„Bunt wohnen, quer denken, anders leben“ – das Mietshäuser Syndikat

Im Unternehmensverbund Mietshäuser Syndikat sind zurzeit 66 Hausgemeinschaften und Initiativen in ganz Deutschland miteinander vernetzt.
Sie alle möchten zum bezahlbaren Preis selbstbestimmt und solidarisch wohnen – und kaufen für diesen Zweck Häuser, ohne Eigentümer zu werden.
Die Lebensentwürfe der Menschen in den einzelnen Hausprojekten sind dabei vollkommen unterschiedlich: Eine Gruppe älterer Damen in Konstanz, die ihre Idee vom gemeinsamen Wohnen ins Alter hinein umsetzt, gehört ebenso zum Syndikat wie Punker, die den stillgelegten Bahnhof im thüringischen Eisenberg nun für ein Leben „wider die abstrakten Parallelwelten“ nutzen. Studenten-WGs in Marburg haben sich in einem ehemaligen Klinikgebäude niedergelassen, und eine junge Münchner Hausgemeinschaft konnte ihren Traum vom bezahlbaren Wohnraum mitten in der Stadt verwirklichen.
Kollektive Aneignung von Häusern
Entwickelt wurde das Modell Mietshäuser Syndikat Anfang der 1990er-Jahre in Freiburg als eine Möglichkeit, besetzte Häuser zu legalisieren und so dauerhafte Wohnmöglichkeiten zu schaffen. Längst nutzen inzwischen auch andere dieses Modell, das sich als kollektive Aneignung von Häusern beschreiben lässt: langjährige Mieter zum Beispiel, die ihr zum Verkauf stehendes Haus übernehmen möchten, oder Initiativen, die in leer stehenden Gebäuden ihr Wohn- und Gewerbeprojekt verwirklichen wollen.

Der Unternehmensverbund Mietshäuser Syndikat, der ein Informations- und Beratungsbüro in Freiburg betreibt, beruht auf drei Bausteinen: den Hausvereinen, den Hausbesitz GmbHs und dem Syndikat als stabile organisatorische Klammer. Und so funktioniert das Ganze: Die Bewohner eines Hauses oder Initiatoren eines Projektes organisieren sich in einem Hausverein, der sich die Prinzipien gemeinschaftliches Eigentum, Verwaltung in Selbstorganisation und sozial gebundene Vermietung auf die Fahnen schreibt. Gemeinsam mit dem Mietshäuser Syndikat gründet man dann eine Hausbesitz GmbH, die das Gebäude kauft. Diese GmbH besteht also aus den beiden Gesellschaftern Mietshaus Syndikat (beteiligt sich mit 49 Prozent am Stammkapital) und Hausverein (beteiligt sich mit 51 Prozent am Stammkapital).
Diese Form des Immobilienbesitzes mit „Gewaltenteilung“ zwischen Hausverein und Mietshäuser Syndikat garantiert dem Hausprojekt einerseits größtmöglichen eigenen Spielraum. Gleichzeitig stellt das Mietshäuser Syndikat mit seinem Stimm- und Vetorecht in allen Fragen des Verkaufs sicher, dass kollektives Eigentum auch nach Jahren oder Jahrzehnten nicht gewinnbringend verkauft und privatisiert wird. Denn auch in der Geschichte alternativer Hausprojekte gibt es genügend Beispiele dafür, dass genau das geschehen ist, nachdem sich die Gründer zerstritten oder neue Nutzer das Projekt übernommen hatten.
Das Syndikat ist das Bindeglied
Durch die Beteiligung des Syndikats an den Hausbesitz-GmbHs entsteht ein Unternehmensverbund selbst organisierter Hausprojekte, die sich der Idee des Solidartransfers verpflichtet haben. Etablierte Projekte geben ihr Know-how an neue Hausinitiativen weiter und auch finanzielle Überschüsse kommen neuen Projekten im Solidarverbund zugute. Das Syndikat ist das Bindeglied, das die Hausbesitz-GmbHs verknüpft – fest und dauerhaft, denn eine GmbH ist von einem Gesellschafter einseitig nicht auflösbar.
Dass sich ausgerechnet die GmbH als zentrale Rechtsform des Kapitalismus offenbar bestens dazu eignet, Gebäude und Grundstücke dem Immobilienmarkt auf Dauer zu entziehen, also Eigentum zu „neutralisieren“, ist nicht ohne Ironie. Sabine Herrmann sieht das pragmatisch. Seit November 2008 wohnt die Softwareentwicklerin in der Hausgemeinschaft „Ligsalz8“ im Münchner Stadtteil Westend, sie ist eine von 12 Mieterinnen und Mietern der Hausbesitz GmbH. Vorausgegangen waren geplatzte Notartermine, turbulente Plenumssitzungen im Haus, ein Jahr „Samstagsbaustelle“ in Eigenhilfe sowie die professionelle Aufstockung des Gebäudes.
Lohnende Investition
„Mit viel Engagement und Arbeit haben wir gemütliche Wohnungen mit bezahlbaren Mieten und halböffentliche Räume für Veranstaltungen geschaffen“, sagt Sabine Herrmann: „Dieser Mehrwert soll unbedingt erhalten bleiben.“ Das Syndikatsmodell sei für diesen Zweck besser geeignet als beispielsweise ein Verein, dessen Satzung „leicht zu kippen“ sei. Und auch Genossenschaften als andere alternative Rechtsform hätten Nachteile: Einzelgenossenschaften seien nicht miteinander zu verknüpfen wie GmbHs im Syndikat, und eine „Großgenossenschaft“ für alle Häuser ließe den einzelnen Projekten zu wenig Spielraum.
Finanziert wurde der Hauserwerb in der Ligsalzstraße 8 mit einem Bankdarlehen und Direktkrediten, also Geld, das Freunde, Verwandte und Unterstützer des Hausprojekts zinsgünstig zur Verfügung stellen. So wie es aussieht eine lohnende Investition: „Das Viertel entwickelt sich total nett“, so Sabine Herrmann. Und das „große Wohnzimmer“ der Bewohner, der ehemalige Laden im Erdgeschoss des Gebäudes, ist zum geschätzten Treffpunkt geworden. Vorträge mexikanischer Polit-Aktivisten haben hier ebenso ihren Platz wie ein entspannter Sonntagsbrunch.
ist freie Journalistin in Berlin.
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August 2009
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