des Gebäudes sind Sessel zu kommunikativen Sitzgruppen aufgestellt. Auch die Arbeitsplätze liegen nicht abseits in einem separaten Lesesaal, sondern im hellen Randbereich zur Fassade hin – zum Teil mit attraktiven Ausblicken auf die Stadt.

Inhaltlich: den Zielen der Bibliothek verpflichtet

Besucher in der Leseecke, Copyright: M. Duckek, UlmDie Zentralbibliothek ist Teil des Bibliothekssystems der Stadt Ulm, das auch vier Stadtteilbibliotheken, eine Fahrbibliothek und eine Kinderbibliothek umfasst. Die Stadtbibliothek wurde 1516 gegründet und ist damit eine der ältesten Einrichtungen der Stadt. Kein Wunder also, dass die Bibliothek einen imposanten Altbestand von rund 45.000 Titeln, die vor 1800 erschienen sind, aufweist.

Heute versteht sich die Zentralbibliothek als moderner Vermittler von Informationen und als Mediothek. Ihr Bestand umfasst über 540.000 Medieneinheiten, neben Büchern, Zeitschriften, Zeitungen auch CDs, CD-ROMs, DVDs, Kassetten, Spiele und vieles mehr.

„Wir brauchen nicht die virtuelle Bibliothek. Wir brauchen die virtuose Bibliothek – im Sinne von „meisterhaft, technisch vollkommen“, die reale Bibliothek“ – so heißt es in den 13 Thesen zur Zukunft der Stadtbibliothek Ulm. Der Neubau in der Altstadt zeigt ganz deutlich, dass die Ulmer Bibliothekare in den letzten Jahren auch über den erfolgreichen Ausbau der elektronischen Bibliothek eines nicht vergessen haben: die Bedeutung der realen Bibliothek als Treffpunkt. Sie ist ein Ort der Kommunikation, der allen Bürgern der Stadt offen steht. Und in Ulm zudem ein Ort von glasklarer Gestalt.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2006

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