Modethemen in Deutschland

Der Stil der Straße

© Modedorf

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Fashion Blogger, die Fotos modisch gekleideter Menschen ins Internet stellen, erfreuen sich einer wachsenden Fangemeinde. Auch in Deutschland haben sich Streetstyle-Blogs etabliert.
Der größte Laufsteg der Welt
Der wichtigste Laufsteg der Welt sind die Modenschauen in Paris und Mailand, der größte jedoch ist die Straße, und sie nimmt an Bedeutung zu. Das liegt nicht nur daran, dass viele Designer sich gern davon inspirieren zu lassen, was die Menschen in den Cafés und Clubs der Metropolen tragen. Seit gut zwei Jahren hat der Streetstyle seinen großen Auftritt auch im Internet: Styleblogger laufen durch die Städte, fotografieren die Menschen, deren Outfit sie für bemerkenswert halten und stellen diese Bilder dann auf ihre Seiten. Rund 800 Fashion Blogs gibt es momentan weltweit, Tendenz steigend.
Die bekanntesten Styleblogger, bei denen sich Designer und Modemagazine weltweit Anregungen holen, kommen aus New York und London. Scott Schumans The Sartorialist zählt pro Tag über 20.000 Besucher, er wurde vom Time Magazine unter die 100 wichtigsten „Design Influencers“ der Welt gewählt. Der Fotograf Yvan Rodic reist für seinen Blog Facehunter um die ganze Welt. Und auch in Deutschland sind die Streetstyle-Blogs angekommen. In Hamburg, München, Düsseldorf und Berlin gehen Fashionfans regelmäßig mit der Kamera auf die Jagd nach dem modischsten Dress. Einige der von ihnen gestalteten Blogs wirken wie das Tagebuch einer Vorstadt-Fete. Aber andere sind richtig gut.
Styleclicker aus München
Einen der besten macht der Münchener Gunnar Hämmerle zusammen mit seinem Bruder. Die Idee zu Styleclicker hatten sie im Sommer 2006. Es war die Zeit, als das Web 2.0 groß wurde. Hämmerle hatte die Filmhochschule beendet, sein Bruder den Job bei einem Start-up gekündigt. Jetzt geht Gunnar Hämmerle vorzugsweise samstags auf die Suche nach spannend gekleideten Menschen. „Mich interessieren nicht die Modeströmungen, sondern die Leute“, sagt er. „Stil hat damit zu tun, dass man anzieht, was zur Persönlichkeit passt und, dass man Mode als Feld der Kreativität ansieht, auf dem man sich ausprobieren kann.“
Wenn sein Blick an jemandem hängen bleibt und er die Person anspricht, bekommt er meist positive Reaktionen. Fast alle lassen sich gerne fotografieren, schließlich ist es ein Kompliment, von einem Styleblogger angesprochen zu werden. Diese verfolgen keine kommerziellen Interessen und müssen auch gegenüber niemandem Rechenschaft ablegen, außer ihrem eigenen Geschmack. So findet man bei Gunnar Hämmerle nicht nur Hipster, auf seiner Seite kommen auch Babys und ältere Herren vor. Styleclicker hat seinen eigenen Stil. Das haben auch die alten Medien bemerkt, und so hat Hämmerle eine wöchentliche Fotokolumne in der Süddeutschen Zeitung und veröffentlicht in internationalen Streetstyle-Zeitschriften.
Oftmals ziemlich nah am Puls der Zeit
In Hamburg gibt es zwei Seiten mit Mode von der Straße, von denen die empfehlenswertere HH Streetstyle allerdings nach gutem Start im Januar 2008 im März keinen Eintrag verzeichnet. Düsseldorf bietet gleich drei Streetstyle-Blogs. Den interessantesten macht Claudio Weber, der während der Woche in der Werbung arbeitet. Erst Anfang 2008 ist er mit Modedorf online gegangen, inspiriert von den vielen Steetstyle-Bildern im Netz. „Die Blogs sind eine gute Alternative zu den Modestrecken der Hochglanzmagazine und zeigen, was tatsächlich tragbar ist. Sie sind authentischer und oftmals auch ziemlich nah am Puls der Zeit.“
Claudio Weber hat seine Kamera immer dabei. „Trends spielen bei mir erstmal keine Rolle. Mir fallen außergewöhnliche Farbkombinationen auf, ein toller Schnitt, oder einfach nur jemand, der etwas Unscheinbares unglaublich gut trägt“, erklärt er. Und obwohl er noch nicht lange aktiv ist, hat die etablierte Modewelt schon Kontakt zu ihm aufgenommen. In den letzten Wochen sind einige Einladungen zu Defilees bei ihm eingetrudelt.
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© Styleclicker

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Befreiung vom einheitlichen Modediktat
Die Modebranche beschäftigt sich mit den Fashion-Blogs, das kann auch Natasha Binar bestätigen, obwohl sie deren Bedeutung nicht überschätzen möchte.

„Blogs befreien von dem einheitlichen Modediktat und spiegeln die tägliche Dresskultur wieder. Außerdem sind sie ein gutes Instrument für die Marktforschung", findet die Inhaberin von No.mad, einer in London und Berlin ansässigen Agentur für die Kunst- und Modeszene. Binar hat 2007 eine Ausstellung mit Fotos vom Londoner und Berliner Streetstyle gemacht: „Ich liebe Blogs! Die legen so viel Energie in ihre Arbeit.“

So wie Mary Scherpe und Benjamin Richter, die zu den Fotos auf ihrem Blog Stilinberlin auch Kurzinfos darüber geben, von welcher Marke oder aus wessen Kleiderschrank die Hemden, Hosen und Schuhe sind. Inspiriert durch Vorbilder aus New York, Tokio und Paris haben sie im März 2006 mit dem ersten Streetstyle-Blog Deutschlands angefangen. Je nach Zeit, Wetter und Ausbeute laden sie pro Woche zwischen null und zehn Fotos auf ihre Seite. Das wollen mittlerweile pro Tag etwa 2.000 Menschen sehen, so hoch ist die Besucherzahl, die auch Styleclicker schon erreicht hat.
Berlin-Mitte-Stil
Scherpe und Richter studieren Kunstgeschichte und Japanologie und halten sich selbst nicht für Stilikonen. Sie würde es nicht in Stilinberlin schaffen, sagt die 25-jährige Mary Scherpe, denn dazu kleide sie sich zu langweilig - im Vergleich zu dem, was sie sucht. Doch dafür gibt es genug andere, „die eine glaubhafte modische Ausstrahlung haben“. Die beiden werden meist in Berlins In-Bezirk Mitte fündig, und so spiegelt ihre Seite auch den Mitte-Stil wider:

Den ungezwungenen Mix aus Markenkleidung, Billigklamotten und Selbstgemachtem - eigensinnig aber selten elegant. Das soll auch so sein, denn Scherpe und Richter wollen, so wie auch Gunnar Hämmerle und Claudio Weber, den Stil ihrer Stadt zeigen.
© Styleclicker

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Stefanie Dörre
ist Redakteurin beim Berliner Stadtmagazin „Tip“

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Juni 2008
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